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Musik berührt uns im tiefsten Inneren.

Essay

Trost im Ohr

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Musik berührt uns im tiefsten Inneren. Warum helfen gerade traurige Lieder, wenn uns elend zumute ist?

Ich sehe mich noch da oben sitzen, auf dem schmalen Fensterbrett meines Kinderzimmers. Über der Heizung, draußen schneit es. Mein Alter sehe ich nicht genau. Jedenfalls sitzt da ein Jugendlicher, hört Musik und schaut in den Schnee. Lässt sich bewegen von dieser Musik, er hat genau diese Musik ausgewählt, weil er ihre Stimmung sucht. Unglücklich verliebt, vermutlich, aber selbst das weiß ich nicht mehr so genau. Ich weiß aber, welche Schallplatte sich auf dem Teller dreht: die „Winterreise“ von Franz Schubert. Auf der Plattenhülle eine verschneite Landschaft, klar, „Winterreise“-Cover sahen damals immer so aus. Der Sänger, auch das ist klar, Dietrich Fischer-Dieskau, damals mein Liedsänger-Gott. Ein Filmregisseur, der so eine Szene drehen würde, müsste sich wohl „übles Kitsch-Klischee“ vorwerfen lassen. Mir war das damals aber egal.

Die „Winterreise“ war mein Trost. In den 24 Liedern, die Franz Schubert auf Verse des Dichters Wilhelm Müller für Singstimme und Klavier geschrieben hatte, geht es um einen Wanderer, der wegen einer gescheiterten Liebe in die Natur flieht. Der sich erinnert an schöne Zeiten, Irrlichtern folgt, Menschen meidet. Ganz mein Ding! Nicht generell, keine Sorge, nur eben für diesen Moment. Dem Wanderer geht es schlecht, da bin ich also nicht allein. Eine merkwürdige Verschwägerung, eigentlich. Fast schon Anmaßung.

Ein Zeitsprung ins Heute, mittlerweile wurde das Internet erfunden. Im Forum gutefrage.net sucht jemand für eine Freundin „Lieder, die Trost spenden und Kraft geben in schweren Stunden“ und erbittet Tipps. Die Freundin sitzt nicht nur auf der Heizung und starrt pubertär in den Schnee hinaus, sondern ist gesundheitlich angeschlagen, also bitte ernsthaft. Empfohlen werden grundverschiedene Musiken: „Don’t worry, be happy von Bob Marley allen voran. Oder Here comes the Sun von den Beatles“, antwortet einer (der den einen Bob mit dem anderen Bobby verwechselt, aber darum geht’s nicht). Ein anderer schreibt: „In solchen Fällen sollte man vielleicht auf eher witzige Musik zurückgreifen, die einen ablenken und etwas aufheitern kann.“ Er wirft Gimme Dat Ding von The Pipkins in den Ring. Ein Dritter empfiehlt: „Für alle mit Durchhänger: Ein paar 90-jährige Knacker zeigen Lebensfreude der Karibik“, verlinkt ist Compay Segundo.

Also was jetzt? Vermag den (Liebes-)Kranken eher die traurige oder eher die muntere Musik zu trösten? Da bei Google die Suchwortverbindung „Musik“ und „Trost“ mehr Treffer anzeigt als „Hamburger“ und „Pommes“ (ehrlich!), sollte da die Antwort doch zu finden sein. Dabei muss man aber zunächst jede Menge Musikangebote zur Seite schieben, die einem den Trost auf ranwanzende Weise aufdrängen wollen. CD mit plakativen Namen wie „Musik zum Trösten, Entspannung für die Seele“ oder „Finde Trost in deinem Herzen“ bieten Synthiegewaber, künstliche Walfischsongs und sakral angehauchte Psychoballaden der schlichtesten Art – dann wirklich lieber ungetröstet schlafen gehen! Man findet Angebote von Chören wie den schweizerischen Fährfrauen, die für Sterbende und Trauerende singen, sie „besingen“ und in Gesang einspinnen als kollektive Kraftquelle, eine tolle Sache. Man findet reihenweise Phrasen aus der Pop- und Schlagerwelt von Andrea Berg („Viele Hörer sagen, dass ihnen meine Musik Trost spendet, und viele wünschen sich Lieder von mir auch für Beerdigungen“) über den Unheilig-Graf („Es ist natürlich schön, wenn man merkt, dass die Musik, die man macht, den Menschen Trost spendet“) bis Jamie Lawson („Ich wollte ein Album machen, das Trost spendet“).

Und, ja, man findet schließlich auch eine mögliche Antwort auf die Frage, ob explizit traurige Musik eher Trost spenden kann als aufpeitschende. Demnach gibt es verschiedene Studien, die belegen, dass „das Hören trauriger Musik vorteilhafte emotionale Effekte wie die Regulierung von negativen Emotionen und Stimmungen haben kann“. Mit dem Hören trauriger Musik verbinde der Mensch drei Emotionen: Trost, Schmerz und Freude. Freude am Untergang, Freude an der Winterreise.

