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"Und dazu drei, vier Pils."

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Der Gestank des Phallus indusiatus soll Frauen einen Orgasmus bescheren. Unsere Autorin hat bessere Vorschläge

Eine Nachricht sorgte vor einiger Zeit für Aufsehen: Der tropische Pilz Phallus indusiatus, salopp auch Stinkmorchel genannt, könne Frauen zum Orgasmus bringen – allein durch seinen Geruch. „Wenn die Damen an dem Pilz schnuppern, kann der Geruch ekstatische Zustände bei ihnen bewirken. Sie können dabei sogar zu einem spontanen Höhepunkt kommen!“, jubelte die „Rheinische Post“, genau wie „Bild“ und „Brigitte“, diverse Ärzte- und Arzneifachblätter nicht zu vergessen.

Was für eine Nachricht! Eine Nachricht, die jedoch ein ziemlich alter Hut ist. Stimmt, die Wirkkraft des Phallus indusiatus ist nicht schlecht. Multipel, vaginal, klitoral und transzendental zugleich – kann man machen.

Noch besser finde ich persönlich jedoch den Dunklen Hallimasch aus den finsteren Wäldern Oregons. Da kommt der Orgasmus schon bereits beim Angucken! Da reicht bereits ein Foto im Internet. Ist auch billiger. Der Phallus indusiatus geht ja schon ins Geld. Empfehlenswert auch: der Getropfte Ritterling aus Kirgisien, der Pilzkopf von John Lennon oder die Ameländer Miesmuschel. Allein schon der Wortklang macht die Damenwelt wuschig. Oder der Geruch einer seit zehn Tagen geöffneten Dose Ravioli. Es soll auch Frauen geben, die von den Stimmen bestimmter Sänger einen spontanen Höhepunkt kriegen. Die Amazon-Empfehlungen sprechen da Bände: „Kundinnen, die sich für Phallus indusiatus interessieren, interessieren sich auch für CDs von Tom Waits.“ Und welche Frau denkt da nicht sofort an die samtweiche Stimme von Markus Lanz … MARKUS LANZ, wo ich das Wortpaar gerade niedertippe, überrollt mich beinahe eine ekstatische Welle …

Das alles klingt natürlich sehr geheimnisvoll, märchenhaft, mythenumrankt – so wie die weibliche Sexualität seit Jahrtausenden in all ihren Facetten. Man denke nur an die Anatomie der Vulva, diese kryptische, labyrinthische Grotte – nicht einmal Gynäkologen wussten vor 50 Jahren, wo genau was war, und die meisten Menschen, ob Frauen oder Männer, wissen es bis heute nicht. Und noch bis ins 20. Jahrhundert hinein galten übergroße Schamlippen als Zeichen „animalischer Sexualität“. So wie vor 100 Jahren der weibliche Orgasmus nicht einmal offiziell „entdeckt“ war. Sprich: gesellschaftlich nicht gewollt. Während heute Frauenzeitschriften Tipps geben, wie man einen Orgasmus vortäuscht, mahnte beispielsweise ein berühmter Frauenratgeber aus dem Jahr 1894: „Ist Sex unausweichlich, sollte die Ehefrau sich tot stellen. Jede noch so kleine Regung von ihr könnte sonst vom Ehemann als Lust gedeutet werden.“

Nicht nur die Sexualität, ja die komplette weibliche Gedanken- und Gefühlswelt galt und gilt gern als irrational – die nebulöse Stinkmorchel passt da prima ins Bild. Zu guter Letzt noch ein praktischer Tipp für den Alltag: Ekstatische Zustände, wenn auch ohne Orgasmus, bewirken auch eine leckere Tüte Kartoffelchips und dazu drei, vier Pils. Klappt immer.

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