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"Wir dürfen den Leuten nicht zu viel auf einmal bieten."
"Wir dürfen den Leuten nicht zu viel auf einmal bieten." © Theresa Breuer

Wer denkt bei Bagdad schon an Kunst? Die Ostberlinerin Hella Mewis. Sie hat in der irakischen Hauptstadt gemeinsam mit jungen Talenten das erste Zentrum für zeitgenössische Kunst aufgebaut.

Von Theresa Breuer

Der Soldat am Checkpoint schaut irritiert. „Entschuldigung, wohin wollen Sie, bitte?“, fragt er die zierliche blonde Frau auf Arabisch. Ein zweiter Soldat nestelt nervös an seinem Maschinengewehr, in seiner Schutzweste steckt eine Handgranate. Hella Mewis rollt genervt die Augen. „Ins Café Ridha Alwan“, sagt sie, als sei das eine Selbstverständlichkeit. „Ich kann Sie hier nicht durchlassen“, erwidert der Soldat in einem Ton, als wisse er selbst nicht genau, warum. „Das kann ja wohl nicht wahr sein“, ruft Hella Mewis, „ich bin Bagdaderin.“ Jetzt blickt der Soldat noch ratloser. Um ein Stück Autorität wiederzuerlangen, räuspert er sich, streckt seinen Rücken durch und verlangt, ihren Ausweis zu sehen. Dann lässt er sie passieren. „Manchmal stellen die sich aber auch an.“ Hella Mewis winkt ein Taxi herbei.

Man sollte an dieser Stelle ein wenig Mitgefühl für die verwirrten Soldaten haben. Ausländer bewegen sich normalerweise nicht frei in der irakischen Hauptstadt. Sie leben und arbeiten hinter mehreren Schichten hoher Betonmauern, werden von bewaffnetem Sicherheitspersonal von Ort zu Ort gebracht und geraten außerhalb ihrer Arbeit in Botschaften, internationalen Organisationen oder Medienhäusern kaum in Kontakt mit der Bevölkerung. Bagdad gilt, unter anderem wegen des Risikos, entführt zu werden, als eine der weltweit gefährlichsten Städte für Ausländer.

Hella Mewis, 45 Jahre alt, lebt anders. Die gebürtige Ostberlinerin kam nach Bagdad mit dem Ziel, der Stadt der Autobomben, Selbstmordattentäter und Milizen einen anderen Anstrich zu geben. Dafür hat sie das Künstlerkollektiv „Tarkib“ ins Leben gerufen. Damit will sie in den Vordergrund rücken, was Menschen innerhalb und außerhalb des Irak schon lange nicht mehr mit dem Land verbinden: Kunst, Talent und Schönheit.

Tarkib bedeutet so viel wie „Zusammensetzung“ oder „Kombination“. Neben Hella Mewis gehören dem Kollektiv 15 junge Künstler an sowie ein Dutzend freiwillige Helfer. Gemeinsam bauen sie das Bayt Tarkib auf, ein Zentrum für zeitgenössische Kunst – das erste in Bagdad überhaupt. Hella Mewis sagt, das sei längst überfällig. „Als wir 2014 die erste Installationsausstellung organisiert haben, waren die Leute schockiert.“ Die meisten Iraker kämen nur selten mit moderner Kunst in Berührung. Da sei ihr bewusst geworden, wie viel es in dem Land aufzuholen gibt. Die Tarkib-Gruppe begann, Musikveranstaltungen, Festivals und Ausstellungen zu organisieren. Jahr für Jahr wurde das Kollektiv immer mehr zum Anziehungspunkt für die nach Kultur hungernde Jugend Bagdads. „Kein Wunder“, sagt Hella Mewis, „es gibt hier kaum Theater, Kinos oder Konzerte.“

Nur wenige Gehminuten vom Café Ridha Alwan, einem Ort, an dem sich kettenrauchende Intellektuelle austauschen, liegt das Bayt Tarkib. Im Mai 2017 hat Hella Mewis es eröffnet. Es ist ihr Schatz, ihr ganzer Stolz. „Mein Haus am See.“ Umgeben von Beton.

