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„Sie sitzen da und haben was zu klären.“
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„Sie sitzen da und haben was zu klären.“

Reportage

Paris, ganz unromantisch

  • Konstantin Arnold
    VonKonstantin Arnold
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Paris soll die Stadt der Liebe sein? Daran hat Konstantin Arnold so seine Zweifel. Aber dann geht er ins Musée d’Orsay – und verliebt sich.

Paris - Die romantischste Stadt der Welt ist für uns nur eine Notlösung. Nur Mittel zum Zweck, eine Zwischenstation auf Reisen. Das erste Mal Paris war eigentlich ganz schön. Jardin du Luxembourg, früh am Morgen, metallischer Regenhimmel, typisch Paris. Beim zweiten Mal war es genauso, nur noch mit Wind und all den Erwartungen, die wir beim ersten Mal nicht hatten, weil ich beim ersten Mal dachte, dass es sowieso Mist wird, sobald ich meine angelesene Fantasie von der Stadt mit ihrer Realität vergleiche. Aber so war es nicht, und diesmal konnten wir mit unseren angefangenen Erinnerungen weitermachen. Oder eben nicht.

Man kann bei all den Erwartungen fast nur eine Scheißzeit in Paris haben, gerade als Liebespaar und vor allem als Autor. Es fühlt sich komisch an, Autor in Paris zu sein, und dazu noch ein verliebter. Ich könnte das nie länger als ein paar Tage durchhalten. Schon allein wegen der Weinpreise, die für einen Schriftsteller so wichtig sind wie der Ölpreis für Schwerlasttanker im arabischen Golf. Mal schnell 80 Euro für die Flasche, und da hat man noch keinen Espresso für fünf Euro getrunken. Und keine zweite Flasche.

„Man kann auf Schlimmeres gucken.“

In Lissabon, wo wir leben, ist das nicht so, aber Paris muss gar nicht schlecht sein, damit Lissabon gut ist. Lissabon ist heute nur so viel mehr Paris als Paris, der Liter für vier Euro, hallo? Meine Freundin und ich haben das gleich im ersten Bistro miteinander diskutiert: Sie meinte, das sei schon immer so gewesen, ich sagte, nein, das sei nicht so. Die Ländlichkeit wurde aus den Gassen vertrieben, und aus den Gassen hat man Laufstege gemacht, mit Verkehrsschildern dran und voll mit parkenden Autos. Es ist eine ausgestopfte Kultur, die höchstens US-Amerikaner und Chinesen noch für die alte Welt halten, ohne Schatten, voller Schaufenster.

Ich sehe mich in diesen Fenstern vorübergehen und sehe nicht gut aus. Paris steht mir nicht, die Stadt rennt an mir vorbei, ihr Parfüm weht durch Arkaden und wird von Karikaturen umhergetragen. Alle eilen irgendwohin, nur wohin? Paris ist eine hektische Stadt, oder mir fällt erst hier auf, wie schön langsam Lissabon ist. Dort gibt es nur nicht solche Terrassen, solche Markisen.

„Metallischer Regenhimmel, typisch.“

Sie leuchten auf den Bürgersteigen wie Galaxien, Zeremonien der Zivilisation, die Bravour der Geselligkeit. Es gibt nichts Schöneres für eine Hausecke, als ein Pariser Eckcafé zu werden. Ein Wiener Eckcafé ginge auch, aber die Cafés in Wien finden drinnen statt, in Paris sind sie draußen. Selbst die hässlichsten sind schön. Kosmisch gemütlich, vor allem bei Nacht. So voller Leben.

Normal erwachsene Männer mit normal erwachsenen Frauen, die sich in jenem Rhythmus wiegen, der die Welt bewegt. Vor einer Flasche Wein. Diese Cafés sind die Bühnen der Boulevards, auf denen das ewige Schauspiel der Menschheit aufgeführt wird. Der Wert, den dabei alles Geistreiche in Paris, ach in ganz Frankreich, einnimmt, ist phänomenal.

