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15.000 streunende Katzen

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Von: Thomas Stillbauer

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Michaela Topell mit Kater "Captain Miez" im Tierheim Nied.
Michaela Topell mit Kater "Captain Miez" im Tierheim Nied. © Michael Schick

Bis zu 15.000 streunende Katzen leben auf den Straßen Frankfurts - und vermehren sich unkontrolliert. Tierschützein Michaela Topell kümmert sich um Härtefälle und setzt sich auch für geregelte Kastrierungen ein.

Es ist nicht immer ganz leicht, Gutes zu tun. Michaela Topell hat es erst kürzlich wieder erfahren. Da erhielt die Katzenstreetworkerin, wie sie sich selbst nennt, Nachricht von einer anderen Tierschützerin: Auf einer Baustelle in Niederrad hatte ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes Katzen auf einem Schutthaufen entdeckt. Ein Muttertier mit vier Jungen, wie sich herausstellte.

„Ich bin also hingefahren, habe geschaut: Wie scheu sind sie, wie gehe ich bei der Fangaktion am sinnvollsten vor?“ Es sollte ja zum Besten der Tiere sein. Denn noch immer vermehren sich Tausende Katzen in Frankfurt und anderswo unkontrolliert, noch immer ist die sogenannte Katzenschutzverordnung in Hessen fast nirgends umgesetzt. Sie besagt sinngemäß, dass Katzen kastriert und gekennzeichnet werden müssen, bevor sie ins Freie dürfen. Sind sie es nicht, dürfen sie durch den Tierschutz eingefangen und unfruchtbar gemacht werden. Wer für die Vorschrift zuständig ist, das Land oder die Kommunen, darüber streiten die Beteiligten vielerorts

Einsatz auf der Baustelle

Der Tierschutzbericht der Bundesregierung legte Ende 2015 eine Art Stubenarrest für Katzen nahe, die nicht kastriert sind. Ob Katzenhalter solch eine Anweisung befolgen, sei zwar schwer zu überprüfen, aber Tierschutzvereine sehen darin einen weiteren Schritt, das Bewusstsein beim Menschen zu schärfen.

Derweil arbeiten Tierfreunde freiwillig und ehrenamtlich an der Linderung des Leids. „Aus einem wild lebenden Katzenpaar werden nach einer Modellrechnung in zehn Jahren 80 Millionen Katzen“, sagt Michaela Topell. Sie machte sich also auf zur erwähnten Niederräder Baustelle und schritt zur Tat. Richtete eine Futterstelle ein, um die Samtpfotenfamilie an eine günstige Stelle zu locken. Und schaffte es tatsächlich mit großem Aufwand, drei der jungen Kätzchen einzufangen – dann schloss sich das „Zeitfenster“, das ihr die Baufirma eingeräumt hatte. „Ich konnte nicht mehr auf das mit Alarmanlage und Kameras überwachte Baugelände. Die Bauleiterin war genervt von meinem Anliegen, den Tieren zu helfen, dabei wollte ich alle offiziellen Wege gehen und wäre auch sofort weggewesen, sobald ich alle fünf Tiere gehabt hätte“, schildert Topell. Aber daraus wurde nichts; nun sind die Mutterkatze und ein Junges irgendwo da draußen und vermehren sich weiter.

Die 1968 geborene gelernte Tierarzthelferin ist Vorstandsmitglied im Tierschutzverein Schwalbach und Frankfurt-West mit Tierheim in Nied. Die Frankfurter Tierschutzvereine schätzen die Zahl der Streuner in Frankfurt derzeit auf bis zu 15 000. Man sieht sie nicht, sie leben sehr versteckt, sind überwiegend nachtaktiv, suchen aber die Nähe zum Menschen, weil sie dort eher Futter finden.

Schutzverordnung wird nicht umgesetzt

Die Katzen, die seit Jahren auf der Straße unterwegs sind, seien nur sehr schwer bis gar nicht vermittelbar, ließen sich nicht mehr in eine Menschenfamilie integrieren, und endeten dann in einem Tierheim als Langzeitinsassen, sagt Michaela Topell. „Da werden sie dann todunglücklich, das ist nicht Sinn der Sache.“ Deshalb gilt die Devise: einfangen, kastrieren, wieder freisetzen, möglichst Futterstellen einrichten und isolierte Winterschlafhäuser aus Styropor-Boxen bauen. Unterernährung macht den Streunern zu schaffen. Sie werden dadurch anfällig für Krankheiten.

Mit dem Frankfurter Veterinäramt verhandeln die Tierschützer seit Sommer darüber, die umstrittene Katzenschutzverordnung zu verwirklichen. Nur wenige Kommunen schreiben Katzenhaltern bisher bindend vor, ihre Freigänger kastrieren und kennzeichnen zu lassen. In einem ersten Schritt haben die Verhandlungspartner jetzt Zahlen gesichtet: Seit 2012 sind in Frankfurt jährlich rund 500 Fund- und herrenlose Katzen durch die Tierschutzvereine kastriert worden. Jetzt gilt es, daraus Schlüsse zu ziehen.

Und weiterzukämpfen. „Ich mache das, weil mein Herz daran hängt. Diese Tiere haben keine Lobby, kaum einer weiß von ihrer Existenz und sieht ihr Leid“, sagt Michaela Topell. Sie wendet dafür praktisch ihre komplette Freizeit auf – neben ihrem Vollzeitjob. „Andere haben’s mit Meerschweinchen, ich hab’s halt mit den Straßenkatzen“, sagt die Halterin von vier schnurrigen Mitbewohnern. Sie kämpft nicht nur für die Tiere, sondern auch für deren Menschen. Der Frankfurter Abfallentsorger FES, erzählt sie, lese seit etwa zwei Jahren die Mikrochips toter Katzen und Hunde ab, die die Mitarbeiter finden. Die Nummern dieser Tiere wurden aber bislang nicht bei den Haustierregistern gemeldet. Diese nun regelmäßig übermittelt zu bekommen, um den Besitzern wenigstens Bescheid sagen zu können: „Das ist mir wichtig, das ist eines meiner Ziele im Tierschutz. Und natürlich, dass die Anzahl unkastrierter Katzen in Frankfurt deutlich sinkt.“

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