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73 neue Stolpersteine in Frankfurt

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Von: Kathrin Rosendorff

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Eduardo und Monika Vorchheimer mit dem Brustbeutel und den Gebetsseiten des Vaters, mit denen er als Teenie floh.
Eduardo und Monika Vorchheimer mit dem Brustbeutel und den Gebetsseiten des Vaters, mit denen er als Teenie floh. © Monika Müller

Familien aus den USA, England und Argentinien sind für die Stolpersteinverlegungen nach Frankfurt gereist und sind berührt,

Auf einem Plakat in der Lersnerstraße 30a im Frankfurter Nordend ist zu lesen: „Steine gegen das Vergessen“. Unweit davon umarmen sich am Dienstagnachmittag die Geschwister Eduardo und Monika Vorchheimer. Sie sind umringt von einer kleinen Menschenmenge, Musiker spielen. Gerade sind vier Stolpersteine für die Familie der Geschwister verlegt worden: Für ihre Großeltern Gerson und Irma, ihren Vater Bertram und ihre Tante Gertrude. Alle vier, die in der Lernsnerstraße im vierten Stock lebten, konnten nach Argentinien vor den Nationalsozialisten fliehen. „Unser Vater erzählte uns immer über sein Leben in Frankfurt und wie glücklich er gewesen war – bis 1933“, sagt Eduardo Vorchheimer.

Bis Mittwoch gibt es 73 neue Stolpersteine: Der Künstler Gunter Demnig hat die Messingtafeln mit den Lebensdaten verfolgter Frankfurter Bürgerinnen und Bürger an drei Tagen an 24 Stellen in acht Stadtteilen vor dem letzten frei gewählten Wohnort der Opfer verlegt. Diesmal sind seit der Pandemie auch wieder viele Familien aus dem Ausland dabei. Eduardo und Monika Vorchheimer sind extra aus Argentinien angereist. Beide kämpfen mit den Tränen, als sie von ihrem Vater, der 1919 in Frankfurt geboren wurde und 1996 in Buenos Aires starb, erzählen.

Einer der rührensten Momente ist, als Eduardo Vorchheimer (60) während seiner Rede aus einem Plastikbeutel einen Brustbeutel seines Vaters Bertram, der später in Argentinien den Vornamen Beltran annahm, hochhält: „Dieser Brustbeutel war das Einzige, was mein Vater aus Deutschland auf seiner Flucht mitnehmen konnte. Darin hatte er acht Reichsmark.“ Außerdem hatte er nur noch zwei Gebetsseiten dabei, die sein Vater ihm gegeben hatte und die über 100 Jahre alt sind. „Wenn ich jetzt reise, habe ich sie immer bei mir“, sagt Eduardo Vorchheimer.

1933 muss sein Vater Bertram die Schule ein Jahr vor dem Abitur verlassen, 1936 flüchtet er zunächst alleine nach Argentinien zu seinem Onkel Dr. Rosengarten. Der Vater Gerson Vorchheimer (Jahrgang 1885) wurde am 9. November 1938 im Verlauf der Pogromnacht verhaftet und als sogenannter Aktionsjude im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Über 9000 jüdische Männer wurden hier inhaftiert, misshandelt und ausgeraubt. Sie sollten zur Auswanderung gezwungen werden.

Nach seiner Entlassung am 12. Dezember 1938 bereitet er die Flucht seiner Familie nach Argentinien vor. Die drei Familienmitglieder flüchteten 1939 über England nach Buenos Aires. Und sind so mit Beltran Vorchheimer wieder vereint. Dieser wird später Teilhaber einer Automatendreherei. „Mein Vater war ein sehr bescheidener Mann, sehr stiller Mann. Ich weiß nicht, ob er glücklich wäre, seinen Namen hier zu lesen, weil er gerne im Hintergrund blieb. Aber ich bin sicher, dass er sehr glücklich wäre, dass an die Geschichte unserer Familie erinnert wird. Gerade jetzt, 77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Er hätte nie geglaubt, dass es so einen schrecklichen Krieg noch mal in Europa geben würde“, sagt die 62-Jährige.