Auf der Terrasse der alten Villa sitzen knapp ein Dutzend junge Männer und Frauen. Sie tauschen sich über die Projekte aus, an denen sie gerade arbeiten, sprechen über den modernen Irak und die Lebensrealität der Jugend in dem vom Krieg geprägten Land. Allen voran Ameen Mokdad, ein 28-jähriger Musiker aus Mossul, der zweieinhalb Jahre unter der Herrschaft der Terrormiliz „Islamischer Staat“ gelebt hat. Als der IS 2014 in Mossul einfiel, stieg Ameen Mokdad auf das Dach seines Hauses und spielte auf seinem Cello „Thunderstruck“, ein Stück von AC/DC. Das war seine Art, Wut und Verzweiflung zu zeigen. Eine wagemutige Aktion, bei der er zum Glück nicht zu Schaden kam. Heute trägt Ameen Mokdad auf den Straßen Bagdads Lieder vor, die er komponiert hat, als der IS in Mossul herrschte. Um, wie er sagt, seinen Landsleuten etwas Schönheit zurückzubringen.

Neben ihm sitzt ist Zaid Saad, 27 Jahre alt. Seine Installationen haben immer auch eine politische Dimension. Ihn beschäftigt vor allem der Unterschied zwischen Islam und islamistisch motiviertem Terrorismus. Er arbeitet auch mit Videokunst, filmt Jugendliche, lässt sie erzählen. Zum Beispiel ein Paar, das unterschiedlichen Religionsgemeinschaften angehört und trotzdem gegen den Willen der Eltern geheiratet hat. Sie ist Filmemacherin, er Kriegsfotograf, vergangenes Jahr wurde er schwer verletzt, als er die Kämpfe in der irakischen Provinz Falludscha begleitete. Und dann ist da Ali al-Taqey, 20, Musiker und Beatboxer – sein Mund ist sein einziges Instrument. Im Frühjahr fuhr er nach Mossul, um gemeinsam mit einer irakischen Hilfsorganisation Nahrungsmittel und Wasser an Flüchtlinge zu verteilen und mit traumatisierten Kindern zu spielen. Seine Musik hilft ihm, mit den Erlebnissen fertigzuwerden. „Ich bin Müttern begegnet, die keine Milch mehr an ihre Säuglinge geben konnten, weil sie seit Tagen nichts gegessen und kaum etwas getrunken hatten.“

Ameen Mokdad, Zaid Saad und Ali al-Taqey – sie alle sagen, dass sie in der Tarkib-Gruppe eine zweite Heimat gefunden haben, endlich einen Ort, an dem sie ihre Gedanken und Erfahrungen verarbeiten können. Etwa bei dem Kulturfestival, das sie im Juni bereits zum dritten Mal veranstalteten. Auch hier ging es um Politisches, um den Völkermord an den Armeniern, um die jesidische Minderheit, um den IS, um die Korruption. Hella Mewis ist den Künstlern Mentorin, Freundin, Inspirationsquelle. „Im Irak bedeutet, Kunst zu studieren, noch immer: auswendig lernen und das nachmachen, was der Lehrer vorgibt“, sagt sie. „Ich möchte die Jugend dazu bewegen, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen.“ Zu sehen, wie sie ihre Ideen vorantreiben, sei ihr ein Ansporn. „In Europa ist die Kunstszene gesättigt, alles ist schon mal da gewesen. Im Irak kann ich noch etwas bewegen.“

Zwar stammt sie nicht, wie sie dem Soldaten entgegenhielt, aus Bagdad. Aber sie hat die irakische Hauptstadt zu ihrer Heimat gemacht – aus einer Laune, einer Sehnsucht heraus, von der sie lange Zeit nicht wusste, dass sie existiert. Eigentlich hatte die ausgebildete Theatermanagerin nichts mit dem Nahen Osten zu tun, hegte weder politisches noch kulturelles Interesse an der Region. Hella Mewis hat die meiste Zeit in Ostberlin gelebt. Gemeinsam mit ihrem Ehemann arbeitete sie viele Jahre im Kunsthof Berlin, hat Galerien und ein Café geleitet. Vor zehn Jahren trennte sich das Ehepaar.

Sie sagt, es sei ein schwerer Schlag für sie gewesen und sie habe noch einmal ganz von vorne anfangen müssen. Erst studierte sie Betriebswirtschaft an einer Abendschule, danach arbeitete sie als internationale Projektmanagerin im Theaterhaus Berlin Mitte. Hier begann die Reise, die ihr Leben verändern sollte: Das Theaterhaus war Teil des Netzwerks zum kulturellen Wiederaufbau im Irak. Hella Mewis wurde nach Bagdad zu einem Theaterfestival eingeladen. „Ich bin aus dem Flugzeug ausgestiegen, habe meinen Fuß auf Bagdads Boden gesetzt und wusste: Ich bin zu Hause.“ Es klingt, als sei sie noch immer erstaunt darüber.

