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550 Meter Zuhause im Frankfurter Bahnhofsviertel

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Von: Yağmur Ekim Çay

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Nazim Alemdar vor seinem Kiosk Yok Yok in der Münchener Straße 32 im Frankfurter Bahnhofsviertel.
Nazim Alemdar vor seinem Kiosk Yok Yok in der Münchener Straße 32 im Frankfurter Bahnhofsviertel. Foto: Michael Schick © Michael Schick

Die Münchener Straße im Frankfurter Bahnhofsviertel ist eine ganze Welt für sich. Ein Gespräch mit dem Kioskbesitzer Nazim Alemdar, der seit mehr als 40 Jahren hier arbeitet.

Ich wünsche mir in ganz Deutschland mehrere Münchener Straßen wie unsere in Frankfurt“, erzählt der 60-jährige Nazim Alemdar, der seit 1977 in Deutschland lebt und davon seit mehr als 40 Jahren im Bahnhofsviertel arbeitet. Bei einem kurzen Spaziergang auf der Münchener Straße wird Nazim von mehreren als „Abi“ begrüßt – großer Bruder. Denn er kennt viele hier in der Münchener Straße und nennt sich „einen Frankfurter aus dem Bahnhofsviertel“. Seit Ende der 1970er Jahre hatte er mehrere Läden dort, heute ist sein Kiosk „Yok Yok“ eine sogenannte „Institution“ in Frankfurt, in der sich viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen treffen.

Anfang der 80er Jahre eröffneten Nazim und seine Freunde eine türkische Videothek, „TMM“ – Türkischer Musikmarkt, in der Elbestraße. „Damals mit der Familienzusammenführung kamen viele nach Deutschland. Die Leute langweilten sich zu Hause, sie verstanden kein Deutsch. Damals haben wir gesagt, dass wir die Filme in Videos umwandeln sollten, damit die Leute die Filme auf Türkisch sehen können“, erzählt er.

Doch die Jahre zwischen 1985 und 1990 seien schwierig gewesen, denn es herrschte viel Leerstand. „Während davor fast 14 000 Menschen hier lebten, ist die Zahl der Menschen, die hier wohnen, auf 2000 bis 3000 gesunken. Die Straßen wurden menschenleer, der Drogenkonsum hat zugenommen. Große Ketten wie Rossmann, Tengelmann oder DM haben ihre Läden geschlossen. Zu dieser Zeit eröffneten wir einen Laden in der Münchener Straße.“ Im Jahr 2008 schloss Nazim seinen Musikmarkt und eröffnete dort den Kiosk „Yok Yok“ in der Hausnummer 32. Heute ist die Münchener Straße eine der beliebtesten Straßen der Stadt, mit verschiedenen Bars, Supermärkten und mit Spezialitäten aus der ganzen Welt.

In Nazims Kiosk liegen mehrere Ordner. In ihnen sammelt er schon seit Jahren Artikel und Berichte über das Bahnhofsviertel. „Mit den türkischen Händlern kam die Belebung“ etwa lautet der Titel eines Artikels in der FAZ aus dem Jahr 2002, den Nazim in seinem Heft herausnimmt und ganz stolz zeigt. Auch er sei einer dieser Händler, die die Belebung brachten. „Es waren die Türken, die diese Straße wieder lebendig und sicher gemacht haben. Viele ließen sich hier nieder. Das Leben kam zurück“, sagt Nazim.

Doch dass das Bahnhofsviertel als „Problemviertel“ angesehen werde und es überall in Deutschland negative Berichte gebe, gefalle ihm nicht. „Niemand behauptet, dass dieses Viertel eine sehr saubere, problemlose, sehr schöne Gegend ist. Hier gibt es einige negative, aber auch positive Hotspots. Wir müssen gemeinsam als Presse, Stadt, Vereine, Menschen, Vermieter und Unternehmen versuchen, die negativen Hotspots zu minimieren, aber auch die positiven zu steigern.“

Denn man habe erst verloren, wenn niemand mehr ins Bahnhofsviertel komme. Nazim engagiert sich in verschiedenen Vereinen und Organisationen, unter anderem im „Gewerbeverein Treffpunkt Bahnhofsviertel“, der mit der Initiative „Auf ins Viertel“ eine breite Öffentlichkeit ins Bahnhofsviertel einladen will.

Er könnte hier einiges zeigen: Neben den „negativen Hotspots“ im Bahnhofsviertel sieht die Münchener Straße ganz anders aus. Hier ist immer Bewegung. Sie ist laut, jung und hipp., die Straßenbahn fährt hier entlang, Bars und Restaurants bringen auch abends viel Leben. In der Münchener Straße kann man sich schnell zugehörig fühlen, hier treffen sich ganz unterschiedliche Frankfurter:innen – mal für ein Feierabendbier vor dem Yok Yok, mal für ein schickes Essen im Club Michel oder sie besuchen den Friseur Goldene Schere.

„Wenn jemand sagt, dass das Bahnhofsviertel gefährlich ist, sage ich, dass es nicht gefährlich ist, weil ich den Ort kenne. Meiner Meinung nach ist der sicherste Teil von Frankfurt die Münchener Straße“, meint Nazim. „Hier ist rund um die Uhr Leben. Wenn einem etwas passiert und man um Hilfe bittet, dann kommen 30 Leute.“

Nazim ist ein Frankfurter, und das sagt er auch gerne. Er hat noch eine lange Liste für die Dinge, die er für das Bahnhofsviertel tun will. Ein sehr engagierter Mann, der bis an sein Lebensende bei seinen Kunden, seiner sogenannten Familie, sein will. „Die Münchener Straße ist 550 Meter lang, und das ist mein Zuhause“, sagt Nazim. „Das ist für mich ein Ort, an dem ich dafür kämpfe, dass er ordentlicher und schöner wird, ein Ort, den ich immer wiedersehen will.“

Aber es gibt eine Sache, die sein Engagement behindert: Das Wahlrecht. Wie rund zehn Millionen andere Menschen darf er nicht wählen, weil er keinen deutschen Pass hat. Vor der Feldmann-Abwahl sei er von der Presse gefragt worden, was er darüber denkt. Er habe dazu seine Meinung nicht äußern wollen, denn seine Stimme nicht mal zählen wird.

Er habe nichts mit der Politik der Türkei zu tun, auch die Fragen zu Erdogan gefallen ihm nicht. Über Frankfurt könnte er hingegen vieles erzählen. „Ich liebe die Frankfurter Kultur und sehe mich heute als Teil dieser Kultur“, sagt Nazim. Die Münchener Straße sei ein Beispiel für diese Kultur, von der er gerne mehr in Deutschland sehen wwürde – für ihn ist die Straße ein Ort, der viele zusammenbringt, ein Spiegel der Realität in Deutschland.

Doch eine Frage beschäftigt Nazim und viele andere in der Münchener Straße noch: „Ich bin seit 42 Jahren hier und möchte meine Stimme auf der kommunalen Ebene äußern. Warum darf ich nicht wählen?“ fragt er.

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