Etwa 30.000 Lämmer leben derzeit auf Texel.
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Etwa 30.000 Lämmer leben derzeit auf Texel.

Reportage

Zurück zu Molly

  • vonSandra Danicke
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Wie sich ein Leben als Schaf anfühlt? Auf der Insel Texel kann man es erahnen. Hier dürfen Besucher die Wuschelwesen bewundern, beschmusen – und sich in weiche Wolle kuscheln.

Die Möwen haben es eilig. Mit ausgebreiteten Flügeln und straff gespannten Körpern legen sie sich in den Wind und überholen von rechts. Auf der Fähre, die vom niederländischen Küstenort Den Helder auf die Nordseeinsel Texel fährt, kommt man sich neben den wendigen Vögeln vor wie im Bauch eines bräsigen Flusspferdes: träge und lahm. Man staunt dann, dass die Überfahrt trotzdem nur 20 Minuten dauert. Auf Texel angekommen, wünsche ich mir ein kuscheliges Fell gegen den eisigen Wind. Den Schafen macht die Kälte natürlich nichts aus. Sie sind ja passend angezogen. Manche sehen mit ihren kleinen, akkurat verteilten hellen Löckchen aus wie appetitliche Streuselkuchen. Andere tragen üppig gewellte Frisuren wie Rainer Langhans. Wieder andere sehen so zottelig aus, als hielten sie unter dem nächsten Busch ein paar dicke Joints versteckt.

Egal, wo man hinschaut oder langfährt: Auf Texel trifft man überall Schafe. Die meisten von ihnen tun das, was der Durchschnittsmensch auch am liebsten den ganzen Tag lang täte: fressen. Auch die zweitliebste Tätigkeit teilen Mensch und Tier: abhängen. Schafe können ja unfassbar lässig in der Gegend herumliegen. Sie gucken dabei so abgeklärt und herausfordernd, als wollten sie einen zum Anstarrwettbewerb ohne Blinzeln einladen. Was vermutlich ziemlich sinnlos wäre, der Sieger stünde von vornherein fest. Die coolsten unter den Schafen kombinieren das Chillen mit der Nahrungsaufnahme: Sie fressen im Liegen – ein Menschheitstraum. Einige Schafe arbeiten sogar – auch wenn ihnen das vielleicht nicht ganz klar ist. Das sind die, die auf den Deichen herumlaufen und grasen. Schafe haben goldene Füße, sagt man auf Texel. Sie trampeln die Deiche fest. Wobei „Füße“ vielleicht nicht ganz korrekt ist. Egal.

Derzeit sind es ungefähr 45 000: 15 000 Muttertiere und 30 000 Lämmer, die stets im Frühling geboren werden. Böcke? Ja, richtig, die gibt es auch noch. Deren Zahl ist aber ein Witz, einer kommt auf 50 Damen. Das darf man übrigens wörtlich nehmen. Wer auf wem, das ist hinterher ziemlich deutlich zu erkennen. Die grellen Farbmarkierungen, die sich auf den Rücken diverser Exemplare befinden, haben nämlich nichts mit Herdenzugehörigkeitsmarkierungen oder Krankheiten zu tun. Auf den Bäuchen der Böcke befestigt man einen Kreideblock, der beim Sex auf die Rücken der weiblichen Tiere malt. Heimliche Techtelmechtel gibt es unter den Texelschafen daher nicht.

Im Vergleich zu den 15 000 menschlichen Einwohnern ist das Schaf eindeutig in der Überzahl. Will es an die Macht? Ach was, die hat es ja längst! Ohne Schafe wäre man auf Texel ziemlich aufgeschmissen. Das Texelschaf liefert besonders viel Fleisch, das liegt unter anderem daran, dass man die heimischen Tiere Mitte des 19. Jahrhunderts mit englischen Rassen wie dem Lincoln-, dem Leicester- und dem Wensleydaleschaf gekreuzt hat. So entstand eine robuste Rasse, deren Fleischgehalt man schon am breiten Kreuz erkennt. Der Nachteil: Rollt ein Texelschaf mal versehentlich auf den Rücken, kommt es nicht mehr von alleine hoch. Sieht man also ein Tier, das die Hufe Richtung Himmel reckt, sollte man ihm möglichst wieder auf die Beine helfen. Ich hoffe, dass es nicht dazu kommt. So ein Texelschaf wiegt gut und gerne 70 bis 80 Kilo. Die Böcke sogar 90.

