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SOS für Snowdens Helfer

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  • Daniel Domscheit-Berg
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Denjenigen, die den Whistleblower einst versteckten, droht nun selbst Gefahr für Leib und Leben

Inzwischen ist es fünf Jahre her, dass Edward Snowden weltweit die Titelblätter bestimmte, weil sein Leak die grenzenlose Massenüberwachung globaler Kommunikation durch US-amerikanische Geheimdienste öffentlich machte. Die Thriller-gleichen ersten Wochen, nachdem er seinen Arbeitsplatz in Hawaii verließ, kann man nacherleben. Filmemacherin Laura Poitras hat ihn auf Teilen der Reise begleitet, daraus ist der mit einem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm „Citizen Four“ entstanden. Mit den Journalisten Glenn Greenwald und Ewen MacAskill flog sie nach Hongkong, wo die Übergabe des brisanten Materials durch Snowden stattfand, kurz darauf gab es die ersten großen Veröffentlichungen. Journalisten wie Geheimdienste versuchten, Snowden zu finden, und es schien ein Ding der Unmöglichkeit für ihn, sich auch nur einen Schritt in Hongkong unentdeckt zu bewegen.

Seine Rettung wurde Menschenrechtsanwalt Robert Tibbo. Zu Tibbos Mandanten gehören viele Asylbewerber in Hongkong. Sie leben in bitterarmen Verhältnissen, werden diskriminiert und ausgeschlossen, warten oft viele Jahre auf einen Entscheid, der für mehr als 99,5 Prozent von ihnen eine Ablehnung ist. Weil es kaum formelle Hilfsstrukturen für sie gibt, helfen sie sich in einem solidarischen Netzwerk ausgegrenzter Flüchtlinge gegenseitig. Durch ihr Leben sind sie für den Rest der Gesellschaft praktisch unsichtbar – der perfekte Ort, um jemanden zu verstecken, den gerade alle suchen.

Robert Tibbo bat seine Mandanten nicht vergeblich um Hilfe, wochenlang konnte Snowden sich bei ihnen verstecken, bis die Fortsetzung seiner Flucht möglich war. In jener Zeit teilten sieben Flüchtlinge nacheinander ihre winzigen Wohnungen mit Snowden, sie legten sich in den Flur schlafen, um das einzige Bett dem Gast zu überlassen. Gemeinsam feierten sie seinen 30. Geburtstag. Sie wussten erst nur, dass er ein Mensch auf der Flucht vor Verfolgung war, dann sahen sie sein Bild auf den Titelseiten, verstanden die Tragweite, blieben aber solidarisch. Auch für sie ist er ein Held.

In Oliver Stones Film „Snowden“ kann man ihnen persönlich begegnen, vier Erwachsenen und ihren drei in Hongkong geborenen Kindern. Durch diesen zweiten Film wurden erstmalig ihre Identitäten öffentlich. Die Folge: Ihre Asylprozesse gerieten plötzlich in Bewegung, die mageren Hilfszahlungen wurden eingestellt, Sri Lankas Ermittlungsbehörden suchten nach ihrem Aufenthaltsort. Hongkongs Administration steht vermutlich unter Druck von der US-Regierung, alle Asylanträge wurden in erster Instanz abgelehnt. Robert Tibbo legte Widerspruch ein, die letzte Anhörung dazu fand vor wenigen Wochen statt. Irgendwann in den nächsten Wochen fällt die finale Entscheidung, und vermutlich wird es die endgültige Ablehnung sein. Dann muss Vanessa zurück auf die Philippinen, Supun, Nadeeka und Ajith müssen zurück nach Sri Lanka. Die drei Kinder sind staatenlos, die Familien werden vermutlich bei einer Deportation der Eltern auseinandergerissen. Den Erwachsenen droht in ihren Heimatländern Verfolgung, Folter oder sogar der Tod. In Deutschland wären ihre Asylanträge sehr aussichtsreich, aber Asyl kann man nicht aus der Ferne beantragen. In Kanada ist das möglich, deshalb wurden schon vor einem Jahr Asylanträge in Quebec gestellt, und es bildete sich eine Unterstützer-Community.

Unter fortherefugees.com sammelt sie Spenden für Rechtshilfe und Unterhalt, übt aber auch Druck auf die kanadische Regierung aus, damit die gestellten Anträge in einem Eilverfahren entschieden werden – aber auch, um den in akuter Gefahr befindlichen Flüchtlingen schon während des laufenden Verfahrens einen vorläufigen Aufenthalt zu gestatten. Menschenrechtsorganisationen aus aller Welt verfolgen ihr Schicksal. Es liegt in den Händen der kanadischen Regierung, ob die Solidarität selbst verfolgter Geflüchteter mit dem damals meistgesuchten Mann der Welt bestraft wird oder ob sie eine Chance auf ein Leben in Frieden erhalten.

Ein nicht beschleunigtes Verfahren kann drei bis vier Jahre dauern, die Flüchtlinge haben aber nur noch Wochen. Die liberale Regierung von Trudeau ist ihre letzte Hoffnung. Vor allem für Ajith geht es um jeden Tag. In Sri Lanka wurde er als junger Rekrut geschlagen und vergewaltigt, nach seiner Desertion gefangen und gefoltert. Seiner Exekution entging er nur durch Flucht. Er leidet unter Traumata und würde eher sterben wollen, als zurück nach Sri Lanka zu gehen.

Er und die anderen haben aber ein Leben in Würde verdient. Spenden oder ein Brief an den kanadischen Botschafter Stéphane Dion in Berlin können vielleicht dazu beitragen. Wer sich Edward Snowden verpflichtet fühlt, würde mit dieser Art von Unterstützung ganz in seinem Sinne handeln.

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