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"Es ist ein Segen, es ist ein Fluch."

Autismus

Die Super-Talente

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Inselbegabte zeichnen ganze Städte aus dem Gedächtnis oder rechnen so schnell wie ein Computer, können sich aber selbst kaum die Schuhe binden.

Als Leslie Lemke 14 Jahre alt war, fand ihn seine Mutter mitten in der Nacht am Klavier. Er spielte Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1, nachdem er es zuvor zum ersten Mal in seinem Leben im Fernsehen gehört hatte. Klavierunterricht hatte der US-Amerikaner niemals gehabt. Trotzdem kann der inzwischen 66-Jährige mehr als 1000 Stücke aus dem Gedächtnis nachspielen. Lemke ist blind, seine geistige Entwicklung ist verzögert, seine Bewegung ist eingeschränkt. Trotzdem gibt er umjubelte Konzerte, improvisiert und komponiert.

Orlando Serrell war zehn Jahre alt, als ihn ein Baseball am Kopf traf. Seither kann sich der Mann aus Virginia in den USA an jeden Tag seines Lebens erinnern. Er weiß, wann er mit welchem T-Shirt in welches Kino in welchen Film gegangen ist und wie das Wetter war, als er wieder herauskam. Er weiß, welche Schuhe er an einem bestimmten Donnerstag vor 30 Jahren trug. Was seine Mutter wann zu ihm gesagt hat. Serell braucht keinen Notizblock und keinen Fotoapparat. Es ist ein Segen, es ist ein Fluch.

Das Gehirn von Kim Peek speichert beliebige Daten: sämtliche Kalender, Fernsehprogramme, Telefonbücher, das komplette Straßennetz der USA, jede Melodie, die er jemals gehört hat. Mit 16 Monaten brachte er sich das Lesen bei, mit vier Jahren kannte er vier Bände eines Lexikons auswendig, inzwischen sind es zigtausend Bücher, deren Inhalt Peek nicht vergessen kann. Er gilt als der einzige Mega-Inselbegabte der Welt, weil er mehr als nur eine Super-Gabe hat. Sein Kopf funktioniert wie ein gigantisches Archiv. Für alltägliche Handlungen ist es hingegen gar nicht gemacht: Peek kann nicht Autofahren oder schwimmen. Er kann sich nicht einmal selbst die Schuhe binden.

Erst mit 20 Jahren entdeckte Rüdiger Gamm per Zufall sein außerordentliches Talent im Kopfrechnen. Dann begann er mit dem Training. Inzwischen hat sein Gehirn die Ergebnisse von 200 000 mathematischen Zwischenschritten abgespeichert. Kombiniert mit einer Geschwindigkeit von 30 Rechenschritten pro Sekunde ermöglicht ihm das, 30er-Potenzen in Sekunden zu berechnen – so schnell und präzise wie zwei Festplatten.

Bevor George Widener als Künstler entdeckt wurde, hatte er als Techniker beim Nachrichtendienst der Air Force gearbeitet. In seiner Freizeit fertigte er umfangreiche Aufzeichnungen an, die eine Vorliebe für Zahlen, Kalender und Bevölkerungsstatistiken zeigen. In seinen klar strukturierten Zeichnungen kombiniert Widener, ein Inselbegabter mit Asperger-Syndrom, reale historische Ereignisse mit eigenen Berechnungen und entwickelt spezifische Codes für superintelligente Computer der Zukunft. Eines seiner mit mathematischen Berechnungen überzogenen Bilder handelt von Flugzeugabstürzen an Sonntagen, die Widener auf die Zukunft hochgerechnet hat. Demnach sollte man Flüge am 18. Januar 2065 und 17. Dezember 2051 dringend vermeiden.

Der britische Künstler Stephen Wilt-shire braucht nur einen kurzen Blick von oben auf eine Stadt zu werfen. Danach kann er atemberaubend detaillierte Panoramen aus dem Gedächtnis zeichnen. Wiltshire ist autistisch. Im Alter von acht Jahren begann er mit der Zeichnung von Autos und Städten nach Erdbeben. Später zeichnete er nach Rundflügen über London und Rom detaillierte Panoramaansichten beider Städte. Seither entstanden zahlreiche großformatige Zeichnungen von New York, Paris, Moskau, Venedig, Amsterdam, Frankfurt oder Hongkong. Zuerst war das Zeichnen für Wiltshire, der erst mit neun Jahren sprechen gelernt hat, nur eine Art, mit der Umwelt zu kommunizieren. Inzwischen versteht er sich als Künstler. „Seine Grenzen können paradoxerweise auch als Stärken dienen“, schrieb der Neurologe und Buchautor Oliver Sacks einmal über ihn. „Seine Vision ist wertvoll, scheint mir, gerade weil sie eine wunderbar direkte, nicht konzeptualisierte Sicht auf die Welt vermittelt.“

Der Asperger-Autist, Insel-Begabte und Unternehmensgründer Daniel Tammet nimmt Zahlen als Formen, Farben, Strukturen und Bewegungen wahr. Die 1 etwa ist wie ein Blitz, die 5 wie ein Donner. Er hält den Europarekord im Aufsagen von Nachkommastellen der Kreiszahl Pi und er ist Autor diverser Bücher, darunter „Elf ist freundlich und Fünf ist laut“ und „Die Poesie der Primzahlen“, deren weltweite Gesamtauflage eine Million Exemplare beträgt. Tammet lernt fremde Sprachen binnen einer Woche und rechnet fast so schnell wie ein Computer. Seit 2012 ist Tammet Mitglied der Royal Society of Arts. Er schreibt regelmäßig für Zeitschriften wie „The Guardian“, „The Observer“, „Slate“ und „Esquire“.

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