Am Dienstag werden die Stolpersteine für ermordete oder zur Flucht getriebene jüdische Frankfurter Bürgerinnen und Bürger im Nordend, Westend, Ostend und in Bornheim verlegt. Dabei ist der Zeitplan straff: Mit dabei sind auch die Frauen und Männer der Initiative Stolpersteine, die mit dem Rad oder Auto die elf Orte von 10 bis 16.10 Uhr abfahren und bei den Zeremonien dabei sind. Martin Dill von der Initiative sagt über den Künstler und Erfinder der Stolpersteine, Gunter Demnig: „Er hat jetzt 90 000 Stolpersteine in Europa verlegt.“ Seit 2003 sind es allein in Frankfurt fast 1700 Stolpersteine.

Bereits am Morgen gibt es eine besondere Zeremonie vor dem ehemaligen Jüdischen Kinderheim der Flersheim-Sichel-Stiftung in der Ebersheimstraße 5 im Dornbusch: Dort wird im Gehweg auf Initiative des Ortsbeirats eine 65 Zentimeter lange „Stolperschwelle“ aus Messing verlegt. Mit ihr soll an die ab 1941 deportierten und ermordeten etwa 80 Kinder und Mitarbeiter:innen wie auch an die anderen Bewohner:innen, die 1939 durch Kindertransporte nach England gerettet werden konnten, erinnert werden.

Mit 15 Jahren gelingt es Egon Ernst Auerhan, der in der Baustraße 10 im Nordend aufwächst, dem Tod zu entfliehen: Denn im April 1940 landet er mit einer von den Quäkern organisierten Kinderverschickung über Italien in den USA. Sein Sohn Ron Mossler (62) ist mit seiner Frau Belinda und ihren Kindern Mariana (28) und Max (30) aus Los Angeles zur Stolpertsteinverlegung angereist. „Es ist mein erstes Mal hier in Frankfurt“, erzählt Ron Mossler, der sichtlich wie die ganze Familie gerührt ist.

Weitere Stolpersteine Am Mittwoch

An diesem Mittwoch werden neben vielen anderen auch Stolpersteine für den bekannten Frankfurter Maler Jakob Nussbaum und seine Familie in der Paul-Ehrlich-Straße 41 in Sachsenhausen verlegt (10.35 Uhr). Er konnte mit seiner Familie bereits 1933 nach Palästina fliehen, wo er drei Jahre später starb.

Weitere Stolpersteine erinnern an verfolgte Mitglieder Frankfurter Sportvereine. So initiiert Eintracht Frankfurt den Stolperstein für Joseph Klibansky im Reuterweg 73 (11.45 Uhr), und die

Frankfurter Rudergesellschaft Germania gedenkt verfolgter Mitglieder in der Staufenstraße 31 (14.15 Uhr) und der Leipziger Straße 34 (15.20 Uhr). Die Verlegungen sind öffentlich. rose

Auf den Stolpersteinen stehen die Namen seiner Großeltern Camilla und Felix Auerhan, die beide deportiert wurden und starben. Todesdatum unbekannt. Neben ihren Stolpersteinen liegen die, die an Mosslers Vater Egon Ernst (1925 geboren) und dessen Bruder Heinz (1921 geboren) erinnern sollen. Die Mutter hatte Egon Ernst kurz nach der Scheidung bereits 1937 in einem orthodox jüdischen Kinderheim in Köln abgegeben. „Jahrelang glaubte mein Vater, dass seine Mutter ihn nicht liebte, dabei wollte sie ihn nur vor den Nazis retten. Das erkannte er aber erst viel später“, sagt Ron Mossler.

Im Zuge des Novemberpogroms wird Egon am Tag seiner Bar-Mizwa nach Buchenwald verschleppt, nach kurzer Zeit aber wieder freigelassen und kann so eben in die USA fliehen.

Der Teenager hat in den USA aber keinen leichten Start. Er reist von New York nach Chicago zur Familie Mossler, die seinen Bruder Heinz, der bereits 1934 mit einem Kindertransport ankam, aufgenommen hatte. Doch die Pflegemutter lehnt Egon ab. Er kommt in einer Pflegefamilie in Chicago unter. Dort bleibt er, bis er 1943 in die US-Armee eintritt. Von 1944 bis Juni 1946 ist er als Soldat in Europa und wird in Deutschland und Österreich als Übersetzer und Vernehmer beim „Counter Intelligence Corps“, der Spionageabwehr der US-Armee, eingesetzt. Während dieser Zeit änderte er seinen Vornamen zu Ed. Nach der Entlassung aus der Armee im Juni 1946 zieht er zu seinem Bruder und der Familie Mossler nach Indiana und nimmt auch deren Namen an. Im gleichen Jahr zieht die Familie Mossler nach Kalifornien. Dort eröffneten sie 1947 in Santa Monica das Familienunternehmen „Phil Mossler and Sons, Manufacture Representatives“, einen Großhandel für Haushaltswaren. 1955 heiratet Ed Mossler in Los Angeles Eleanor „Ellie“ Grünbaum. 1958 und 1960 kommen dort ihre beiden Söhne und 1963 ihre Tochter zur Welt, Ed Mossler stirbt am 21. März 2014, sein Bruder Hy Mossler am 2. Juni 2016 im Alter von 95 Jahren, beide in Los Angeles.

