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100 Jahre Frankfurter Künstlerweihnachtsmarkt: „Gratofafie“ in den Römerhallen

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Von: Florian Leclerc

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Beim Künstlerweihnachtsmarkt in den Römerhallen werden Gemälde verkauft.
Beim Künstlerweihnachtsmarkt in den Römerhallen werden Gemälde verkauft. © Christoph Boeckheler

Mehr 100 Künstlerinnen und Künstler verkaufen ihre Kunstwerke beim Frankfurter Künstlerweihnachtsmarkt in den Römerhallen und in der Paulskirche.

Der Friedberger Künstler Jan Heartmann mag Frankfurt, wie er sagt. Und weil er Frankfurt möge, setze er sich humorvoll mit der Stadt auseinander. Gleich am Eingang des Frankfurter Künstlerweihnachtsmarkts in den Römerhallen steht sein Stand mit verschiedenen Postkarten. „Frankfurt ist tödlich, hören Sie jetzt auf“, steht auf einer. Und weiter: „Frankfurt am Main enthält über 70 Stoffe, die erwiesenermaßen krebserregend sind“. Passenderweise sieht die Postkarte aus wie eine Zigarettenschachtel, nur flach.

Dann liegt da noch ein S- und U-Bahn-Plan von Frankfurt, aber nicht flach, sondern gewölbt. Jan Heartmann klappt den Plan auf. Siehe da, es ist ein Portemonnaie. Selbst genäht, mit Fächern für Münzen, Ausweis, Scheine. „Wenn Sie eine halbe Stunde bleiben, nähe ich Ihnen auch ein Portemonnaie mit einem anderen Motiv.“

Jan Heartmann ist einer von mehr als 100 Künstlerinnen und Künstlern, die noch bis zum 22. Dezember in den Römerhallen und im Untergeschoss der Paulskirche Kunst verkaufen. Die Schau in der Paulskirche hat schon am 22. November eröffnet. Dort ist bildende Kunst zu sehen: Fotografien, Grafiken, Skulpturen, Öl- und Acrylmalerei. Die gibt es auch in den Römerhallen. Darüber hinaus auch Schmuck, Kunsthandwerk oder Schals und Decken.

Schals aus Kaschmir und Seide

Nadine Cromme, Künstlerinnenname Crommé, hat Schals aus Kaschmir und Seide und Wolldecken mitgebracht. Sie webe sie in ihrer Werkstatt in Kelkheim, erzählt sie, und holt zwei Fotos heraus. Darauf ist die Werkstatt zu sehen, in der mehrere Webstühlen stehen. Das weiße Garn liefere ihr eine Spinnerei in der Schweiz. Sie färbe den Stoff ein und sitze mehrere Stunden am Webstuhl, um zum Beispiel eine Wolldecke zu fertigen. In Kursen könne man bei ihr das Weben lernen, berichtet sie.

Es gibt auch Schals und Decken zu erwerben.
Es gibt auch Schals und Decken zu erwerben. © Christoph Boeckheler

Der Frankfurter Künstlerweihnachtsmarkt, organisiert vom „Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler in Frankfurt“ (BBK), ist für viele Künstlerinnen und Künstler die umsatzstärkste Zeit des Jahres - genau wie für die Betreiberinnen und Betreiber der Stände draußen auf dem Weihnachtsmarkt. Die Dietzenbacher Goldschmiedin Bärbel Stoeckermann, die unter anderem Ringe, Ketten und Skulpturen mitgebracht hat, räumt unumwunden ein, dass sie bestimmt die Hälfte ihres Jahresumsatzes auf dem Künstlerweihnachtsmarkt mache. Ob es in diesem Jahr wieder so sei, könne sie nur hoffen. Die Inflation könnte für eine Kaufzurückhaltung sorgen.

Als der „Bund tätiger Altstadtfreunde“ den Frankfurter Künstlerweihnachtsmarkt vor 100 Jahren gründete, litten die Menschen ebenfalls unter der Inflation. War eine Goldmark nach dem Ende des Ersten Weltkriegs noch eine Papiermark wert, mussten die Menschen dafür 1922 schon 100 Papiermark auf den Tisch legen. In der Hyperinflation 1923 schoss der Gegenwert zur Goldmark auf eine Billion in die Höhe. Auch Künstlerinnen und Künstler gerieten in wirtschaftliche Bedrängnis. Beim Künstlerweihnachtsmarkt konnten sie ihre Kunstwerke verkaufen und die Not etwas lindern.

„Gratofafie“, wo kommt das her?

Von 1925 an richtete der Vorgänger des „Berufsverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler in Frankfurt“ den Künstlerweihnachtsmarkt aus. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschwand alles, was als „entartet“ galt, was einem kulturellen Kahlschlag gleichkam. Laut BBK tritt die Stadt seit den 1950er Jahren quasi als Mäzenin auf. Sie kaufte regelmäßig Kunstwerke über das Kulturamt an.

In der Paulskirche ist auch eine Verkaufsausstellung.
In der Paulskirche ist auch eine Verkaufsausstellung. © Christoph Boeckheler

Auch Jürgen Schmidt-Lohmann aus Gießen ist schon in den Genuss städtischer Mittel gekommen. Der Oberbürgermeister verschickte in den vergangenen Jahren stets Weihnachtsgrüße per Post. Eine Weihnachtspostkarte zeigte das Motiv der Paulskirche, wie Jürgen Schmidt-Lohmann es entworfen hatte. Bei einer Motivsuche habe das OB-Büro sein Kunstwerk ausgewählt, erzählt er. „Gratofafie“ nennt Schmidt-Lohmann seine Kunst - das ist ein geschützter Begriff. Erst fotografiert er die Motive, dann bearbeitet er sie digital am Computer mit mehreren Programmen.

„Gratofafie“, wo kommt das her? „Ein Kind hat einmal zu mir gesagt, ‚kannst du mich gratofafieren’?“. Es meinte natürlich fotografieren. Schmidt-Lohmann fand den Begriff so süß, dass er ihn seither verwendet.

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