Der Milchertrag des Texelschafs ist eher mäßig, trotzdem lässt sich daraus Käse herstellen oder Seife, Duschgel und Handcreme. Mit der Wolle macht man ein Minusgeschäft: Eine Schur kostet viermal so viel, wie die Wolle einbringt. Es sei denn, man nutzt sie im Wellnessbereich, doch dazu später. Dass es neben unzähligen Stofftieren und mit Schafen bedruckten Küchenhandtüchern auch „Schapenkeutel“, also Schafköttel genannte Lakritzbonbons gibt, zeigt, wie gut sich das Schaf als Verkaufsschlager macht.

Natürlich liegt es vor allem am Schaf, dass Touristen so gerne auf die Insel kommen. Schafe sind nicht nur bei Kindern beliebt, sie gelten als friedfertig und treuselig. Wer sie auf Texel erlebt, merkt auch schnell, dass sie verdammt zäh sind. Sie trotzen Wind und Wetter im Freien – und sie kommen weitaus besser mit dem kargen Boden und salzigen Gras zurecht als beispielsweise Kühe. Wer denkt, dass Schafe dumm seien, hat übrigens unrecht. Forscher haben herausgefunden, dass sich die Tiere bis zu 50 Gesichter ihrer Artgenossen über einen Zeitraum von zwei Jahren merken können. In Großbritannien haben Schafe Wissenschaftler sogar damit überrascht, dass sie einen drei Meter breiten Rost – eigentlich für sie eine unüberwindbare Barriere – rutschend auf dem Rücken überquerten. Vielleicht sind die absurden Szenen aus „Shaun das Schaf“ also doch gar nicht sooo übertrieben.

Bisher hatte ich Schafe immer für ziemlich träge gehalten. Dass auch das ein Vorurteil ist, stellt sich auf dem Schafbauernhof Texel in Den Burg, dem größten Ort der Insel, heraus. 600 Schafe hält man hier, 500 davon sind Texelschafe. Deren Bosse heißen Skip, Bowie und Russ. Mehrmals am Tag scheuchen die australischen Wildhunde einen Großteil der Wuschelwesen durch die Gegend. Sobald Russ, Skip und Bowie in Sicht sind, geschieht etwas Seltsames: Die Schafe schwingen ihre Hufe und legen dabei ein völlig irritierendes Tempo hin. In einem Affenzahn rasen sie dann als vielbeiniges Wollknäuel durch die Gegend, dass der Staub nur so durch die Luft fliegt.

Jene Schafweibchen, die gerade Nachwuchs zu versorgen haben, dürfen derweil im Stall vor sich hindösen. Jede mit mindestens einem Lämmchen an ihrer Seite. Ein Anblick, der jedem, wirklich jedem noch so zutätowierten Brummifahrer ein langgezogenes „süüß“ entlockt. Okay, nicht jeder spricht es tatsächlich aus. Aber man sieht es in ihren Augen.

Ob es wirklich glücklich macht, ein so lieb in die Welt guckendes Wesen im Arm zu halten? Könnte ja sein, dass die Tiere sich mit Händen und Füßen, also Hufen dagegen wehren, von kuschelsüchtigen Touristen zwangsabgeliebt zu werden. Einen Versuch ist es wert, denn hier darf man tatsächlich Lämmer streicheln – sofern man sich gegen übergriffige Mädchenhände durchsetzen kann. In den Augen der Teenagegirlgruppe, die gerade durch die Tür gekommen ist, blitzt jedenfalls die blanke Gier auf. Jede will so ein feines, kleines wollweißes Tierbaby auf dem Schoß haben, doch so viele stehen gar nicht zur Verfügung. Nicht jedes ist schon bereit, seine Mama gegen die fordernde Umarmung eines schmusebedürftigen Zweibeiners zu tauschen. Und diejenigen, die eines ergattert haben, geben es ums Verrecken nicht mehr her. Nie, nie, nie mehr.

