+
FR7-Autorin Andrea Jeska wird Schlossherrin. Ihr neues Leben führt sie aus dem Norden Deutschlands in den Süden Frankreichs. Doch was alles dorthin mitnehmen? Keine leichte Entscheidung ...

Im Schloss

Spuk der Woche

  • schließen

Das neue Zuhause ist ungewiss. Unsere Autorin rüstet sich gegen Kälte und Heimweh.

Nun habe ich zu den Dingen, die ich mitnehmen will, noch die Axt gelegt. Weil ich mir nicht sicher war, ob jemand das Holz hackt, mit dem mein neues Zuhause ausschließlich beheizt wird. Oder ob das künftig mir obliegt. Nicht dass ich wüsste, wie das geht, aber die Axt im Haus ersetzt ja bekanntlich den Zimmermann und also auch den Holzhacker. Die Axt liegt neben der großen Tasche mit den Wolldecken, Schafsfellen, Wollsocken und Wollpullovern, daneben stapeln sich Outdoor-Utensilien wie Taschenlampe, Gaskocher, Messer, aufblasbares Kajak.

Alles in allem sieht mein Gepäck aus, als ginge ich nicht ins sonnige Südfrankreich, sondern in die Weite der sibirischen Taiga. Aber da ich nicht weiß, wie kalt es in den alten Mauern ist, in die ich nun ziehe, rüste ich mich. Schon gepackt ist auch ein Korb mit Lebensmitteln: roter Quinoa, Buchweizenmehl, vegane Fischsauce und Sojagranulat. Ich fürchte nämlich, im einzigen Supermarkt im Umkreis von gefühlten 100 Kilometern wird man mich mit Hühnerbeinen bewerfen, wenn ich sage, ich esse keine Tiere. Nicht einmal in Frankreich.

Dann liegen da noch Yogamatte, Laufschuhe, Handtücher, Bettwäsche, Kameraausrüstung, meine geliebte dicke Daunendecke, die mir so wichtig ist wie Charlie Browns Freund Linus seine Schmusedecke (ich schleife sie aber nicht überall hinter mir her), Wollknäuel und Stricknadeln, Computer, Aktenordner, Drucker, Weltempfänger, ein paar CDs: Mozart und Fauré, Billy Joel, Miriam Makeba, Joss Stone, Martin Stadtfeld, der Schumann spielt, Mahlers „Kindertotenlieder“, falls ich das Schlossgespenst mal unterhalten möchte. Die Auswahl der Bücher fiel am schwersten.

Am Ende blieben Gedichte von Ingeborg Bachmann, Hölderlin, Dylan Thomas, Anna Achmatowa und Elizabeth Barrett Browning, altjapanische Lyrik, eine Haiku-Sammlung, eine Abhandlung über Postkolonialismus eines kamerunischen Politikwissenschaftlers, eine Anleitung für ein Leben jenseits der Konsumgesellschaft und ein Roman von Zsuzsa Bánk. Eines Nachts, als ich nicht schlafen konnte, holte ich aus den schon gepackten Kisten noch eine Novelle von Theodor Storm: für Tage, an denen mich das Heimweh nach norddeutschem Schmuddelwetter, Sturmfluten und wortkargen Menschen packt. Und dann legte ich in jener Nacht noch zwei Weihnachtsdecken dazu, Glühweingewürz und die Krippe, die die Kinder vor vielen Jahren selbst ausgesägt und bemalt haben. „Das kann ja heiter werden“, sagt die vernünftigste meiner Töchter, „wenn du jetzt schon sentimental wirst.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare