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In manchen Augenblicken bekommt man schon mal gerne eine Gänsehaut.

Der wohlige Sinn

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Poetische Sprache schafft Gänsehaut. Das ist sogar wissenschaftlich erwiesen.

Der geläuterte Tyrann, der zum Freund wird – die dramatische Wandlung in dem berühmten Gedicht von Schiller „Die Bürgschaft“ lässt keinen kalt. Bisher konnte man es nur vermuten, jetzt ist das wissenschaftlich belegt. Diese letzte Strophe hat extrem hohes Gänsehautpotenzial, selbst für Menschen, die keine besondere Liebe zur Lyrik haben. Forscher am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt, die allen erdenklichen Fragen des Geschmacks auf den Grund gehen, haben in einer großangelegten Studie die emotionale Kraft der poetischen Sprache untersucht und gezeigt, was Friedrich Schiller schon vor 225 Jahren aus dem Bauch heraus wusste: Die „gemischte Empfindung des Leidens und der Lust am Leiden“ mache eine ganz besondere Emotion aus: Das Bewegtsein, das Künstler in allen Epochen und Ausdrucksformen mit ihren Werken im Sinn haben. Ob als Dichter, Romanautoren, Filmemacher oder Musiker.

Im Gegensatz zu Reaktionen auf Musik, sagt Eugen Wassiliwizky, Leiter der Studie, sei die Wirkung von Gedichten auf Körper und Seele wenig erforscht. Der Neuropsychologe hat Bewegtheit schon bei Filmzuschauern untersucht. An seiner neuen Studie „Macht der Poesie“, die sich über knapp vier Jahre erstreckte, nahmen 105 Menschen teil, die der Lyrik in vier Experimenten ausgesetzt wurden. Fünf Gedichte aus verschiedenen Epochen, neben der „Bürgschaft“ je eines von Friedrich Hölderlin, Theodor Fontane, Otto Ernst und Erich Kästner wurden im Tonstudio von Schauspielern professionell rezitiert, aufgezeichnet und den Teilnehmern vorgespielt.

Wie misst man eine Emotion? Wassiliwizky hat eine Goosecam, eine Gänsehautkamera, gebaut, die den Teilnehmern auf den Unterarm geschnallt wird und Großaufnahmen von ihrer Haut macht, während sie in wohnzimmerähnlicher gemütlicher Atmosphäre den Versen lauschen. Wort für Wort werten die Wissenschaftler anschließend den Schattenwurf der winzigen Erhebungen auf der Haut aus, der mit Farbe codiert und in einem Diagramm dargestellt wird. Dabei zeigt sich: Gänsehaut entsteht am häufigsten bei wörtlicher Rede, am Ende einzelner Strophen und vor allem am Schluss des ganzen Gedichts.

Poetische Sprache, so erklärt es Wassiliwizky, weckt starke Erwartungen beim Zuhörer, die sich am Schluss in Kombination mit dem inhaltlichen Spannungsbogen so stark zuspitzen, dass einem ein Schauer über den Rücken läuft. Gleichzeitig nehmen Herzschlag, Hautleitwert und Aktivität des Stirnmuskels zu, der bei negativen Gefühlen reagiert. Ein weiteres Experiment im Kernspintomograph zeigte, dass an diesen Stellen dennoch das Belohnungszentrum im Gehirn stimuliert wird – der Nachweis für die bewegende Mischung aus Lust und Leid.

Selbst Menschen, die für den Versuch zufällig auf der Straße ausgewählt wurden, erlebten Gänsehautmomente, wenn auch nicht in der gleichen Intensität wie die Probanden, die ihre Lieblingsgedichte mitbrachten und damit einen Bezug zur Poesie hatten. Für Wassiliwizky ist dies das überraschendste Ergebnis der Studie und ein Zeichen, dass tief in uns allen ein angeborener Sinn für poetische Sprache schlummert. Schließlich gibt es Gedichte in beinahe allen Kulturen in der Menschheitsgeschichte. Weitere Forschungsfragen liegen nahe. Lässt sich das emotionale Erlebnis trainieren? Gibt es mehr Gänsehaut, wenn die Versuchspersonen sich vorher länger mit einem Gedicht beschäftigen, also schon mit dem Inhalt vertraut sind und sich ganz der poetischen Kraft hingeben können? Oder hängt der Genuss auch von der Qualität der Rezitation ab?

Am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik wird Grundlagenforschung betrieben, doch Schlussfolgerungen solcher Studien liegen für Wassiliwizky schon jetzt auf der Hand: Die meisten Kinder mögen Reime, Verse und Gedichte, Erwachsene reagieren dagegen eher reserviert auf die Frage, ob sie im Alltag zu einem Gedichtband greifen. Die Schule, sagt er, müsse stärker auf die emotionale Kraft der Lyrik setzen, statt zunächst Versmaß, Reimformen und rhetorische Figuren zu analysieren. Also lieber mal eine gute Aufnahme von der „Bürgschaft“ einspielen, statt immer gleich den Jambus in den Worten des Tyrannen suchen.

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