Zurück in Deutschland, blieb die Sehnsucht nach der Stadt. Hella Mewis wollte nur noch eines: Bagdaderin werden. Sie kündigte ihren Job und begann, Pläne zu schmieden. „Mir war klar, dass es nicht einfach werden würde.“ Eine alleinstehende, europäische Frau in einem vom Krieg zerrütteten Land, dessen Sprache sie noch nicht einmal spricht – im besten Fall ist das eine Torheit, im schlimmsten Fall lebensgefährlich. Deshalb zog sie zunächst für eineinhalb Jahre nach Kairo, unterrichtete Deutsch und engagierte sich in der Kulturarbeit. Zumindest hatte sie einen Schritt in die Richtung gemacht, kam in der arabischen Welt ihrem Traum ein Stück näher. Immer wieder reiste sie nach Bagdad, lernte die Stadt kennen, knüpfte Kontakte, suchte eine Wohnung.

2013 zog Hella Mewis endgültig nach Bagdad. Sie wollte dort unabhängig leben, inmitten der Gesellschaft. Und ihr war von Anfang an klar, dass sie dort nur als Freischaffende arbeiten wollte. „Alle anderen Ausländer sind eingesperrt, ich wollte aber in die Stadt und mich nicht hinter Betonmauern verstecken.“ Auf die Frage, wie sie das geschafft habe, bleibt sie vage: „Ich werde von einer einflussreichen Familie beschützt.“ Außerdem habe man sich an sie, die Kuriosität im Viertel Karrada, inzwischen gewöhnt. Wenn sie mit ihrem Fahrrad durch den Stadtteil fährt, halten Polizisten den Verkehr auf, damit sie sicher die Straßen überqueren kann. Händler grüßen aus ihren Läden, der Cafébesitzer weiß, wie sie ihren Kaffee mag.

Ameen Mokdad, Zaid Saad, Ali al-Taqey und die anderen brechen auf. Sie wollen in die Stadt, in die Rashid-Straße, Bagdads einstigen Prachtboulevard, der heute halb verfallen ist. Dort stellt sich die Gruppe vor einem alten Kino auf, in das früher Männer in schicken Anzügen Damen in eleganten Kleidern ausführten. Heute ist von dem Glanz vergangener Tage nichts mehr zu sehen, in dem Gebäude befindet sich eine Autowerkstatt.

Ameen Mokdad setzt seine Violine an und beginnt zu spielen, Michael Jacksons Hit „They don’t care about us“. Einer beatboxt dazu, ein anderer schlägt die Trommel. Sofort bleiben Passanten stehen, filmen das Geschehen mit ihren Smartphones. „Wir hoffen, dass unsere Zuschauer die kulturelle Vielfalt genauso lieben wie wir“, sagt der Trommler. „Die Violine kommt aus Europa, die Trommel aus Persien.“ – „Und Beatboxen kommt vom Mars“, vollendet ein anderer den Satz. Die Menge lacht.

Nach nur wenigen Stücken beenden sie das spontane Konzert. „Die Leute müssen hungrig bleiben“, sagt Ameen Mokdad, „wir dürfen ihnen nicht zu viel auf einmal geben.“ Er weiß, was Hunger bedeutet: auf Kunst, auf Leben, auf Musik. In den Jahren in Mossul, unter der Herrschaft des „Islamischen Staats“, galt seine Musik als unsittlich, sie war verboten. Ameen Mokdad musste seine Instrumente verstecken, lebte in Angst, entdeckt zu werden. Nachdem Mossul von der irakischen Armee zurückerobert wurde, zog er nach Bagdad, wo er Hella Mewis kennenlernte. „Das Kollektiv hat mir meine Freiheit zurückgegeben“, sagt er.

Auch Hella lächelt zufrieden, als sie die verdutzten Gesichter der Passanten sieht, die erst nicht wissen, wie sie auf die Musik reagieren sollen – und am Ende doch begeistert klatschen. Sie und ihre Künstler haben wieder einmal bewiesen, dass der Irak so viel mehr ist als Krieg.

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