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Wehret den Anfängen

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Wenn Daten gegen Menschen verwendet werden, lässt sich daraus Profit schlagen. Das haben schon die Nationalsozialisten vorgeführt.

Der Arzt untersucht den Körper des Menschen, stellt fest, ob seine Organe in einer harmonischen Schwingung, d. h. gesund miteinander arbeiten im Interesse des Ganzen. Wir hier sezieren den deutschen Volkskörper weitergehend wie der Arzt bis auf die einzelnen Körperzellen zurück. Wir legen die individuellen Eigenschaften jedes einzelnen Volksgenossen auf einem Kärtchen fest. Diese Kärtchen sind nicht tot, beweisen vielmehr ein unheimliches Leben, wenn sie mit einer Geschwindigkeit von 25 000 Karten die Stunde in unserer Sortiermaschine nach bestimmten Gesichtspunkten gewissermaßen zu den Organen unseres Volkskörpers gruppiert und die diesbezüglichen Werte in unserer Tabelliermaschine errechnet und festgelegt werden.“

Mit diesen Worten als Teil seiner Ansprache beschloss Generaldirektor Willy Heidinger am 8. Januar 1934 die Eröffnung der Produktionsstätte der Deutschen Hollerith Maschinengesellschaft m. b. H. in Berlin Lichterfelde. Die Dehomag war (und blieb durch den Krieg hinweg) die deutsche Tochter des US-amerikanischen Konzerns International Business Maschines Coorporation. IBM, schon damals der Platzhirsch, war das weltweit führende Unternehmen für Lochkartensysteme, die den ersten Schritt in ein computerisiertes Zeitalter darstellten.

Mit der Eröffnung des Werks 1934 brachten sich Dehomag und IBM in Position für die wachsenden Anforderungen des Deutschen Reiches. Die 1933 durchgeführte Volkszählung, die erste größere Amtshandlung nach der Machtergreifung Hitlers, fragte neben Personen- und Berufsdaten schon die Religionszugehörigkeit ab, ebenso den Geburtsort, „zwecks Untersuchung volksbiologischer Fragen“. Die darauffolgende Zählung 1939 erfasste auch Daten zu je beiden Großmüttern und Großvätern mit dem Ziel der Erstellung einer vollumfänglichen Judenkartei. Das Ziel der Massenvernichtung war zu der Zeit schon klar vor Augen. Mit jedem Einmarsch in weitere Länder konnten weitere Datenquellen erschlossen werden: Kirchen, Verwaltungen, Vereine.

Alle setzen auf Lochkartensysteme der IBM. Wer sich jemals fragte, wie all die Listen entstanden mit Namen der Menschen, die vernichtet wurden, dem sei dies hiermit beantwortet. Der Holocaust und der Zweite Weltkrieg sind das historische Beispiel für den Einsatz von Daten und deren maschineller Verarbeitung gegen Menschen in einem industriellen Maßstab – mit gigantischen Profiten für die beteiligten Unternehmen. Wer sich fragt, weshalb eine solche doch sehr relevante Frage nicht im Geschichtsunterricht behandelt wird, der sei auch hiermit daran erinnert, wie wenig zeitgemäß die Bildungsinhalte unseres Landes sind, während gerade die jungen Menschen überall Daten hinterlassen und keiner wissen kann, was einmal aus diesen Daten wird.

Doch genau darum geht es. Man könnte dies abtun als historisches Wissen. Vielleicht interessant, aber eben vorbei. Es ist aber mehr als das. Es ist der Präzedenzfall für den Missbrauch solcher Daten und den unbegrenzten Willen, daraus Profit zu schlagen. Das Dritte Reich zahlte für jede einzelne Lochkarte Lizenzgebühren. Jede Maschine war gemietet, nicht gekauft. Mit jedem Tag der Massenvernichtung wurde weiter profitiert. Und es ist eine wichtige Warnung an uns heute. An uns, die wir in Zeiten erstarkenden Nationalismus leben, in denen das Wort „Volk“ wieder Einzug hält in die Rhetorik. In Zeiten, in denen Kleine Anfragen der AfD-Fraktionen auf Landes- und Bundesebene zu Zahlen von behinderten Menschen, beschnittenen Menschen, zu Trans-, Bi- und Homosexuellen, zu Sinti und Roma verfasst werden, in diesen Zeiten kann man sich eines wirklich schlechten Beigeschmacks nicht erwehren, wenn man den historischen Kontext kennt.

„Wir sind stolz, an einer derartigen Arbeit mitwirken zu dürfen, an einer Arbeit, die dem Arzte unseres deutschen Volkskörpers das Material für seine Untersuchung bietet, damit unser Arzt feststellen kann, ob die auf diese Weise errechneten Werte vom Standpunkt der Volksgesundheit aus gesehen in einem harmonischen, d. h. gesunden Verhältnis zueinander stehen, oder ob durch Eingriffe krankhafte Verhältnisse korrigiert werden müssen.“ So sagte es einst Willy Heidinger. Am Ende dieser Auswertung stand die Massenvernichtung „unwerten Lebens“.

Hören und lesen Sie, werte Leser, was die AfD-Fraktionen dieses Landes heute so von sich geben. Schauen und hören Sie nicht weg, sondern genau hin. Die Rhetorik ist so nah dran, dass einem schlecht wird. Wehren wir den Anfängen, auf dass all unsere Daten nie den Falschen in die Hände fallen.

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