Zitierfähige Kronzeugin dafür ist Jonna Vuoskoski von der Fakultät für Musik der Oxford University. Sie hat ihre Dissertation über die Rolle von Emotionen geschrieben, die durch das Hören von Musik ausgelöst werden. Darin schreibt sie, dass Menschen immer genau die Musik hören möchten, die zur ihrer aktuellen Emotionalität passt. Passt sie nicht, fehlt der Bezug. Bin ich also traurig und lege Bobby McFerrins Don’t worry, be happy auf, ist kein Trost in Sicht. Diese Musik tangiert mich dann einfach nicht. Hole ich aber Schuberts „Winterreise“ aus dem Schrank, sind die Schwingungen harmonisiert. Oder, um mit Jonna Vuoskoska zu sprechen: Die dunkle Emotion wird bewusst intensiviert, um sie durch diese Intensivierung letztendlich zu überwinden. Tröstende Hormone wie Prolaktin spielten dabei eine Rolle, ebenso Oxytocin. Und Dopamin – dieser Transmitter gilt im Volksmund als Glückshormon. Winterreise aus, Wanderer/Sänger vermutlich tot, bei mir alles wieder okay.

Heute sitze ich nicht mehr auf dem Fensterbrett. Selbst wenn es draußen noch so viel schneien würde, es würde nichts mehr mit dem Trost. Zwar halte ich Schuberts „Winterreise“ nach wie vor in höchsten Ehren, der Liederzyklus hat nichts von seiner Fundamentalkraft verloren. Aber ich höre mittlerweile anders. Ich war viele Jahre professioneller Konzertgänger, bin Musikkritiker geworden, habe gelernt, analytischer an Musik heranzugehen. Einem Fischer-Dieskau könnte ich nicht mehr ohne Vorbehalt durch die Winterlandschaft folgen, zumindest nicht dem kopflastigen Bariton der späten Jahre. Immer würde ich vergleichen, ob nicht der Hammerflügel des einen Klavierbegleiters hier nicht delikater klingt als der Steinway des anderen, ob der Tenor dort überforciert oder nicht. Das rein emotionale Hören fällt weitgehend weg.

Natürlich lege auch ich hin und wieder Musik nur für Bauch und Gemüt auf, doch ganz frei machen kann ich mich nicht von dieser Déformation professionnelle. Selbst wenn ich nur mal Strawinskys „Sacre“ in Überlautstärke hören möchte, weil mir gerade danach ist und niemand sonst im Haus, bin ich in Entscheidungsnot, ob ich die Einspielung von Boulez oder Currentzis auflegen soll. Früher war das alles bedingungsloser. Wahrscheinlich kann sich ein Sommelier auch nie richtig mit Wein besaufen. Dieser Trost zumindest bleibt mir noch.

Martin Luther bekam das seinerzeit besser hin. Der Kirchenmann war selbst Sänger und Liedkomponist, war also vom Fach – und konnte dennoch reinen Herzens daran glauben, dass die Musik nichts Weltliches sei, nichts vom Menschen Gemachtes, sondern ein von ganz oben gespendeter Trost und die Feder des Liedermachers nur das Werkzeug Gottes. „Trösterin Musica“ nannte er sie und sprach: „Die Musik ist die beste Gottesgabe. Sie ist das größte, ja wahrhaft ein göttliches Geschenk und deshalb dem Satan völlig zuwider. Musik ist der beste Trost für einen verstörten Menschen, auch wenn er nur ein wenig zu singen vermag. Sie ist eine Lehrmeisterin, die die Leute gelinder, sanftmütiger, vernünftiger macht.“

Der Trost-Gedanke ist dementsprechend in der protestantischen Kirchenmusik stets ein mächtiger gewesen, und Johann Sebastian Bach natürlich darin der wirksamste Spender. „Was ist mir Bach?“, fragte sich 1905 Albert Schweitzer und antwortete sogleich: „Ein Tröster. Er gibt mir den Glauben, dass in der Kunst wie im Leben das wahrhaft Wahre nicht ignoriert und nicht unterdrückt werden kann, auch keiner Menschenhilfe bedarf, sondern sich durch seine eigene Kraft durchsetzt, wenn seine Zeit gekommen.“

Mehr als 200 Kirchenkantaten hat Bach zur Erbauung der Leipziger Gemeinde komponiert – aber wenn ich hätte tippen sollen, wie viele davon die Worte Trost, trösten oder Tröster im Titel führen, hätte ich um Längen danebengelegen. Nur eine einzige! Allein jene mit der BWV-Nummer 151: „Süßer Trost, mein Jesus kömmt“. Wo Trost drin ist, muss nicht unbedingt Trost draufstehen.

Ein bekennend Ungetrösteter ist der Bariton Christian Gerhaher. Musik als Trostspender? „Tut mir leid, aber diesen Zweck sehe ich für mich nicht. Wohl aber kann sie mich aufregen, ja sogar nerven“, sagte der Sänger und vorzügliche „Winterreise“-Interpret einst in einem Interview. Er fände es zwar nicht banal, wenn andere Menschen sich von Musik trösten ließen, er selbst aber „höre Musik eben weder um getröstet noch um unterhalten zu werden. Musik von Bach, Beethoven, Schubert, das ist keine Vergnügung, genauso wenig wie Musik von Velvet Underground oder The Cure. Es geht um Tod, Verlust und Einsamkeit, um das Fehlen des ideal Vollkommenen, um problematische Seelenzustände und Defizite, die ich interessant finde, und das nicht unbedingt wegen ihrer Nähe zu meinem Leben. Musik schafft oft erst die Erschütterung, die einen dazu bringt, sich nach Trost zu sehnen – und den kann sie dann wunderbarerweise auch noch selbst spenden.“ Musik vermag also zumindest die Suppe auszulöffeln, die sie selbst eingebrockt hat.

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