Im Schloss

Spuk der Woche

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Unsere Autorin hat die norddeutsche Heimat hinter sich gelassen und ist jetzt Schlossherrin in Südfrankreich. Von dort erzählt sie uns Geschichten über (meistens) gute Geister.

Schneeglöckchen, Krokusse, Christrosen. Es blüht in jedem Beet in unserem Schlossgarten. Die Krokusse in gelb und blau, die Christrosen in Pastelltönen, Rose, Elfenbein und zartem Violett. Von diesem Blühen geht eine Sehnsucht nach Frühling aus, sie ergreift uns, lässt uns die Türen aufreißen und den kalten Wind ignorieren. Traktoren fahren durchs Dorf, ohne ersichtlichen Grund, außer vielleicht dem, die Landwirtschaft wieder aus dem Schlaf zu holen. Auf dem kleinen Friedhof neben dem Schloss haben die Angehörigen die verdorrten Winterkränze aus Tanne und Efeu fortgeräumt, frische Blumen auf die Gräber gestellt, das Laub von den Steinen fortgefegt, als sollten nun auch die Toten spüren: das Leben beginnt wieder.

Zugleich ist es bitterkalt, die Nächte so eisig, dass sie am Morgen als kristallene Schicht noch an meinen Fenstern hängen. Ich schlafe unter drei Decken, eine davon ziehe ich über den Kopf, und bewege mich möglichst wenig. Morgens sind in meinem Zimmer fünf Grad, das Holz ist feucht, und ehe es munter brennt, dauert es bisweilen Stunden. Die Tage bringen Schnee und Schauer. Fast kommt es einem da empörend vor, dieses muntere Blühen in den Beeten, diese Zurschaustellung von Aufbruch vor der angemessenen Zeit. Wenn man es doch noch ertragen muss, das dunkel Verhaltene des Winters, dann soll bitte schön alles ruhen und warten.

Am Samstag fuhren wir zu einem Jazzkonzert. In meinem Kopf war die Vorstellung von Kneipe und Wärme, von schummrigem Licht. Die Wirklichkeit war ein Gemeindehaus in einem der kleinen Orte, das Licht war grell, es gab Rotwein in Karaffen, wir saßen an Plastiktischen. Das Publikum bestand aus den Dorfbewohnern und allen Hippies der Umgebung, die mit Hunden und Kinderschar kamen. Immerhin war es warm. Im Vorprogramm trat ein Sänger auf, der Abba- und Johnny Cash-Lieder sang, aber nicht singen konnte. Ich schwankte zwischen Lachanfällen und Depression. Zum Glück kam dann die Jazzband. Es dauerte keine fünf Minuten, da waren alle auf der Tanzfläche. Zu Bigband-Musik, Saxophon- und Trompetensolos tanzten wir uns so warm, wie uns seit langem nicht mehr war. Als wir zurück kamen, war die Dunkelheit schwarz, aber die Sterne leuchteten, wir konnten die Milchstraße sehen und Sternschnuppen. Home, sweet home, sang Silvio zähneklappernd, als wir in die Kälte der Eingangshalle kamen. Wir eilten wir in unsere Zimmer und krochen in die Betten.

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