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"Leute wie mich muss Deutschland aushalten."

Reportage

Roswita im Glück

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Pomp, Pracht, Barock: Beim Frühstück plaudert Modemacher Harald Glööckler über Prinzessinnen, Stil und Geschmack. Ein Hausbesuch.

Es gibt Croissants. Selbst aufgebacken. Die von umliegenden Bäckern kommen Harald Glööckler nicht in die Brötchentüte. „Das kriegen die hier einfach nicht hin“, sagt er mit einer Geste, die ganz schön dramatisch ausfällt, dafür dass es um Blätterteighörnchen geht. Hier, das ist Kirchheim an der Weinstraße. Vor drei Jahren ist der Modemacher aus Berlin aufs Land gezogen. Nur dass sein Land ein bisschen anders aussieht, als das Land der anderen.

Das geht schon im Garten los, durch den der Hausherr führt, bevor er an die Frühstückstafel bittet. Rasen und Hecken leuchten ein bisschen zu grün, um natürlich zu sein, an den haushohen Außenmauern hängen mannshohe Spiegel, ein herrschaftlicher Brunnen plätschert vor sich hin. Überall stehen gigantische Statuen und Büsten herum, römische Kaiser und griechische Göttinnen, Leoparden und Möpse. Es gibt viel zu sehen, der Meister schreitet voran.

„Das ist das Gästehaus“, sagt Glööckler und zeigt nach links. „Das ist das Saunahaus“, sagt Glööckler und zeigt nach rechts. „Und das“, verkündet er feierlich, „das sind meine Rosen.“ Natürlich blühen die dichten Sträucher jetzt nicht mehr, die Gäste können sich das üppige Farbspiel von vor ein paar Wochen aber lebhaft vorstellen. Ob er die Blumen höchstpersönlich versorgt? „Natürlich kümmere ich mich selbst darum“, flötet Glööckler über die Schulter, während er gen Freitreppe marschiert. Nein, natürlich kümmert er sich nicht selbst darum. Sein ironischer Ton lässt keinen Zweifel daran.

Wie auch, der Mann hat schließlich ein paar andere Dinge zu tun. Neben der Mode, den Büchern und der Malerei entwirft Glööckler auch Möbel, Make-up, Schmuck, Tapeten, Heimtextilien, Handy-hüllen, Hundenäpfe, Badewannen, Bibeln, Duftkerzen, Servietten, Kissen, Fertighäuser, Weingetränke in Dosen und seit neuestem auch Perücken. Dementsprechend herrscht – schließlich vor dem Körbchen mit den Croissants angekommen – erstmal ein bisschen Verwirrung.

„Worüber wollten wir heute gleich nochmal sprechen?“, fragt Glööckler und nimmt zwei zurechtgelegte Bücher zur Hand. „Meinen neuen Bildband? Mein neues Kirchenbuch?“ Nein, Herr Glööckler, heute soll es um Haltung und Stil, um Geschmack gehen. „Ah, Geschmack…“, sagt Glööckler und lehnt sich in seinem Barockstuhl mit Leopardenbezug zurück. Es gebe ja auch Leute, die sagten, über Geschmack ließe sich nicht streiten. „Das kann ich gar nicht verstehen, man kann doch über alles streiten“, ruft er aus. „Allerdings nicht mit mir.“ Schade eigentlich, Stoff gäbe es schließlich genug.

Seine Kleidung, seine Möbel, sein Modelabel Pompöös – Glööcklers Geschmack ist wahrlich nichts für schwache Nerven. Darf’s ein bisschen mehr sein? Es darf. Im Hause Glööckler wird jeder Quadratzentimeter ausgereizt. Überall stehen Figürchen und Figuren, Lämpchen und Lampen, Väschen und Vasen, kein Platz, kein Tisch, keine Ablage bleibt unbesetzt. Auch an den Wänden sucht man Freiflächen vergeblich: Glööcklers Anwesen gleicht einer einzigen, endgültigen Petersburger Hängung. Rahmen an Rahmen sind unzählige historische Portraits platziert – die allesamt eine verdächtig ähnliche Schnute ziehen. „Louis XIV. hat sich ja auch als Julius Cäsar abbilden lassen“, sagt der Gastgeber und lässt seine langen Nägel rhythmisch auf dem schwarzen Lacktisch klackern. Und was der Sonnenkönig kann, das kann Glööckler schon lange.

