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98-jährige geflüchtete Ukrainerin: „Warum dieser Krieg?“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Vier Generationen: Alexandra Kosiakova (98), ihre Tochter Alla Skliaruk (64), Enkelin Alina Khimich (32) und Urenklin Viktoria Khimich (10). Mit auf der Flucht aus Kiew nach Frankfurt war auch der einzige Mann der Familie: Hund Roma.
Vier Generationen: Alexandra Kosiakova (98), ihre Tochter Alla Skliaruk (64), Enkelin Alina Khimich (32) und Urenklin Viktoria Khimich (10). Mit auf der Flucht aus Kiew nach Frankfurt war auch der einzige Mann der Familie: Hund Roma. © christoph boeckheler*

Alexandra Kosiakova (98) ist mit ihrer Familie vor fünf Monaten aus Kiew nach Frankfurt geflohen. Sie mögen Frankfurt- und doch vermissen sie ihre Heimat sehr.

Babuschka, wie ihre Familie die 98-Jährige liebevoll nennt, sitzt mit Blümchen-Oberteil und rosa Spängchen im Haar auf dem Balkon einer Frankfurter Wohnung. Ihre Haare hat Alexandra Kosiakova seit dem ersten Treffen im April wachsen lassen. Die Ukrainerin fragt: „Warum dieser Krieg? Für wen? Für was?“ Diese Sätze sagt sie auf Deutsch, mit Tränen in ihren klaren blauen Augen.

Fünf Monate ist es her, dass sie aus dem Kiewer Luftschutz-bunker in den Bus Richtung Deutschland gestiegen ist. Um ihre Familie zu retten, hat sie ihr Heimatland verlassen. Denn ohne sie wären ihre Tochter Alla Skliaruk (64), ihre Enkelin Alina Khimich (32) und ihre Urenkelin Viktoria (10) nicht gegangen. Mit auf der Flucht war auch ihr kleiner Hund Roma, der einzige Mann der Familie, der fröhlich durch die Wohnung läuft, sich sehr gerne streicheln lässt und so auf seine Art Trost spendet.

Die vier Frauen vermissen ihre Heimat. Das erzählen sie an diesem Sommertag: von der russischen Sprache, die sie nur noch miteinander sprechen, den Freund:innen und dem Essen, von ihrer Wohnung in einem Kiewer Hochhaus, in der noch das Klavier steht, auf dem Alla Skliaruk und Alina Khimich immer gespielt haben. Für Kosiakova ist es nicht die erste Kriegserfahrung: Als 19-Jährige wurde sie im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten nach Deutschland verschleppt, arbeitete auf einem Bauernhof als Zwangsarbeiterin. Sie hatte geglaubt, dass sie nie nach Deutschland zurückkehren werde. Aber die 98-Jährige ist eine Kämpferin. „Sie war heute eine Heldin“, sagt ihre Tochter. Denn obwohl Kosiakova schwer an Arthrose erkrankt ist, nachts vor Schmerzen wach wird und gerade so mit einem Gehstock ein paar Schritte schafft, ist sie vier Stockwerke hochgelaufen. „Der Fahrstuhl im ukrainischen Generalkonsulat war kaputt, aber sie musste dort persönlich ihren neuen Pass abholen“, erzählt ihre Tochter. Ihre Wohnung im zweiten Stock hat eine Frankfurter Familie extra für die Frauen für ein Jahr angemietet, nachdem sie über ihr Schicksal in der FR gelesen hatten. Damals suchten sie dringend eine Wohnung, am besten auch eine, die wie diese einen Fahrstuhl hat. Viele Leser:innen meldeten sich, um zu helfen.

An diesem Abend gibt es etwas Heimatgefühl auf dem Tisch: Mini-Schnitzel, Kartoffeln und Blinis (russische Pfannkuchen), mit Pilzen gefüllt. Die Frauen lachen, erzählen Anekdoten aus dem Alltag vor dem Krieg: „Als mein Freund zum ersten Mal zu Besuch kam, hat meine Mutter ihm einen so starken Kaffee gemacht, dass sein Blutdruck so krass hoch stieg, dass er nie wieder einen Kaffee bei uns wollte“, sagt Alina Khimich und lacht. Die 32-Jährige erzählt aber auch, wie ihr Freund sie angsterfüllt um 4 Uhr morgens in Frankfurt anrief, als es einen Raketenangriff in einem Vorort von Kiew gab, und wie sie versuchte, ihm drei Stunden am Telefon beizustehen.

