Nach der Schule spielt Salman Asdirizak Fußball.
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Nach der Schule spielt Salman Asdirizak Fußball.

Der Junge

Im Westen ist alles besser

  • Miriam Keilbach
    vonMiriam Keilbach
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Der Tag beginnt für den zehnjährigen Salman Asdirizak früh am Morgen.

Es ist kurz nach acht Uhr am Morgen im Flüchtlingslager Ifo 1, als Salman Asdirizak seine Großeltern, seine Tanten, Onkels und Cousins im Block D5 besucht, einem der ältesten Blocks in den Lagern von Dadaab. Wie jeden Morgen kommt der Zehnjährige zum Frühstück nach Hause, spielt danach ein wenig mit seinem anderthalbjährigen Cousin Marwan Haret und geht wieder.

In Kenia besteht Schulpflicht, die meisten Kinder besuchen schon mit drei Jahren eine Art Vorschule, wo sie auf Englisch Addieren, Subtrahieren und das Alphabet lernen. Salman Asdirizak spricht kein Englisch. Er würde gerne, sagt er dem Übersetzer, denn er würde sich gerne mit dem Besuch aus Europa unterhalten. Über Europa und das Leben dort im Westen, das so anders ist als das seine. Er fragt: Spielen die Kinder dort auch Fußball? Lesen sie den Koran? Was gibt es dort zu essen?

Salman Asdirizak ist zehn Jahre alt und war noch nie in einer richtigen Schule. Er geht zur Koranschule, wie fast jeder Somali in Dadaab. Er lernt den Koran zu lesen und zu deuten, er lernt beten und glauben, bekommt Unterricht in Gesellschaftsformen und Politik und wie ein guter Moslem zu leben hat. „Ich bin fast fertig“, lässt er den Übersetzer wissen, „dann werde ich auf eine richtige Grundschule gehen“.

Salmans Tag beginnt noch vor dem Sonnenaufgang. Sein Vater weckt ihn früh, um 6 Uhr muss er zur Koranschule. Von acht bis neun Uhr kommt er zum Frühstück zu seinen Großeltern, dann geht er zurück zur Schule, wo er bis zum Mittag lernt. Hausaufgaben hat er keine – jedenfalls jetzt noch nicht, das kommt erst in der Grundschule.

Nach der Schule hat Salman Asdirizak immer seinen Fußball dabei. Er hat ihn von seinem Vater geschenkt bekommen. Obwohl der Ball luftleer ist und sich nur noch stümperhaft kicken lässt, hütet er ihn wie einen Schatz. Er hat sonst auch nicht viel, keine Spielsachen, keine Legos, keine Bücher. Vereine oder AGs gibt es nicht in Dadaab, die Kinder müssen sich selbst beschäftigen.

Meistens trifft Salman seine Freunde auf dem nahegelegenen offenen Platz von Ifo 1, auf dem morsche Holzbalken als Tore dienen. Hier spielen sie – bis die Älteren kommen und sie vertreiben. Dann rennen die Kinder kickend und kämpfend zwischen den Hütten durch, bis die Eltern Ruhe einfordern.

Der Zehnjährige trägt ein Trikot von Manchester United. „Das ist mein Lieblingsverein“, sagt er. Manchmal darf er mit seinem Vater die Premiere League schauen. 

Salman Asdirizak muss noch keine Schuluniform tragen wie die anderen Kinder in Kenia. Er geht ja auch nicht zur richtigen Schule und ist ja auch nicht wirklich Kenianer, obwohl er in Dadaab geboren ist und noch nie anderswo war. Nicht einmal seine Eltern sind in Somalia geboren, sie gehören zur ersten Generation jener, die in Dadaab zur Welt kamen und damit offiziell staatenlos sind.

Salman Asdirizak weiß nicht viel über das Land, das seine Heimat sein soll. Somalia nennen sie es und seine Großeltern erzählen manchmal davon. „Ich war noch nie in Somalia“, sagt Salman, der seitens Kenia als Somali gilt, auch wenn er keinen Somalien Pass hat, und fügt dann hinzu: „Aber ich möchte da auch gar nicht hin.“

Salman Asdirizak möchte gerne weg aus Dadaab, aus Kenia, aus dieser Unruhezone. „Ich will im Ausland studieren“, sagt er. Was genau weiß er noch nicht. Vielleicht Journalist. Oder er wird Profifußballer. Und welches Land weiß er auch nicht. Nur das, was die anderen Leute hier in Dadaab erzählen: Dass im Westen alles besser ist.

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