Enttäuscht sitze ich daneben und streichele das Küken, das mir eine Mitarbeiterin als Ersatz in die Hand gedrückt hat. Es ist weich und auch zart, das schon. Nur leider fühlt sich das bebende, zerbrechliche Körperchen in meiner Hand an, als habe es Angst. So doll bumpert sein kleines Herz. Das will ich doch gar nicht! Ich gebe Piepsi wieder ab und kriege stattdessen Molly. Keine Ahnung, wie sie wirklich heißt. Molly ist schwarz und ziemlich groß. Das schwarze Schaf wurde von den hysterischen 13-Jährigen keines Blickes gewürdigt. Auf meinem Schoß fühlt es sich wohl. Sanft schmiegt es sich an mich, als seien wir alte Bekannte. Offenbar bringen Schafe bei der Geburt ein Urvertrauen mit, dass man naiv finden kann – oder ganz und gar wunderbar. Molly fühlt sich so wollig an, wie das kein Kleidungsstück jemals hinkriegen kann – Perwoll hin oder her. So lieb, so kuschelig, so fein – nur leider fährt unser Bus gleich ab. Molly, ich muss dich zurücklassen. Du und ich wir leben in verschiedenen Welten. Wir haben keine gemeinsame Zukunft. Hat Molly wirklich Tränen in den Augen? Wohl nicht. Ich ahne, dass Molly schon bald mit ebenso viel Genuss in den Armen einer anderen liegt und drehe mich lieber gar nicht erst um.

Trost winkt auf dem Käsebauernhof Wezenspyk, ebenfalls in Den Burg, wo man seit Neuestem ein Schafmuseum betreibt. Das Museum befindet sich in einer alten Schapenbuhte, einem der kleinen Schuppen, die hier überall auf den Weiden stehen. Nicht etwa, damit sich die Schafe bei Regen mal unterstellen können. Die kleinen Häuschen halten bloß das Heu trocken. Allerdings können die Museums-Exponate mit dem Live-Erlebnis nicht so recht mithalten. Im Zentrum steht das Skelett eines Schafes, das noch vor zwei Jahren munter über die Wiese gehüpft ist. Dann wurde es krank, und jetzt demonstriert es Besuchern, wie so ein Schafkörper konstruiert ist. Brustkorb, Hüftknochen und so. Ja nu. In Plexiglasvitrinen findet man außerdem: Trockenfutter, einen Schafskäse aus Plastik, altes Scherwerkzeug, Wolle. Wenn man auf verschiedene Knöpfe drückt, kann man die erstaunlich unterschiedlichen Pfiffe hier ansässiger Schäfer hören. Dann gibt es noch einen Film und ein paar Schrifttafeln. Graue Theorie also. Ich will zurück zu Molly.

Stattdessen fahren wir ins Hotel Texel nach De Cocksdorp, dem jüngsten und nördlichsten Dorf der Insel. Hier hat sich die Tochter des Besitzers eine besondere Variante der Wellness ausgedacht: Woolness.

In einer kleinen Hütte unweit des Hotels stehen zwei Betten. Auf eines davon soll man sich legen, nachdem man zuvor in naturbelassene Schafswolle eingewickelt wurde – nackt natürlich, bis auf die Unterhose. Bei Kerzenlicht und Meditationsmusik liegt man einfach da, wie aufgebahrt, zwei dicke Kissen stützen den Nacken. Es ist, als schwebe man auf einer Wolke. So weich, so warm. Himmlisch! Der Geruch ist erstaunlich angenehm, das fettige Lanolin, das in der Schafswolle enthalten ist, schmeichelt der Haut. Und da man sich nicht bewegt, weil die Decke über einem festgeklemmt wurde, piekst es auch fast gar nicht.

Wohlige Schauer durchlaufen meinen tiefenentspannten Körper. Aus dem Bett neben mir erklingen kleine Schnarcher. Seufz. So ungefähr muss es sich anfühlen, das Leben als Schaf.

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