"Es hat gedauert, bis man hier Freunde fand."
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"Es hat gedauert, bis man hier Freunde fand."

Der Ehemann

Zu zweit gegen alle

  • Miriam Keilbach
    vonMiriam Keilbach
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Der Äthiopier Carlos Tesfayre hat eine Somalierin geheiratet - und die Familientradition gebrochen.

Als Carlos Tesfayre seiner Frau zum ersten Mal begegnete, war ihm klar, dass es Probleme geben würde. Es war im Jahr 2001 im Flüchtlingslager Ifo 1, als er Zamzam Abdulahi auf einer Feier traf. Sie ist Muslima und Somali, in deren Kultur die Eltern über den Schwiegersohn bestimmen. Als Christ und Äthiopier entsprach er den Vorstellungen der Schwiegereltern nicht.

Carlos Tesfayre ist 39 Jahre alt, seit 21 Jahren lebt er in Dadaab. Seit er geheiratet hat, gibt es kaum mehr einen Weg aus dem Flüchtlingslager. Während andere Flüchtlinge in ihr Herkunftsland oder den Staat ihrer Eltern gehen können, ist dies für das Ehepaar unmöglich. „Ich kann nach Äthiopien, aber ich könnte weder Frau noch Kinder mitnehmen. Und meine Frau könnte nach Somalia, aber weder mich noch unsere Kinder mitnehmen“, sagt Carlos Tesfayre. Seine Kinder sind staatenlos.

Als 18-Jähriger war Carlos Tesfayre aufgrund der ethnischen Konflikte in seinem Heimatland geflüchtet, zu Fuß, in Autos und auf Booten nach Kenia. „Damals waren keine Landsleute hier in Dadaab, nur Somalis“, sagt er. „Es hat gedauert, bis man Freunde fand – die Religion ist eine große Barriere.“ Carlos Tesfayre ist als Elektriker gut ausgebildet. Er hat in drei der fünf Flüchtlingslager und im Kerndorf die Elektrizität aufgebaut, installiert Satellitenschüsseln und repariert Fernseher. So kam er in Kontakt mit den Somali.

Und so lernte er seine Frau kennen, die ganz in der Nähe mit ihrer Familie wohnte. Als sie ihm sagte, dass sie ihn liebe, und beide beschlossen, zu heiraten, terrorisierte ihre Familie das junge Paar. „Wir mussten anfangs jeden Tag zur Polizei“, sagt Carlos Tesfayre. Auch in der Nachbarschaft wurde diskutiert: Eine Muslima und ein Christ, wie soll das funktionieren? Dazu die verschiedenen kulturellen Traditionen. „Dabei ist es nicht die Religion, sondern die Liebe, die Menschen zusammenbringt.“

Zamzam Abdulahi entschied sich trotz des familiären Drucks für Carlos. 2001 heirateten sie, offizielle Dokumente gibt es nicht, vom UNHCR wird die Ehe aber anerkannt. Geheiratet wurde im Kreis von Freunden in der Kirche und in der Moschee. „Die Familie meiner Frau lebt noch hier, aber es gibt keinen Kontakt“, sagt Carlos Tesfayre. Seine Eltern sind inzwischen verstorben. Er hat sie nach seiner Flucht nie wieder gesehen.

Zwei Jahre, sagt Carlos Tesfayre, habe es gedauert, ehe die Gemeinschaft die Ehe zwischen den beiden akzeptiert habe. Doch Vorbehalte blieben, vor allem auf somalischer Seite. „Es wäre gefährlich, wenn Zamzam alleine in den somalischen Blocks oder auf offener Straße unterwegs wäre, da würde sie angefeindet.“

Inzwischen hat das Ehepaar fünf Kinder, die zwischen vier und 15 Jahre alt sind. Keines der Kinder geht zur Schule, das wäre zu gefährlich. „Die Schule ist zwei Kilometer weg, da kann so viel passieren“, sagt der Vater. Er hat Angst vor Raubüberfällen, aber auch vor Mobbing in der Schule. Seine Kinder sind konfessionslos, sie sollen einmal selbst entscheiden, an welche Religion sie glauben. Carlos Tesfayre unterrichtet sie zu Hause, vor allem in Sachen Technik. Der älteste Sohn repariert inzwischen auch Handys und Fernseher.

Seit neun Jahren hofft Carlos Tesfayre auf eine Ausreise in die USA. Er gehörte zu den rund 26 000 Flüchtlingen aus Dadaab, die die Vereinigten Staaten aufnehmen wollten, bevor Donald Trump Präsident der USA wurde. Somalis sind von dem Einreiseverbot betroffen, das Trump für Menschen aus vorwiegend muslimisch geprägten Ländern verhängt hat. „Wir verfolgen die Nachrichten jeden Tag. Dass das Gericht das Einreiseverbot gestoppt hat, ist gut. Aber es ist eben auch nicht mehr so wie vor Trump,“ sagt Carlos Tesfayre.

Dabei hatte die Familie schon Fingerabdrücke abgegeben, sie waren beim Medizincheck und hatten die Interviews absolviert. Nun müssen sie warten, hoffen, bangen. Darauf, dass irgendjemand ihnen einen Neustart ermöglicht, an einem Ort, an dem Muslime und Christen friedlich zusammenleben. „Ich will, dass meine Kinder in die Schule gehen können“, sagt Carlos Tesfayre, „und ich will endlich wieder ich selbst sein, nicht unter der Verwaltung von Hilfsorganisationen stehen.“

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