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"Ich hab's echt probiert."

Glanzparaden

Von der Rolle

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Wo die Alufolie glänzt – im Koffer unserer Autorin.

Wenn ich meinen angeheiterten ... nein, angeheirateten Sohn erheitern möchte, erzähle ich ihm, dass wir (sein Vater und ich) mal wieder mit einer Packung Alufolie in den Urlaub gefahren sind. Und Kreppklebeband. Beides ist für die Schwärze liebende Schläfer nämlich unerlässlich, da sich in den meisten Hotels und Ferienwohnungen zwar Fenster, davor oder dahinter aber überwiegend untaugliche Verdunkelungsmöglichkeiten befinden. Improvisationen mit vor die Scheibe gespannten Wintermänteln, Bettüberwürfen, Handtüchern oder Duschvorhängen führten allesamt zu unbefriedigenden Ergebnissen. Und Schlafbrillen sehen nur an Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ wirklich gut aus.

Deshalb besteht meine erste Amtshandlung beim Bezug einer Urlaubsunterkunft darin, mehrere Bahnen Alufolie auf dem Bett auszubreiten und in einem komplexen Schichtungsverfahren erst zusammen- und dann vors Fenster zu kleben. Wobei es für den Verdunkelungseffekt unerheblich ist, ob sich die glänzende oder die matte Seite dem Betrachter zuwendet. Auf diese Weise haben wir auch schon Schlafzimmer in grabesdustere Finsternis gehüllt, in denen andere Besucher von der Matratze aus einen gigantischen Ausblick durch drei mal drei Meter große Panoramascheiben genossen. Andererseits lauschen wir gerne dem Knistern, wenn der Wind zwischen Balkonflügeltüren hindurchstreicht und mit einem Folienschnippel spielt.

Manche Gastgeber haben wir jedoch in Erklärungsnöte gebracht: Einst wunderte sich die Nachbarschaft in einer fränkischen Kleinstadt über die plötzlich folienverhangenen Fenster in der Erdgeschosswohnung und sprach die Vermieterin darauf an, welch dubiose Feriengäste sie da ins Haus gelassen habe und ob sie wisse, was diese so im Dunkeln trieben (zu den harmloseren Vermutungen zählte illegale Schlachtung). Dies ist eine der liebsten Anekdoten meines angeheirateten Sohnes; er selbst besitzt die Gabe, unter einer gleißenden 120-Watt-Birne binnen Sekunden einschlafen zu können, dafür muss er nicht mal besonders müde sein. Darum beneide ich ihn aber nur vordergründig. Wissenschaftliche Test mit Mäusen haben nämlich ergeben: Wer regelmäßig im Hellen schläft, wird schneller gebrechlich.

Am Tag der Abreise entsteht dann ein – je nach Fenstergröße – mehr oder minder gigantisches Aluknäuel, das wir verschämt in einer Mülltonne verschwinden lassen oder auf der Rückbank mit nach Hause nehmen. Natürlich ist uns bewusst, dass die Aluminiumherstellung eine groteske Umweltsauerei ist (siehe: Energieverbrauch, Rohstoffabbau, CO2-Ausstoß). Immerhin gibt es die Folie auch als Recyclingprodukt. Und leider muss man sagen: Butterbrotpapier mag als Alternative für Klappstullen taugen, vor Schlafzimmerscheiben bleibt es vom Ergebnis her doch weit hinter der silbern glänzenden Konkurrenz zurück. Ich hab’s echt probiert.

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