Also hängen in seinem Hause die großen Männer der Geschichte mit seinem Gesicht, Glööckler als Ludwig II, Glööckler als Napoleon, Glööckler als Richelieu. König, Kaiser, Kirchenfürst – an seinen Wänden bekleidet Glööckler die herrschaftlichen Ämter also in Personalunion. „L’état c’est moi“, verkündet der Hausherr denn auch – der Staat bin ich. Aber Moment – Kardinal Richelieu? War das nicht der Böse? „Die Bösen sind immer die Besten“, befindet Glööckler, und die Gäste sind ein bisschen erleichtert, dass die Porträtreihe vor 1933 endet.

„Ich war neulich in einem Restaurant, da war alles clean, die Wände waren weiß, kein Bild hing da“, erzählt Glööckler und verteilt Kaffee – aus einer ganz normalen Thermoskanne wohlgemerkt. Man habe ihm erklärt, das sei ein Konzept: Leere, luftige Räume sollen die volle Konzentration auf die Gespräche lenken. „Die sind witzig“, brummt er. „Da sitzt dann ein Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat – und kann sich nicht mal über das hübsche Bild an der Wand unterhalten.“ In seinem Haus wäre das natürlich undenkbar. Der Blick wandert unentwegt, überall gibt es etwas zu sehen, zu entdecken, zu besprechen.

Glööckler steht auf und schreitet zu einer zierlichen Chaiselongue herüber. Darauf liegt ein großes Kissen, royalblau, selbstverständlich, vom Meister entworfen, bestickt mit einer goldenen Krone. „So ein Kissen zum Beispiel“, sagt Glööckler und hebt die mit Daunen gefüllte Heimtextilie formvollendet hoch, wirft sie schwungvoll von der einen in die andere Hand. „Zuhause locker auf ein Sofa geschmissen wirkt das gleich edel, luxuriös und großartig“, sagt er und schmeißt das Kissen locker auf ein Sofa. Glööckler ist Verkäufer. Ein guter noch dazu. Das wird in diesem Moment ganz deutlich.

Er hat nicht nur eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gemacht, irgendwann in der baden-württembergischen Provinz, er hat nicht nur seine Marke Pompöös aufgebaut und unzählige Kooperationen an Land gezogen – er hat eben auch Millionen mit Teleshopping verdient. Man merkt es, jetzt, wo er so gerade dasteht, sicher redet, lässig mit dem Kissen jongliert. Vor dem inneren Auge der Gäste schieben sich rechts und links von Glööckler Einblendungen ins Bild: Telefonnummern, Farboptionen, bestellen Sie dies, kaufen Sie das, schwindende Stückzahlen, nur noch 126 Kissen vorrätig, nur noch 76, 48, 20, 12, ausverkauft.

2004 hat Glööckler mit dem Teleshopping beim Sender „HSE24“ angefangen, später kamen Auftritte beim britischen „QVC“ und dem japanischen Sender „Shop Channel“ dazu. In Deutschland war er einer der ersten, die ihre Modekollektionen direkt über das Fernsehen verkauften. „Die Leute haben so getan, als wäre ich mit meiner Mode auf der Leprastation unterwegs“, sagt er trocken. „Dabei war es in Amerika schon lange ganz normal, das glamouröse Modemacher im Fernsehen verkaufen.“ Glööckler ließ sich nicht beirren, natürlich nicht.

Als einer der ersten Modedesigner Deutschlands ging er mit seinen Produkten auch in den Discounter, verkaufte Schmuck bei Lidl. Das passt zu seinem gutverkäuflichen Mantra, das Glööckler in Interviews und Büchern unentwegt herunterbetet: Luxus hat nichts mit Geld zu tun. „Es gibt reiche Frauen, die sind völlig unglamourös“, sagt er. „Und dann gibt es Reinemachfrauen, die haben’s einfach.“ Auch ihnen will Glöckler Luxus – so wie er ihn versteht – greifbar machen. Und er will ihr Blut blau färben, wie ein weiteres seiner bekannten Credos verrät.

