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"Ein Mann, der Schwäche zeigen kann."

Kolumne

Sieben Gründe, Lars von Trier gut zu finden

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Der Skandalregisseur hat auch skandalös tolle Seiten

1. All die Glamourvisagen aus dem Filmgewerbe kann man ja kaum noch ertragen. Lars von Trier dagegen umweht der fassbindereske Hauch des Dauerglimmers; Interviews mit ihm muten an, als hätte man ihn vor dem ersten Morgenwodka aus dem Bett gezerrt. Sehr authentisch.

2. Er setzt immer noch einen drauf: Mit Nonchalance schwadronierte er bei den Filmfestspielen 2011 in Cannes einen derartigen Bullshit zusammen, der in Sympathien für Hitler und Speer gipfelte und in dem er sich selbst als Nazi bezeichnete. Jede Epoche braucht halt ihre Skandallieferanten: Die 70er hatten Helmut Berger, die 80er Klaus Kinski, die 90er Charlie Sheen – warum mit liebgewonnenen Traditionen brechen?

3. Das Dogma-95-Manifest war große Klasse. Nach all den Hochglanzpolituren des Hollywoodkinos endlich mal wackelige Handkameraaufnahmen im Kino zu sehen, mies ausgeleuchtete Räume und ungefilterte Hintergrundgeräusche einer Schnellstraße mitten in einem tragischen Dialog – das war echte, filmische Innovation.

4. Er drehte neben „Dogville“ noch zwei weitere Filme über die Verhältnisse in den USA – obwohl er aufgrund seiner Flugangst selbst nie dort gewesen ist, was ihm scharf vorgeworfen wurde. Worauf er schlau konterte, die Amis seien ja auch nie in Marokko gewesen und hätten trotzdem „Casablanca“ gedreht. Touché!

5. Regie als Therapie: Der Welt so hemmungslos die eigenen Ängste, Depressionen und Alpträume um die Ohren zu hauen, sein Innenleben so rabiat über die Leinwand zu stülpen und dann noch so lässig darüber zu parlieren: „Wenn man eine Tragödie dreht, rennt man währenddessen ja auch nicht ununterbrochen durch die Gegend und heult!“ Das muss man erstmal fertigbringen.

6. Auf halber Strecke schmiss Lars von Trier die Inszenierung des Nibelungenrings in Bayreuth einfach hin, nachdem er eine Aufführung von 16 Stunden geplant hatte – das habe seine Kräfte dann doch überfordert. Ein Mann, der Schwäche zeigen kann.

7. Wer glückliche Beziehungen, romantische Natur und heitere Dialoge sowieso für überschätzt hält, kann Lars von Trier nur lieben. „Antichrist“, „Melancholia“ und „Nymphomaniac“ sind herrliche Filme, um einem eh schon katastrophalen Tag cineastisch den Rest zu geben. Gegen diesen Regisseur muten selbst filmische Folterknechte wie David Lynch, Michael Haneke und Pier Paolo Pasolini wie die reinsten Disneyregisseure an.

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