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"Wenn Mayuni in seinem Sessel thront, ist kaum noch Platz für den Kniefall."

Den Zorn beherrscht

Die Weißen raubten König Mayuni einst seine Macht, sie verboten die Jagd. Heute hat er sich mit ihnen versöhnt. Unsere Autorin hat sein Reich in den Tropen Namibias besucht.

Von Andrea Jeska

Manchmal bringt erst Zerstörung auch Heilung. Joseph Tembe, der den Stammesnamen Mayuni als zusätzlichen Namen annahm, klammerte sich an diese Weisheit in jenen Tagen, die man hier die schlimmen Tage nennt. Wenn er davon erzählt, dann kann man den Tod fühlen, das Blut der erlegten Tiere riechen, den Schweiß der Jäger. Man hört ihre Rufe und das Seufzen der Opfer. Mayuni, König der Mafwe, Herr über ein halbes Dutzend Dörfer, beschattet mit der Hand sein Gesicht bei solchen Erzählungen. „Uuuh“, sagt er, „die toten Löwen. Uuh, die Männer in Handfesseln. Und uuuh – diese Wut.“

Es war die Wut einer Generation von jungen namibischen Männern im Nordosten des Landes, die sich nicht mehr zurechtfanden in einer Welt, die von den Überzeugungen der Weißen dominiert wurde und in der wilde Tiere mehr wert sein sollten als das Überleben der Menschen. Auch Mayuni, der König, war wütend, denn die Weißen hatten ihn seiner Autorität beraubt. Sein Wort, traditionell Gesetz, galt nichts mehr. Machtlos musste er dulden, dass die jungen Männer der Wilderei angeklagt wurden und ins Gefängnis gingen. Männer, die keine Kriminellen waren, sondern gute Söhne, Brüder, die für Nahrung sorgten und die Ernte beschützten.

König Mayuni erzählt oft von jenen Tagen, immer dann, wenn die Indunas, des Königs direkte Untergebene, in der Kutha, dem Versammlungshaus von Kongola, zusammenkommen. Der Bezirk Kongola in der namibischen Provinz Sambesi Region ist Mayunis Reich. Außer ihm, dem König der Mafwe, gibt es dort noch die Könige der Mashi, der Masubia und der Mayayi. Gemeinsam stehen sie den „traditional authorities“ vor, einer Art Verwaltungsrat für die Interessen der Einheimischen.

Wenn Mayuni sich nicht mit den Indunas trifft, wohnt er in einer ziemlich großen Hütte, und daneben steht eine kleine Hütte, die ist sein Empfangssaal. Saal ist allerdings übertrieben, denn wenn Mayuni auf dem riesigen Sessel sitzt, den man ihm statt eines Throns hinstellte, bleibt kaum noch Platz in der Hütte für den Kniefall, den seine Untergebenen eigentlich vor ihm machen müssen. Deshalb empfängt er dort nur selten Untergebene, lieber lässt er sie zum Versammlungsraum kommen, Kutha genannt, und dann warten sie vor der Tür, bis er seine Gespräche mit den Indunas beendet hat.

Wenn Mayuni in seiner Empfangshütte Hof hält, trägt er einen Leopardenhut und ein Gewand mit Lurexfäden. Doch bei seinen Treffen mit den Chiefs erscheint er in Nadelstreifenanzug und Safarihut. Beides ist ihm zu groß, der Hut rutscht in die Stirn, der Anzug schlackert ein wenig. Beim Sprechen klopft er gerne mit dem Namaya, einem Elfenbeinstock mit dem Schwanz eines Gemsbocks, der das Symbol seiner Herrschaft ist, auf den Boden.

Nicht immer redet Mayuni über die Tage des Zorns, an diesem Tag aber ist es nötig, die Vergangenheit noch einmal zu beschreiben, um einen neuen Schritt in die Zukunft zu gehen. Mayuni will im Bereich des Hoheitsgebiets der Mafwe eine Lodge bauen. Denn eine Lodge bringt Geld, doch erst mal muss man Geld haben, um diese zu bauen. Und man muss die Genehmigung der Regierung haben. Um diese zu bekommen, will Mayuni in die Hauptstadt Windhoek fliegen.

Die Indunas sind alt, und es ist nicht leicht, sie zu überzeugen, neue Wege zu gehen. Doch die Jugend von Sambesi Region braucht Arbeit. Andere als solche, die sie gerade mal ernährt. Andere als die harte Arbeit auf den Feldern. Der Tourismus bringt gut bezahlte Arbeit. Als Kellner, Ranger, Naturführer, manchmal sogar als Manager. Aber nur dann, wenn man den Tourismus und mit ihm die Moderne willkommen heißt. Also beschreibt Mayuni den Indunas noch einmal die Vergangenheit, damit sie ihm in die Zukunft folgen: „Ein Krieg war das damals. Die Regierung gegen die Menschen von Caprivi, die Menschen von Caprivi gegen die Tiere.“ – „Ein Krieg“, echot die Runde der Induna.

