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Protest gegen die Wohnungspolitik des SPD-geführten Magistrats im Oktober 1970 an der Hauptwache.

Geschichte

Kampf den Spekulanten

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Vor 50 Jahren trug die Aktionsgemeinschaft Westend den Protest gegen Wohnraumzerstörung auf die Straßen. An der verfehlten Planungspolitik von damals krankt die Stadt Frankfurt noch heute.

Die Anfänge sind bescheiden und friedfertig. Am 14. August 1970 laufen etwa 200 Menschen sehr geordnet durch die Frankfurter Innenstadt. Sie tragen selbstgefertigte Transparente mit Aufschriften wie „Stoppt den Terror der Spekulanten“. Eine kleine Bürgerinitiative mit Namen „Aktionsgemeinschaft Westend“ (AGW) hat zu der Demonstration aufgerufen. Vor 50 Jahren beginnt so eine Bewegung, die als „Frankfurter Häuserkampf“ über Jahre hinweg bundesweit Aufmerksamkeit finden wird. Dieser „Häuserkampf“, auf dem Höhepunkt mit großer Brutalität geführt, verändert das Verhältnis von Bürgern und Staatsgewalt für immer. Von dort führt eine direkte politische Spur zur Gründung einer neuen Partei zehn Jahre später. Sie nennt sich 1980 „Die Grünen“.

1970 liegen die Wurzeln des Protests in einer verfehlten sozialdemokratischen Planungspolitik. Unter ihr leidet Frankfurt noch heute. Die SPD, die von 1946 bis 1977 die bestimmende politische Kraft im Römer ist, entwickelt Frankfurt damals zur autogerechten Stadt und zum Zentrum der Dienstleistungsbranche in der jungen Bundesrepublik, dem „Wirtschaftswunderland“. Der Schriftsteller Gerhard Zwerenz wird in seinem Buch „Bericht aus dem Landesinneren“ 1972 zu folgendem Urteil kommen: „Frankfurt … ist die kapitalistischste Stadt Westdeutschlands. Nirgendwo heckt Kapital seinen Mehrwert so brachial und ungeniert mitten in die Ansiedlungen, dass die Bewohner vertrieben werden, flüchten müssen, in ohnmächtiger Wut die bloßen Fäuste schütteln.“

Um dem raschen Wachstum der Dienstleistungswirtschaft mit ihren Bürohäusern einen neuen Raum zu geben, erklärt der SPD-geführte Magistrat das Frankfurter Westend, ein historisches Wohnviertel mit schönen alten Villen, zum City-Erweiterungsgebiet. Mit Rückendeckung der Politik erwerben Spekulanten die alten Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert, um sie abzureißen und durch neue Bürobauten, möglichst lukrative Hochhäuser, zu ersetzen. Die Bodenpreise im Viertel wachsen zwischen 1958 und 1968 um 500 Prozent. Der SPD-Planungsdezernent Hans Kampffmeyer gibt die Bockenheimer Landstraße und ihre Seitenstraßen für eine neue Bebauung frei.

Die erste Demo der AG Westend am 14. August 1970.

Doch es regt sich Widerstand. Schon 1969 gründen etwa 30 Anwohner, gutsituierte Bürger, die Aktionsgemeinschaft Westend. Der Anlass ist ein vermeintlich kleiner: Für ein neues Bürohaus am Rande des Rothschildparks sollen alte Bäume gefällt werden. Das wäre ein Eingriff in das geschützte Grün der Wallanlagen, die sich wie ein Ring um die Frankfurter Innenstadt ziehen. Diese Konflikte um die Wallanlagen setzen sich bis in die Gegenwart fort. Unzählige Male opfert die Stadtregierung bis heute das Grün der Wallanlagen für neue Büro- und Hotelbauten. Heute wird diskutiert, ob ein neues Opernhaus an der Neuen Mainzer Straße in die Wallanlagen eingreifen darf.

1970 gewinnt der Protest der AGW rasch an Breite. Schon am 16. August ist die Initiative in der Innenstadt wieder auf den Straßen, diesmal sind schon mehr Menschen dabei. Auch der ehrenamtliche FDP-Stadtrat Dieter Rudolph und die CDU-Stadtverordnete Ruth Beckmann gehen mit, sehr zum Missfallen ihrer Parteien. Die berühmte Schriftstellerin Marie-Luise Kaschnitz, die seit Jahrzehnten im Westend lebt, schließt sich an. Am 17. September folgt eine erste Reaktion der Kommunalpolitik: Die Stadtverordneten beschließen einstimmig eine Veränderungssperre im Westend: So lange es keine rechtskräftigen Bebauungspläne gibt, dürfen keine neuen Baugenehmigungen für Bürobauten erteilt werden.

Doch in Wahrheit setzen sich die Abrisse fort, weil sich die Bauherren auf zahlreiche Ausnahmegenehmigungen berufen können, die ihnen der SPD-geführte Magistrat erteilt hat. Am 19. September 1970 wird deshalb ein neues Kapitel in der Geschichte des Bürgerprotests aufgeschlagen. Es kommt zur ersten Hausbesetzung in Frankfurt. Das Wohngebäude Eppsteiner Straße 47 im Westend wird in Beschlag genommen. Bis heute streiten sich die Historiker darüber, ob das auch die erste Hausbesetzung in Deutschland war. Tatsächlich hatte bereits am 10. April 1970 eine Wohn-Initiative ein Verwaltungsgebäude der Schokoladenfabrik Kwatta in Köln bezogen.

Bewegung gewinnt eine Breite wie nirgendwo sonst

Doch in Frankfurt gewinnt die Bewegung eine Breite wie nirgendwo sonst. Jetzt sind auch Studierende dabei, ausländische Familien, Arbeits- und Obdachlose. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung gibt es etwa 60 besetzte Häuser im Westend. Der Magistrat beruft den Sozialdemokraten Knut Müller zum neuen Polizeipräsidenten. Er soll „aufräumen“ mit der neuen Bürgerbewegung. Eine der erbittertsten Auseinandersetzungen entwickelt sich um das Haus Kettenhofweg 51. Das alte Wohnhaus soll für Büros abgebrochen werden. Schon am 7. Februar 1972 beginnt die Besetzung. Am 29. März 1973 ordnet Polizeipräsident Müller die Räumung an. Aber etwa 800 Straßenkämpfer hinter Barrikaden verteidigen das Haus. Die Polizei setzt Schlagstöcke, Hunde und Wasserwerfer ein, sie wird mit einem Steinhagel empfangen. Die Kämpfe wogen stundenlang hin und her und weiten sich auf die Seitenstraßen aus. Schließlich, nachdem es 70 Verletzte gegeben hat, befiehlt Polizeipräsident Müller den Rückzug.

In der linken Szene wird die „Schlacht“ um den Kettenhofweg 51 zum Mythos, viele wollen später dabei gewesen sein, die es tatsächlich nicht waren. Viele prominente spätere Grüne wie Bundesaußenminister Joschka Fischer oder der spätere Frankfurter Kämmerer Tom Koenigs nehmen am Häuserkampf teil.

Das Haus Kettenhofweg 51 wird am 4. April 1973 dann doch noch geräumt. An vielen Stellen können die Aktionsgemeinschaft Westend und die anderen Protestierenden die Umwandlung des Viertels in ein Dienstleistungsquartier nicht verhindern. Von ehemals 40 000 Bewohnern blieben zunächst nur 20 000 übrig. Heute leben im Westend wieder 30 000 Menschen.

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