Khimich, die Luftfahrttechnik studiert hat und einen Schönheitssalon in Kiew hatte, sucht immer noch einen Job, ein Praktikum. Zurzeit besucht sie einen Deutsch-Sprachkurs: „Es fällt mir schwer, mir die Wörter zu merken, ich habe Jahre lang nichts auswendig gelernt.“ Wenn die Wäsche vom Balkon unten auf den Nachbarbalkon fällt, müsse ihre Oma, die Deutsch in der Schule hatte, einen Zettel schreiben, auf dem steht: „Entschuldigen Sie bitte, wir sind von oben, wir möchten unsere Wäsche abholen.“ Kosiakova sagt, sie habe viele Worte vergessen. Zu lange habe sie kein Deutsch gesprochen. Als Übersetzerin beim Interview ist Xenia Besarabska (31) dabei. Die Sachsenhäuserin, gebürtige Ukrainerin und Grundschulfreundin von Alina Khimich, unterstützt die Frauen von Beginn an. „Sie sind schon viel selbstständiger geworden.“ Bei Arztbesuchen brauchen sie aber ihre Hilfe. „Wir wurden leider schon oft von Ärzten weggeschickt, weil unser Deutsch nicht gut genug ist“, erzählt Alla Skliaruk.

Urenkelin Viktoria liegt beim Interview auf dem Sofa und schaut Videos. An den Wänden hängen Zeichnungen von ihr, die an Manga-Charaktere erinnern. Momentan träumt sie davon, Cutterin beim Film zu werden. Die Zehnjährige, die mit 1,63 Meter schon so groß wie ihre Mutter ist, vermisst ihre Freundinnen, den Schrebergarten und eben Dinge wie Blinis. „Nur McDonald’s mag ich, das schmeckt genauso wie Zuhause.“ Der Vater, von dem die Mutter geschieden ist, musste wie alle Männer zwischen 18 und 60 Jahre in der Ukraine bleiben. Sie telefonieren regelmäßig. Via Online-Unterricht hat Viktoria die vierte Klasse in der Ukraine beendet. Vor den Sommerferien war sie bereits für ein paar Wochen in einer fünften Klasse in Frankfurt. „Und sie hat in Mathe gleich eine 2 geschrieben. Sie hat dann auch anderen Schülern bei dem Lösen der Aufgaben helfen können. Denn in der Ukraine ist der Fokus auf naturwissenschaftliche Fächer sehr groß. Sie sind da schon viel weiter als hier die Fünftklässler“, erzählt Alla Skliaruk. Nach den Schulferien wird Viktoria die sechste Klasse eines Gymnasiums besuchen. Noch spricht sie aber kein Deutsch. Ihre Uroma bemerkt etwas streng: „Sie will nicht.“ Ihre Mutter sagt: „Sie ist in der Pubertät.“ Sie habe oft keine Lust rauszugehen, habe hier auch noch keine Freundinnen. „Wir waren aber schon mit ihr im Filmmuseum oder mit dem 9-Euro-Ticket in Baden-Baden oder Würzburg“, erzählt Alina Khimich.

Sie machen nur Tagesausflüge, denn abends kehren sie zur Uroma zurück, die zu Hause bleibt, weil das Reisen für sie zu anstrengend ist. „Wir haben sie aber schon im Rollstuhl durch die Altstadt gefahren“, so Khimich. Alexandra Kosikova sagt: „Die Architektur in Frankfurt ist wirklich schön.“ Und doch vermisse sie Kiew, das sehr grün sei. Eine Nachbarin schaue ab und zu nach ihrer Wohnung. „Wir müssen weiter die Nebenkosten zahlen“, sagt Alla Skliaruk. Momentan leben sie von Sozialleistungen. In Kiew haben sie eine Vier-Zimmerwohnung, in Frankfurt teilen sich Alina und Viktoria im großen Wohnzimmer eine Schlafcouch, Alla und Alexandra ein großes Bett im Schlafzimmer.

Alexandra Kosikova wünscht sich, an ihrem 99. Geburtstag am 15. Februar wieder zu Hause zu sein. Aber sie weiß nicht, ob sie darauf hoffen kann. Jede Nacht sieht sie von Mitternacht bis zwei Uhr morgens Nachrichten, Reportagen, die das ukrainische Fernsehen zeigt. Sie schaut sie auf dem Smartphone, der Laptop der Familie ist kaputt gegangen, einen neuen können sie sich nicht leisten. Kosikova sagt: „Wir waren mit Russland brüderlich verbunden. Wir hätten uns niemals vorstellen können, dass wir Feinde werden. So viele Tote auf beiden Seiten.“ Ihre Enkelin betont: „Egal, wie es mit uns weitergeht, ob wir hier bleiben werden. Wir wünschen uns nur eins, dass es Frieden gibt.“

Wie geht es weiter mit den vier Frauen? Wir begleiten die Familie und berichten regelmäßig über ihr neues Leben in Deutschland.

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