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Todesopfer auf dem Asphalt: Tausende Namen schrieben Freiwillige 2018 mit Kreide in Wien auf die Straße.

Gedenkaktion

11.908 Frankfurter Jüdinnen und Juden

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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Das Gedenkprojekt „Schreiben gegen das Vergessen“ erinnert an die Ermordeten. Jeder kann mitmachen, die Namen der Todesopfer auf den Asphalt am Mainkai zu schreiben.

Die Zahl ist grausam: 11 908 Namen sollen am Donnerstag, 27. August, auf dem Mainkai stehen. Das ist die Zahl der im Dritten Reich ermordeten Frankfurter Jüdinnen und Juden. Die Aktion „Schreiben gegen das Vergessen“ fordert alle auf, binnen fünf Tagen mit ihnen die Namen der Todesopfer mit Kreide auf den gesperrten nördlichen Mainkai zu schreiben, um an die Ermordeten zu erinnern.

Es ist nicht einfach, das Ausmaß der nationalistischen Verbrechen sichtbar zu machen. Und so viele Menschen wie nur möglich zu erreichen und einzubinden. Doch genau das ist dem Projekt bereits gelungen, das sich auch mit der Frage beschäftigt, wie Gedenken aussehen sollte oder könnte, wenn es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird.

Künstlerin Margarete Rabow ist die Initiatorin der Aktion. Rabow selbst ist väterlicherseits von der Shoah betroffen, erzählt sie bei einer Pressekonferenz im Haus am Dom am Dienstag. In ihrer Familie wurde allerdings nicht darüber geredet, auch nicht über die Repressalien, die die Familie erleiden musste. Genauso wenig darüber, was der Vater und seine Brüder im Konzentrationslager Buchenwald erlebten oder dass der Großvater 1942 von den Nazis umgebracht worden war. Doch Margarete Rabow beschäftigte die Vergangenheit und sie begann sich damit auseinanderzusetzen, auch künstlerisch. Ihr wurde zudem klar, dass das Schicksal ihrer Familie nicht isoliert betrachtet werden kann.

Nach einer Performance in Buchenwald zog es sie nach Wien, wo sie ihre Ausbildung absolviert hatte. Dort brachte sie 2018 die Namen der 66 000 ermordeten Wiener Juden und Jüdinnen auf die Prater-Hauptallee. „Es war eine hochemotionale Angelegenheit“, erinnert sich Rabow. Viele beteiligten sich, Schulklassen, Lehrer, Eltern, aber auch Menschen, die zufällig vorbei kamen. Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren zahlreich erschienen, zum Mitmachen oder nur zum Schauen. Mancher wollte gerne selbst den Namen eines getöteten Angehörigen aufschreiben.

Arbeit anstrengend, aber auch kontemplativ

Jeder der Teilnehmer bekommt einen Zettel, auf dem eine gewisse Anzahl an Namen steht, dazu eine Schablone, Kreide und Knieschützer. Die Arbeit sei einerseits anstrengend, aber auch kontemplativ, beschreibt Rabow. Man habe Begegnungen mit Passanten, mit der Künstlergruppe und untereinander. Es sei zudem ein Ort der Trauer. Ein kleiner Dokumentarfilm hat die Tage in Wien festgehalten. Außerdem wird von jedem Name mit einer analogen Kamera Einzelaufnahmen gemacht und hintereinandergeschnitten.

In Frankfurt entsteht ebenfalls ein Film. Von Sonntag, 23. August, 10 bis 17 Uhr, und von 24. bis 27. August, 11 bis 16 Uhr, wird am Mainufer auf zwei Fahrstreifen geschrieben. Eigentlich wäre an diesem Wochenende das Museumsuferfest gefeiert worden, dann wäre die Aktion nicht möglich gewesen, berichtet Rabow. Fahrzeuge zum Ab- und Aufbau hätten die Zufahrt gebraucht.

Leider habe sich noch keine Schulklassen angemeldet, sagt Rabow. Die hätten wahrscheinlich genug zu tun mit dem Organisieren nach den Ferien und Corona. Einige Stadtpolitiker haben sich schon angekündigt, etwa wie Bürgermeister Uwe Becker (CDU). Er stehe hinter dem Projekt, sagt er in einer Videobotschaft, da die Beteiligten es schafften, den Ermordeten in der Öffentlichkeit einen Namen zu geben. Und zeigten, was es heiße, diesen ein Bild zu setzen. Von den rund 30 000 Juden in Frankfurt hätten weniger als 200 überlebt. Mit der Aktion könne man die Menschen wachrütteln.

Und wenn das Wetter schlecht ist? „Der Regen ist unser größter Feind“, sagt Rabow. Aber es sei eben ein flüchtiges Kunstwerk. Darum sei es ja umso wichtiger, die Namen abzufotografieren und auf Film festzuhalten. Denn gerade darauf werde man aufmerksam, an Gedenktafeln laufe man oft einfach vorbei. In Wien regnete es damals auch so viel, dass 17 000 Namen auf der Straße fehlten. Die wurden dann auf Papier geschrieben.

Mehr als blöde Sprüche von Störern gab es bislang nicht, sagt Rabow. Aber das Team erhält von der Bildungsstätte Anne Frank zuvor noch eine Einweisung – wie sie mit diesen Leuten auf der Straße umgehen sollen.

Anmeldung per E-Mail an post@schreiben-gegen-das-vergessen.eu

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