„Jede Frau will eine Prinzessin sein“, legt Glööckler fest. Man will dem Mann ein „manche“, oder wenigstens ein „viele“ unterjubeln, aber darauf lässt Herr Glööckler sich nicht ein. „Jede Frau will eine Prinzessin sein“, sagt er noch einmal. „Und ich bin der, der sie zu einer macht.“ Letztlich verkaufe er seinen Kundinnen eine Art Placebo, ein gutes Gefühl, das ihnen ein Krönchen aufsetzt. Damit wolle er gerade Frauen jenseits der Mitte des Lebens Mut machen und sie aus einem Schattendasein herausholen.

Aber Prinzessin? Klingt das nicht ein bisschen zu sehr nach schmückendem Beiwerk? Nach hübsch aussehen und den Mund halten? Glööckler sieht’s anders, natürlich. „Den Prinzessinnentraum hat jede einmal geträumt“, sagt er. „Und dann haben sie plötzlich eine Familie, schrubben, putzen, Mann bekochen, Mann geht fremd, Mann verlässt Frau, Frau Größe 50, Frau frustriert.“ Nach dem Schnelldurchlauf eines ernüchternden Hausfrauenlebens folgt eine Denkpause, ein bisschen Nägelklackern auf dem Lacktisch. „Und dann kommt Herr Glööckler und sagt: ‚Jede Frau ist eine Prinzessin‘. Da wird dann was im Kopf ausgelöst“, sagt er.

Plötzlich erinnerten sich die Frauen an ihren Traum von damals, vor dem Putzen und Kochen, da war doch was. „Und dann ziehen sie meine Mode an und die passt ihnen auch noch“ – das sei letztlich sein Erfolgsrezept. Was Glööckler ein bisschen umständlich, aber unermüdlich über die fragliche Figur der Prinzessin erzählt, hat tatsächlich so etwas wie einen emanzipatorischen Ansatz. Einen ganz kleinen zumindest. „Wann immer ich die Möglichkeit kriege, sage ich in jede Kamera: ‚Wenn ihr Mann nett ist, behalten sie ihn, wenn nicht, dann schmeißen sie ihn raus’“, sagt er.

Einmal habe dann eine Kundin beim Teleshopping angerufen, Roswita aus Karlsruhe, die hat Glööcklers Rat befolgt, 29 Jahre war ihr Mann nicht nett zu ihr, dann hat sie ihn rausgeschmissen, einfach so, jetzt gehe es ihr blendend. „Da dachte ich, aus der Kiste muss ich jetzt irgendwie raus und hab’ sie schnell gefragt, wie sie denn meine neuen T-Shirts findet“, sagt Glööckler. Roswita fand die T-Shirts gut. So wie viele andere Frauen überall auf der Welt. In rund 80 Ländern werden Glööcklers Produkte vertrieben.

„Das klappt nur, weil ich eine richtige Welt um mich und meine Marke aufgebaut habe“, sagt er. „Wenn Sie Glööckler oder Pompöös hören, dann explodiert im Kopf sofort alles in Barock, Glitzer und Pracht.“ Wieder eine Pause, wieder das Klackern. „Das finden die Leute dann toll oder eben furchtbar – aber irgendeine Reaktion kommt auf jeden Fall!“

Toll finden das vor allem viele Kundinnen in Russland, aber auch im saudischen Raum und in Teilen Asiens, überall da eben, wo Barock, Glitzer und Pracht viel Anklang finden. Im deutschsprachigen Raum hingegen wird bekanntlich eher Zurückhaltung gepflegt, angefangen bei der Moralisierung der Mode durch das bürgerliche Trauerspiel im 18. Jahrhundert, über den nüchternen Stil des Protestantismus, schließlich die Bauhaus-Schule, irgendwann Helmut Lang und Jil Sander. Wegziehen? Irgendwohin, wo Glitzer alles und Dezenz gar nichts ist? Nach Moskau, Sankt Petersburg, nach Dubai? Für Glööckler bisher keine Option.

„Mit unserer aktuellen politischen Stimmung muss man sich vielleicht überlegen, wohin man verschwinden kann, wenn’s ganz kritisch wird“, sagt er bloß. „Aber das hat nichts mit meiner Persönlichkeit oder meinem Stil zu tun.“ Im Gegenteil: Glööckler gefällt, wenn’s auch mal knirscht, „Leute wie mich muss Deutschland auch aushalten.“ Wobei sich heftige Kritik ja längst nicht nur an Glööcklers Produkten und seiner Art, sich selbst zu kleiden entzündet. Glööcklers Geschmack endet nicht an den Säumen seiner Kleider, für ihn ist auch der Körper Gegenstand der Modegestaltung.

