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12.000 Menschen demonstrieren in Frankfurt gegen Putin – Uneinigkeit über Waffenlieferungen

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Von: Timur Tinç

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Zahlreiche Menschen sind am Sonntag in die Frankfurter Innenstadt gekommen, um wie hier auf dem Opernplatz für Frieden zu demonstrieren.
Zahlreiche Menschen sind am Sonntag in die Frankfurter Innenstadt gekommen, um wie hier auf dem Opernplatz für Frieden zu demonstrieren. © Michael Schick

Die Friedensdemonstration in Frankfurt gegen den russischen Angriffskrieg ist sich uneins über Waffenlieferungen in die Ukraine.

Frankfurt – Lilia Dejaki hat die Botschaft von Wolodymyr Selenskyj beherzigt. Der ukrainische Präsident hatte die Ukrainerinnen und Ukrainer auf der ganzen Welt aufgefordert, laut zu sprechen und den Menschen überall zu erzählen, was in der Ukraine passiert. „Wir sterben für euch, aber wir brauchen Waffen. ,Helft uns!‘, hat er gesagt“, sagte Dejaki am Sonntag (13.03.2022) auf der Bühne des Opernplatzes.

Während sich Tausende Menschen bei einer der größten Friedensdemonstrationen der vergangenen Jahre in Frankfurt einig in der Verurteilung des russischen Angriffskriegs waren, waren die Meinungen unterschiedlich dazu, wie die deutsche Bundesregierung handeln soll. Waffen an die Ukraine schicken? Die Bundeswehr aufrüsten?

Ukrain-Krieg: Friedensdemo in Frankfurt – Feldmann stolz über Anzahl der Teilnehmenden

Ein Bündnis aus 50 Organisationen hatte zu der Demonstration aufgerufen. Unter anderem der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), Attac und „Fridays for Future“. Die Polizei zählte 11.000 Teilnehmende, die nach der Kundgebung noch durch die Stadt zogen. Die Veranstalter sprachen von 12.000 Menschen. Auch in anderen deutschen Großstädten wie in Wiesbaden versammelten sich Tausende.

„Ich will doch nur eine heile Welt“, sang die Band Fee gegen 12 Uhr. Selbst gebastelte Friedenstauben in Gelb und Blau waren neben den Fahnen der verschiedensten Organisationen, der Ukraine und der EU-Flagge zu sehen. Kinder, die Schilder gemalt hatten, standen inmitten von Menschen der Friedensbewegung. Auch viele Ukrainerinnen und Ukrainer.

„Wir stehen für Demokratie. Für Hoffnung. Für Frieden. Deshalb setzen wir aus dem Herzen unserer Heimatstadt ein Zeichen für die Ukraine und gegen den Krieg im Herzen Europas“, sagte Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). Er sei „stolz“, dass so viele Menschen gekommen seien. „Das ist gigantisch.“

Flaggen mit Friedenstauben sind häufig zu sehen.
Flaggen mit Friedenstauben sind auf der Demo in Frankfurt häufig zu sehen. © Michael Schick

Demo gegen Ukraine-Krieg in Frankfurt: Hoffnung auf Veränderung

Achim Knecht, Vorstandsvorsitzender und Stadtdekan der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach, sagte: „Ich bin überzeugt: Unser klares Nein zu diesem Angriffskrieg wird etwas verändern. Die Welt wird eine andere, wenn wir laut und deutlich ,Nein‘ sagen“, sagte Knecht. Er kritisierte Kyrill I., Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche. Er versuche, diesen Krieg zu rechtfertigen und Menschen, die ein selbstbestimmtes Leben führen wollten, zu dämonisieren, insbesondere queere Menschen. „Damit diskreditiert er den christlichen Glauben und verdunkelt die Botschaft von Jesus Christus: Gott liebe jeden Menschen“, sagte Knecht.

Die Journalistin und Autorin Hadija Haruna-Oelker hat festgestellt, dass der Krieg etwas im Bewusstsein von Menschen in Mitteleuropa in ihren Privilegien verändert habe. „Wir sollten genau hinschauen und Missstände, die auftauchen, besprechen“, forderte sie und meinte damit, dass an den Grenzen Menschen aufgrund anderer Hautfarbe oder ihres Aussehens zurückgehalten und aus Zügen geschmissen worden seien. „Was zählt ein Aufenthaltsstatus im Krieg?“, fragte Haruna-Oelker. In Europa seien schon Menschen in gute und schlechte Geflüchtete geteilt, bewertet, hierarchisiert und der Effekt, Menschen gegeneinander auszuspielen, bestärkt worden.

Der DGB-Bezirksvorsitzende Michael Rudolph mahnte, dass eine dauerhafte Erhöhung der Verteidigungsausgaben keinen Frieden schaffen würde. „Wir dürfen nicht wieder in die Logik des Wettrüstens kommen. Es geht nicht um Abschreckung. Es geht um Solidarität“, sagte Rudolph. Das Geld müsse in Soziales und nicht in Waffen investiert werden. Das konnte Dirk Friedrich von Attac nur unterstützen: „Attac lehnt kriegseskalierende Maßnahmen wie Waffenlieferungen an die Ukraine ab“, sagte er. Das gab jedoch laute Buhrufe, vor allem von den Ukrainer:innen.

Mehr zum Ukraine-Konflikt finden Sie auf unserer Themenseite.

Frankfurt gegen Ukraine-Krieg – „Erschüttert, dass die Solidarität unserer Politik an Zapfsäule endet“

Großen Zuspruch gaben sie hingegen Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank. „Geben wir es zu: Die Politik hat insgeheim gehofft, die Ukraine wird schnell fallen. Lasst Putin schnell gewinnen, damit wir nichts machen müssen“, sagte Mendel. Der Widerstand der Ukrainerinnen und Ukrainer „hat uns aus unserem Komazustand gerissen und zum Handeln gezwungen“. Deutschland finanziere Putins Krieg mit täglich 500 Millionen Euro, rechnete Mendel vor und forderte das sofortige Zudrehen aller Gashähne. „Ich bin erschüttert, dass die Solidarität unserer Politik an der Zapfsäule endet“, sagte Mendel.

Lilia Dejaki trat dann als Letzte auf die Bühne, weil sich die Ukrainerinnen und Ukrainer von den Redner:innen nicht vertreten gefühlt hatten. „Putin wird sich nicht von Demonstrationen beeindrucken lassen“, sagte Dejaki. „Die Ukraine braucht Waffen, um sich zu verteidigen.“

Manche zeigen, was sie für das wahre Gesicht Putins halten.
Manche zeigen, was sie für das wahre Gesicht Putins halten. © Michael Schick

„Mehr Waffen, mehr Krieg“, rief eine Frau dazwischen. „Gehen Sie mal nach Mariupol“, entgegnete ihr ein ukrainischer Mann verärgert. Lilia Dejaki richtete zum Schluss noch einen Appell an die Menschen: „Es darf doch nicht sein, dass wir im 21. Jahrhundert zuschauen, wie Menschen mitten in Europa getötet werden und wie ein Aggressor versucht, eine ganze Nation auszulöschen. Es darf doch nicht sein.“ (Timur Tinç)

In Berlin und weiteren deutschen Städten finden heute Demonstrationen für den Frieden statt. Mehr als 100.000 Menschen protestieren gegen den Ukraine-Krieg.

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