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Populistischer Trugschluss

  • vonAnke Domscheit-Berg
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Das Versprechen von Foxconn, in Fabriken in den USA zu investieren, wird kaum Arbeitsplätze bringen. Ein Blick hinter die Kulissen.

Quer durch alle Medien wurde in den letzten Wochen berichtet, dass die Regierung Donald Trumps einen ersten wirtschaftspolitischen Erfolg zu verbuchen hat. Foxconn, der Elektronikzulieferer und -produzent für Großkonzerne wie Apple, will Milliarden in den USA investieren. Viele Medien berichteten es als Triumph seiner Politik, hierzulande wie in den USA, und nirgends wird wirklich hinterfragt, was dieser Deal eigentlich genau bedeutet. Dem wollen wir uns so nicht anschließen. Versuchen wir also mal, hinter die Kulissen zu schauen.

Das angebliche wirtschaftspolitische Versprechen lautet, wieder mehr Produkte in den USA produzieren zu lassen und den Niedergang ganzer produzierender Industrien zu verhindern. Dieses Versprechen bedient eine allgemeine Frustration über die fortschreitende Abwanderung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer, vor allem nach Fernost. Und natürlich nicht nur die Frustration, sondern auch die ganz realen Probleme, die diese Entwicklung mit sich bringt, vor allem in den USA – einer lohnerwerbsorientierten Gesellschaft ohne wirkliche soziale Sicherungssysteme. Aus diesem Versprechen erwächst eine Erwartungshaltung, dass mit mehr Produktion in den USA auch wieder Jobs und damit Perspektiven zurückkommen. Das ist ein Trugschluss.

Nehmen wir an, Foxconn wird wirklich Teile der Produktion in die USA verlegen. Dies wäre weder ein politischer Erfolg noch sonst ein Wunder, sondern eine rein ökonomische und logische Entscheidung. Seit es immer mehr schlechte Presse gab aufgrund der katastrophalen Arbeitsbedingungen bei Foxconn, arbeitet der Konzern hart daran, dies zu verändern, indem der Mensch aus der Gleichung genommen wird. Foxconn ersetzt in rasantem Tempo Menschen durch Roboter, sogenannte Foxbots. Mit dem letzten Menschen, der verschwindet, verschwinden auch Probleme mit den Arbeitsbedingungen, zudem steigen Produktivität und Qualität. Genau dies passiert bei Foxconn und in weiten Teilen der Industrie. Bei der Changying Precision Company, einem Konkurrenten von Foxconn, wurden 90 Prozent der Arbeitsplätze gestrichen – und damit das Produktionsvolumen um 250 Prozent gesteigert, die Fehlerrate um 80 Prozent gesenkt. Wer diesen Schritt in seiner Produktion nicht geht, denkt nicht wirtschaftlich.

In den Fabriken, die also in die USA kommen, werden keine Lampen brennen, weil keine Menschen dort arbeiten. Investiert wird in Roboter, und da diese zu gleichen Konditionen überall auf der Welt arbeiten können und werden, ist die Dezentralisierung der Produktion nur eine weitere ökonomische Entscheidung. Je dezentraler, desto näher am Kunden, desto kürzer die Wege, desto weniger Kosten, um das Produkt zum Verbraucher zu bringen. An diesem Umstand ist vieles positiv. Der CO2-Fußabdruck dezentral produzierter Produkte ist wesentlich geringer, und ganz sicher sollten wir es nicht bedauern, wenn weniger Menschen zu unmenschlichsten Bedingungen bei Foxconn arbeiten. Wir müssen dies allerdings differenziert betrachten, nicht Ursache und Wirkung durcheinanderwerfen und vor allem nicht dort Erfolge zuschreiben, wo sie eigentlich nicht hingehören. Diese Entwicklung braucht dringend eine Rahmendebatte zu den notwendigen Veränderungen in den sozialen Sicherungssystemen, damit nicht Millionen Menschen ohne Perspektive auf der Strecke bleiben.

Jede Zeile zu einem angeblichen Erfolg irgendeiner Politik ist in diesem Zusammenhang eine Zeile, die dem eigentlichen Thema verloren geht. Diese Entwicklung, hier exemplarisch aufgezeigt, betrifft auch sehr viele andere Industrien. Und immer dann, wenn irgendwo neue Fabriken entstehen, wird ein ähnliches Muster erkennbar sein. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass große Industrien große Lohnarbeitgeber bleiben. Wer es nicht glaubt, der möge sein Augenmerk auf eine neue Stahlfabrik in Donawitz in Österreich lenken: Dort werden in Zukunft 500 000 Tonnen Stahl pro Jahr produziert. Mit 14 Mitarbeitern. Vor 50 Jahren hätte es mehr als 1000 Menschen dafür gebraucht.

Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten, und das wäre auch nicht wünschenswert. Eine Debatte über die sozialen Technikfolgen ist aber längst und absolut überfällig, eine Neuerfindung unserer Sozialsysteme so unausweichlich wie der Siegeszug der Roboter. Nur so kann dieser Erfolg auch zum Erfolg für die Menschen werden.

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