Die Brüder bleiben bis zu ihrem Lebensende eng verbunden. Im Westend, in der Leerbachstraße 7, die, als Max und Ruth Goldschmidt hier lebten, noch die Leerbachstraße 15 war, ist nicht nur zur Stolpersteinverlegung Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) gekommen, sondern auch ganz viel Familie: Der Sohn ist der bekannte 83-jährige John D. Goldsmith, Präsident des Anne-Frank-Fonds in Basel: Er erzählt die Geschichte seiner Eltern auf Deutsch, dann auf Englisch, damit es auch die mitgereisten Nachkommen der Goldschmidts verstehen. Denn seine Eltern überlebten nur, weil sie 1937 nach England ausreisen konnten.

Als Geschäftspartner von Ernst Sachs hatte Max Goldschmidt zuvor bei „Fichtel und Sachs“ erreicht, dass sie sich von der Fahrradtechnologie hin zu standardisierten Motorteilen für Zwei- und Vierräder neu orientierte. Nach dem Tod von Ernst Sachs 1932 drängt dessen Sohn Willy Sachs, ein NSDAP-Mitglied, bereits 1934 Goldschmidt aus den gemeinsamen Verträgen.

Der britische Konsul Smallbones in Frankfurt hatte für Goldschmidt einen Neustart in Leicester vorbereitet. Goldschmidt kam 1939, nach Eintritt der Briten in den Krieg, als „enemy alien“ in ein Internierungslager; er wurde nach drei Monaten entlassen, da man erkannte, dass dieser Ingenieur für die eigene Kriegstechnologie wichtig werden könnte.

Der Familie wurde die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, 1946 werden sie britische Staatsbürger. Und nennen sich Ruth und Mac Goldsmith. Sie engagieren sich unter anderem im „Central British Fund for Refugees“ (CBF).

Bereits 1946 strengt Mac Goldsmith einen Prozess gegen Fichtel und Sachs zu seiner Rehabilitierung und für eine Wiedergutmachung an. Der Prozess endet 1951 in einem Vergleich mit einer beschämenden Abfindung. Aber er kann zumindest mit diesem Geld zahlreiche geflüchtete Familienmitglieder in den USA unterstützen.

Darüber ist auch sein Sohn sehr stolz, wie er betont. Neben John D. Goldsmith steht seine Schwester Ann Stanton. Die 79-Jährige hat drei Töchter und neun Enkel:innen. Ein paar von ihnen sind dabei. Einer der Urenkel sagt später zu John D. Goldsmith: „Gute Rede!“

Aus Los Angeles reisten Ron Mossler (sein Vater war Egon Auerhan) und Mosslers Kinder Max und Mariana und seine Frau Belinda ( v.li) an.
Aus Los Angeles reisten Ron Mossler (sein Vater war Egon Auerhan) und Mosslers Kinder Max und Mariana und seine Frau Belinda ( v.li) an. © Monika Müller
John D. Goldsmith, Präsident des Anne-Frank-Fonds und Sohn von Max und Ruth Goldschmidt reiste aus Basel an. Seine Familie entfloh den Nazis, weil si enach England fliehen konnten.
John D. Goldsmith, Präsident des Anne-Frank-Fonds und Sohn von Max und Ruth Goldschmidt reiste aus Basel an. Seine Familie entfloh den Nazis, weil si enach England fliehen konnten. © Monika Müller
Stolpersteine für Gerson, Gertrude, Irma und Bertram Vorchheimer, die nach Argentinien flohen.
Stolpersteine für Gerson, Gertrude, Irma und Bertram Vorchheimer, die nach Argentinien flohen. © Monika Müller

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