Lars Ruppel wurde 1985 geboren und wuchs im hessischen Gambach auf. Er lebt seit 2004 von der Poesie und schrieb mit "Holger, die Waldfee" einen Bestseller.
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Lars Ruppel wurde 1985 geboren und wuchs im hessischen Gambach auf. Er lebt seit 2004 von der Poesie und schrieb mit "Holger, die Waldfee" einen Bestseller.

„Schreiben ist nicht schön“

  • Anne Lemhöfer
    vonAnne Lemhöfer
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Poetry-Slammer Lars Ruppel über die Macht der Worte, Reime für Kinder und warum er dementen Menschen in Pflegeheimen Gedichte vorliest.

Herr Ruppel, Sie stehen seit 15 Jahren als Poetry-Slammer auf der Bühne und haben einige Gedichtbände veröffentlicht. Wie wird man Poet?
Ach, das war ganz unspektakulär. Ich war 16 oder 17, ein Kumpel hat mich angesprochen, ob ich nicht bei einem Poetry Slam mitmachen wollte. Ich war erlebnisorientiert und es gab Freibier, da habe ich nicht lange gezögert.

Hatten Sie vorher schon Gedichte geschrieben? Überhaupt geschrieben?
Nein. Das hat erst mit dem Poetry Slam angefangen. Ich war auch überhaupt kein guter Schüler. Was ich mit meinen Freunden damals gerne gemacht habe: in Gebüsche springen.

In Gebüsche springen?
Ja, das ist eine klassische Landjugendbeschäftigung: Man springt in ein Gebüsch und lacht sich kaputt. Das war meine intellektuelle Ausgangsposition, von der aus ich meine Karriere als Dichter begann.

Vom Gebüsch auf die Bühne, sozusagen. Wie war Ihr erster Auftritt?
Ich bin natürlich total gescheitert. Ich habe mir so ein Mitmach-Gedicht ausgedacht. Den Leuten hat das nicht gefallen. Aber es hat Spaß gemacht. Ich mochte die Bühne. Ich genoss die Aufmerksamkeit und den mir entgegengebrachten Respekt. Ein großer Leser war ich allerdings nie.

Nein?
Meine Eltern haben mir als Kind vorgelesen, klar. Aber ansonsten schaue ich auch heute noch lieber Internetvideos mit Katzen und schönen Fußballtoren.

Sie lesen nicht, aber schreiben gerne?
Ehrlich gesagt, schreibe ich auch nicht gerne. Schreiben ist nicht schön. Es ist schön, etwas geschrieben zu haben, das hat Max Goldt letztens gesagt. Das Geschrieben-Haben, das macht Spaß. Das Schreiben selbst ist nun mal mein Beruf. Ich kann nichts anderes, glaube ich.

Die Art, wie Sie mit Sprache umgehen – zum Beispiel im Gedichtband „Holger, die Waldfee“ – lässt aber schon eine gewisse Begeisterung erahnen.
Das ist schön, aber ich kann Ihnen garantieren, dass es nicht immer so war. Ich weiß schon, dass es ein Privileg ist, in einer Gesellschaft zu leben, die sich die Existenz von Poeten und Poetinnen leisten kann, und dass es wesentlich anstrengendere und wichtigere Berufe gibt. Deswegen will ich mich über meine Arbeit nicht beschweren, aber es ist und bleibt eben Arbeit, kein bezahltes Hobby.

Das klingt jetzt nicht sehr poetisch.
Da draußen buckeln Pflegekräfte und Ehrenamtliche und Ärzte und Handwerker und Gärtner, damit die Welt schöner, gesünder oder sauberer wird. Gedichte sind ein Luxusgut, niemand stirbt, wenn es sie nicht gibt. Was ich mit meiner Arbeit tun kann, ist, vielleicht den einen oder anderen jungen Menschen vom RTL2-Schauen abzuhalten. Das ist dann schon ein Erfolg.