Bis vor drei Jahren hieß Sambesi Region noch Caprivi. Das war jener Name, den die deutschen Kolonialherren nach ihrem Reichskanzler Leo von Caprivi der Gegend gaben. 1890 erwarb dieser kraft einer Klausel im Helgoland-Sansibar-Vertrag das 400 Kilometer lange Gebiet als Zugang zum Sambesi und als Teil der Route zur deutschen Kolonie Tanganyika. Seither drängt sich dieser von den zwölf anderen Provinzen Namibias seltsam abgespaltene Landesteil zwischen Angola, Botswana, Sambia hindurch und grenzt im äußersten Osten an Simbabwe.

Den Deutschen folgten etliche andere, die in Caprivi bestimmten. Soldaten der südafrikanischen Besatzer wurden dort stationiert. Sie schossen die Tiere, bis sie fast ausgerottet waren. Auch die Einheimischen aßen Elefanten und Antilopen. 1990 wurde Namibia unabhängig, doch Caprivi blieb das Armenhaus des Landes. Erst mit den Touristen kamen die Beachtung – und neue Gesetze: Sie verboten das Töten der Wildtiere, kriminalisierten die Menschen, die es doch taten, und zerstörten die über Jahrhunderte gewachsene Autorität der Könige und Indunas, die bis dahin Recht und Gesetz erließen. In den Folgejahren eskalierte die Gewalt, denn die Elefanten zertrampelten die Äcker, die Löwen fraßen das Vieh, also erschossen die jungen Männer sie und gingen dafür ins Gefängnis.

Ab 1996 erließ die Regierung von Namibia nicht mehr nur Gesetze zum Schutz der Natur und der Tiere, sondern verstand auch, dass Naturschutz ohne die Menschen, die in dieser Natur leben, nicht möglich ist. Sie schuf „conservancies“, Hoheitsgebiete mit festen Grenzen, über die die dort lebenden Einheimischen bestimmen können. Dafür mussten sie sich verpflichten, die in diesen Gegenden lebenden Wildtiere zu schützen. Als Gegenleistung werden sie seither an den Einnahmen aus dem Tourismus beteiligt und können davon Krankenstationen bauen, Stipendien an Kinder aus armen Familien verteilen, dem Bauern, dessen Tiere von Löwen gefressen wurden, Kompensation zahlen. Eine gute Lösung für Mensch und Tier. Doch Mayuni erinnert sich noch gut daran, wie schwer es manchen Weißen damals fiel, ihn, den König, um Erlaubnis bitten zu müssen, wenn sie Lodges und Camps bauen wollten.

Um die Kutha weht ein heißer Wind an diesem Tag. Er bringt den Geruch der Flüsse mit sich, erdig, würzig. Sambesi Region, das ist Buschland, sind Rundhüttendörfer, kleine Ansiedlungen in einem windzerzausten Nirgendwo. Viehherden ziehen hindurch, Ochsen, Ziegen, und ihre Hufe wirbeln Staub auf, der lange in der Luft hängen bleibt. Jenseits dieser festen Flächen erstreckt sich ein tropisches Paradies aus sich windenden Flüssen und hunderten von Nebenarmen, aus kleinen Kanälen und Brackwassertümpeln, Auen und Sümpfen. Eine Wunderwasserwelt zwischen Chobe und Linyanthi, Sambesi und Kwando, grün und mystisch, voller Legenden und Traditionen. In drei Nationalparks, dem Bwabwate, dem Namili und dem Mudumu, leben Elefanten und Antilopen, Löwen, Geparden, Kaffernbüffel, Gnus, Giraffen, Flusspferde, Krokodile, Wasserschlangen und die letzten Wildhunde Afrikas.

Dass all diese Tiere wieder in großer Zahl in Sambesi Region leben, hat die Gegend aus dem Schatten des Vergessens gerissen. Zwar kommen die Touristen nicht in Scharen, aber in großer Zahl. Deshalb rechnet Mayuni seinen Idunas vor: Wenn sie einen Kredit aufnehmen und die Erlöse aus den Schutzgebieten investieren – etwa, indem sie eine teure Lodge bauen –, könnten sie die Einnahmen langfristig vervierfachen. Oder sogar noch mehr. „Uuuh“, sagen die Indunas, sie wiegen die Köpfe, und mit den Fingern malen sie Zahlen in den Sandstaub auf dem Versammlungstisch. Eine Lodge, sagen sie, die bauen doch nur weiße Männer. „Dann sind wir die neuen weißen Männer“, antwortet Mayuni und pocht mit seinem Stock auf den Boden. Der Gemsbockschwanz wedelt, die Indunas senken die Köpfe. Und so ist es beschlossen.

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