Ein Geheimnis aus kleineren Schönheitskorrekturen und größeren Eingriffen machen? Das ist nicht sein Stil. „Für mich ist der Körper das Haus, in dem wir leben“, sagt Glööckler. „Und das Haus muss man eben auch mal renovieren, das braucht gelegentlich einen neuen Anstrich.“ Oft höre er, da sei doch irgendwas nicht richtig, nicht ganz normal, man könne doch nicht glücklich sein, wenn man so aussieht. „Doch, man kann“, donnert Glööckler. „Viele Männer glauben ja, es sei männlich, wenn man aussieht wie Robinson Crusoe und riecht wie eine Herde Büffel“, sagt er. Umso mehr falle natürlich auf, wenn ein Mann das Gegenteil tut, sich nicht nur pflegt, sondern regelrecht herausputzt, aufmöbelt, umgestaltet.

Die Kritik, sie scheint an Glööcklers glatter Oberfläche abzuperlen, einfach so. Also jetzt mal Trüffelbutter bei die Fische – wie wird ein Mann so selbstbewusst? „Das war bei mir schon ziemlich früh so“, sagt er. 1965 wird Harald Glööckler im baden-württembergischen Maulbronn geboren, schon in vielen Interviews hat er von einer schweren Kindheit erzählt, von einem gewalttätigen Vater, einer Mutter, die er früh verliert. „Die sogenannte Gesellschaft hat weggeschaut, der war egal, ob mein Vater meine Mutter halbtot prügelt und wir Kinder das mit ansehen“, sagt Glööckler jetzt. „Das, genau das war der Punkt, an dem ich mir gedacht habe, dass eben diese Gesellschaft jedes Recht verwirkt hat, mich später zu kritisieren.“ Nur kam vor dem „später“ erstmal das „jetzt“. Und vor all der Pracht erstmal die Provinz.

„Wenn Salvador Dalí in Baden-Württemberg geboren worden wäre“, sagt Glööckler, „dann hätten die Leute gesagt: Bei uns lebt ein Verrückter, ein Spinner, mit dem will keiner was zu tun haben, keine Bank gibt dem einen Kredit.“ Also musste Glööckler, der Dalí in seiner Geschichte, erstmal stillhalten, aushalten, bloß nicht auffallen. Und irgendwann gehen. Erst zur Ausbildung ins nächste Städtchen, dann nach Stuttgart, immerhin. Dort blüht Glööckler auf, findet nicht nur zu sich selbst, sondern auch zum Herrenausstatter Dieter Schroth. Die beiden sind Geschäfts- und Lebenspartner, gründen 1990 das Label Pompöös, führen es später von Berlin aus, wohnen heute zusammen in Kirchheim. Glööckler ist da, wo er immer hinwollte, in seinem eigenen kleinen Rokokoschlösschen. Hatte Marie Antoinette ihr künstliches Dorf beim Petit Trianon, in dem sie das Landleben nachspielte, so hat Glööckler sein Anwesen in der Pfalz.

Noch einmal wandern die Blicke durch den Raum, vorbei an Barocktapeten und Leopardenstühlen, vorbei an der großen Schale auf dem Frühstückstisch, auf der sich fünf dreidimensionale güldene Glööckler-Köpfe erheben. Vorbei an den Papierservietten, auf denen ein kleines Glööckler-Püppchen ein Zirkuskostüm trägt, vorbei an einer Porzellanfigur von Napoleon auf dem Ritt über die Alpen, die in Kirchheim freilich zu Glööckler auf dem Ritt über die Alpen wird.

„Ich weiß, dass viele Menschen nicht so leben könnten“, sagt Glööckler. Also dann: Wie würde er die Wohnung eines anderen einrichten, vielleicht die Wohnung einer seiner Gäste? „Für Sie würde ich ein Apartment im Bauhausstil aussuchen, mit vielen hübschen beigen Möbeln und taupefarbenen Vorhängen.“ Hört sich gar nicht schlecht an. Aber Glöckler kann’s nicht lassen: „Und zwischendrin vielleicht einen barocken Spiegel“, flötet er. „Oder eine chinesische Kommode.“

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