In Ihrem Projekt „Weckworte“ geht es nicht um junge Menschen, die sich Sprache nach und nach zu eigen machen. Sondern um alte Menschen, die an Demenz leiden und nach und nach ihre Worte verlieren.
Genau. Mit dem Programm besuche ich Alten- und Pflegeheime und schule dort die Pflegenden im Vortrag von Gedichten während der Pflege. Mit Poesie lässt sich etwas transportieren, was über die reinen Worte hinausgeht. Das Gute ist: Gedichte können sich Menschen gut merken. Es geht besonders darum, sie richtig und voller Begeisterung vorzutragen. Durch die neu entdeckte Freude am gesprochenen Wort können Gedichte zum festen Bestandteil in der Pflege von Menschen mit Demenz werden – wie es Volkslieder teilweise schon sind. Es geht also um eine kulturelle Aufwertung der Pflege. Der Workshop ist für Pflegekräfte, Betreuungskräfte und Angehörige gedacht.

Brauchen Altenpflegerinnen und -pfleger denn Nachhilfe in Poesie?
Viele Pflegekräfte und Schüler haben selbst nur wenige Gedichte in ihrer Schulzeit kennenlernen dürfen oder im Unterricht die Lust an der Poesie verloren. Zwischen ihnen und der älteren Generation entsteht somit eine kulturelle Differenz. Sie kann in der Arbeit mit Menschen mit Demenz oder geistiger Behinderung aber ein wichtiges Kommunikationsmittel sein. Poesiebegeisterung bei Pflegenden wecken und damit die Lebensfreude in Menschen mit Demenz oder geistigen Behinderungen wecken – das ist das Ziel der „Weckworte“.

Welche Gedichte eignen sich besonders gut für die Arbeit mit dementen Menschen?
Eigentlich alle. Da gibt es keine Einschränkung. Gedichte sind für ältere Menschen ein guter emotionaler Anknüpfungspunkt. Besonders wichtig ist, das kulturelle Angebot in der Pflege zu öffnen, weg von der ständigen Wiederholung der alten Schinken und den Bingonachmittagen, auch neue Poesie und unkonventionelle Angebote können die Senioren begeistern. Wir sitzen immer in einem Stuhlkreis, und wir tragen zum Beispiel Gedichte von Heinz Erhardt, Mascha Kaléko, Hanns Dieter Hüsch oder Kurt Tucholsky vor. Oder die vielen alltäglichen Reime wie „Unser Kaffee / Kaum zu fassen / 13 Bohnen / 14 Tassen“. Heinrich Heines „Lore-Ley“ kennen ganz viele alte Menschen noch auswendig. Aber möchte man im Alter, wenn man selbst nicht mehr zum Buch greifen kann, immer wieder das gleiche Gedicht vorgetragen bekommen?

Geht es darum, Erinnerungen zu wecken?
Nicht nur. Es geht um menschliche Würde, darum, dass wir die kulturelle Biografie eines Menschen als Teil einer würdevollen Pflege begreifen und wir den pflegebedürftigen Menschen nicht nur sauber machen, sondern auch intellektuell und kulturell befriedigen. „Das Herz ist nicht dement“, heißt es in der Pflege. Ich bin überzeugt davon, dass es in jedem Menschen einen Bereich für Poesie gibt, der nicht zerstört werden kann, auch wenn alles andere vergessen wird. Das klingt jetzt etwas esoterisch, aber ich erlebe das oft so. Es geht nicht nur um Rückbesinnung, sondern auch darum, gemeinsam neue Gedichte zu erkennen. Gedichte vorlesen und besonders das Mitsprechen der Gedichte unterhält nicht nur, es gibt den Senioren die Möglichkeit zur aktiven Teilhabe an Kultur und Gesellschaft in einer Zeit, in der das für sie sehr schwer sein kann. Kultur ist Teil der Identität.

Wie ging es Ihnen, als Sie erstmals nicht vor Studierenden oder jungen Kulturmenschen Gedichte vortrugen, sondern vor kognitiv eingeschränkten alten Menschen?
Als ich zum ersten Mal Gedichte vor Menschen mit Demenz vorlesen sollte, wäre ich fast weggerannt. Das ist ein Publikum, das sieht komisch aus, riecht komisch, manche schreien um Hilfe, schreien mich an oder denken, dass die Panzer kommen, wenn draußen ein Laster vorbeifährt. Das ist anstrengend und schwer zu ertragen. Völlig klar: Keine Krankheit kann durch den Vortrag von Gedichten geheilt werden. Es geht darum, den Betroffenen ein emotional vielfältiges und gutes Leben zu ermöglichen. Dazu gehört auch die intellektuelle und emotionale Begegnung auf Augenhöhe.

Gibt es Gedichte, die zu kompliziert fürs Pflegeheim sind?
Nein. Man muss auch den Respekt vor Gedichten verlieren. Warum nicht einfach mal eine Zeile weglassen oder eine dazu dichten? Über Berührungen kann man jedes Gedicht jedem Menschen vortragen, man muss die Gedichte nur auf sehr kleine Nenner herunterbrechen. Ich sehe Poesie als Knetmasse. Außer „Der Panther“ von Rilke, da habe ich noch keine Idee, wie man ihn vortragen soll, ohne dass sich das Publikum mit dem eingesperrten Panther identifiziert.

Könnten Sie kurz beschreiben, wie es ist, wenn Sie in einem Seniorenheim zum Beispiel das Gericht von „Herrn Ribbeck“ vortragen? Wie sind die Reaktionen?
Ne, die sind zu vielfältig, das kann man nicht allgemein sagen.

Was ist das Überraschendste, das Sie bei den „Weckworten“ erlebt haben?
Das Überraschendste sind selten die Reaktionen der Menschen mit Demenz. Meistens ist das Spannende die Veränderung bei den Pflegenden, die während des Vortrags die Kraft ihrer eigenen Stimme entdecken, Mut entwickeln und voller Freude ein Gedicht vortragen.

Sehen Sie dem Alter gelassener entgegen, seit Sie regelmäßig mit 70- bis 100-Jährigen zu tun haben?
Nein, im Gegenteil. Es führt mir eher vor Augen, wie scheiße Altern ist. Wir brauchen unbedingt alternative Alterskonzepte, Pflegeheime können nur eine Übergangslösung sein – der richtige Weg sind sie auf keinen Fall. Die meisten träumen doch davon, auch im Alter noch selbstständig zu Hause zu leben, mit den eigenen Möbeln, in einer selbstbestimmten Umgebung. Wohnungen müssen so gebaut werden, dass das möglich ist.

Sie lesen aber nicht nur auf Bühnen und in Seniorenheimen, sondern auch in Grundschulen. Ein echtes Kontrastprogramm. Was mögen Kinder an Gedichten?
Das ist einfach: Kinder lieben Gedichte, die sich reimen, und in denen möglichst oft Wörter wie „Schwein“ oder „Po“ vorkommen oder in denen etwas explodiert. Der Humor von Kindern funktioniert ja nach einem ganz bestimmten Schema, und der Spaß an Sprache ist deutlich zu merken. Das kennen Sie sicher auch: „Sag mal Klettergerüst!“ – „Klettergerüst.“ – „Du hast ’ne nackte Frau geküsst!“.

Klar, diese Reime vererben sich ja von Kindergeneration zu Kindergeneration ...
Oder der hier: „Auf dem Klo, da sitzt ein Geist, der jedem in den Hintern beißt!“ Kinder wollen sich in der Sprache selbst wiederfinden, ein Echo erzeugen. Wer dichtet, der merkt: Ich habe eine Wirkung auf die Welt, klanglich und inhaltlich lassen sich Grenzen überschreiten.

Sie sind eine Art Handelsreisender in Sachen Poesie und gelten als einer der umtriebigsten Dichter des Landes. Können Sie von der Poesie leben?
Ja, das kann ich schon lange.

Wie haben eigentlich Ihre Eltern reagiert, als Sie verkündeten, Dichter werden zu wollen?
Die fanden das super, das rechne ich ihnen bis heute hoch an. Sie haben mir vertraut und mir angeboten, sobald ich das möchte, würden sie mir ein Studium oder eine Ausbildung finanzieren.

Haben Sie ein Lieblingsgedicht?
Mein Lieblingsgedicht wechselt, das hängt von der Stimmung ab. Momentan ist es „An besonders schönen Tagen“ von Erich Kästner.

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