„Alles in Paris ist größer und gewaltiger.“

Eine Gesellschaft, die das mit dem Rauchen noch versteht, denn sie rauchen nicht wie die Deutschen, die das nicht verstehen, und sie sitzen auch nicht so im Café oder fahren mit dem Zug, sie tun das alles lebendiger, geistreicher. In den Parks wachsen Kastanien, über die man im Herbst laufen kann. Im Sommer sind sie kopfhoch geschnitten. Menschen sitzen da und haben was zu klären. Französisch ist eine gute Sprache, um Dinge zu klären, und wir wollten sowieso seit Tagen mal reden.

Ich hatte mir nach einem Streit zwei Seiten notiert, aber nie den richtigen Moment gefunden, so wie man ihn unter den Kastanien findet oder den Markisen der Restaurants „Closerie des Lilas“, des „Café de la Rotonde“ oder im „Café du Dôme“. Auch, wenn da jetzt nur noch Citroën „Picasso“ vorbeifahren. Man findet den Moment auch nachts in Montmartre, wenn man unter Straßenbeleuchtung die Treppen runterrutscht.

„14 Euro für ein Bier!“

Man würde ihn selbstverständlich auch im Jardin du Luxembourg finden, aber der macht nachts zu. Das Ding ist nur, meine Freundin und ich sprechen Englisch miteinander, und Englisch ist keine gute Sprache für die Liebe. Ich kann zwar viele Sprachen auf Englisch (Deutsch, Russisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und auch ein bisschen Indonesisch), aber das hilft nichts, wenn man Deutscher ist und sie Portugiesin und man das alles nicht so gemeint hat.

Wir wohnten in einem angenehmen kleinen Hotel, in der Mitte von allem. Kein Weg dorthin war weit. Ob wir uns nun das Musée d’Orsay angucken wollten und spät nachts aus Clichy kamen und den Moment gefunden hatten oder nicht. Es führte uns immer durch den Jardin des Tuileries und an den Bücher-Kais der Seine vorbei.

„Das geht nur ein paar Tage.“

Links oben war dann das Orsay, und es war wunderbar, ein Bild dort zum ersten Mal zu sehen, das man schon so oft auf Postkarten oder Desktophintergründen gesehen hatte. Cezannes Berge, auf denen man die Sommerhitze und Tageszeit spüren konnte, Van Goghs Traumlandschaften, die so viel wirklicher sind als jede Realität, die ihnen zugrunde gelegen haben mag. Das Blau des Blaus, das Gelb des Strohs, die Kirche von Auvers, die gemalt ist, wie man sie fühlt, nicht, wie man sie sehen sollte.

Ich stand Stunden vor diesem Bild, und manchmal kam jemand und stellte sich dazu, und es war dann ein sehr intimer Moment, so als ob wir zusammen im Bett dieses Bildes liegen. Mit meiner Freundin war es wundervoll und nicht unangenehm, im Bett eines Bildes zu liegen, aber es passierte selten, meistens war es eine sehr einsame und individuelle Erfahrung, und nach einem Museumsbesuch versuchten wir zu erraten, welche Bilder den anderen wohl am meisten beeindruckt haben. Es ist interessant, auf welche Bilder man anspringt, weil sie das Innere eines Menschen reflektieren wie sonst nichts. Seine seelische Zusammensetzung, alle komplexen Gefühle: Ängste, Erfahrungen, Wünsche, Erinnerungen, Assoziationen, Verletzungen und Melancholien. Menschen sollten sich vor Gemälden kennenlernen.

„Kosmisch gemütlich.“

Auf meiner Liste waren: „Verschneite Dächer“ von Gustave Caillebotte. „Regenschauer“ von Paul Sérusier. Und Henri De Toulouse Lautrecs „Louis Bouglé“ und „Allein“. Meine Freundin erriet „Regenschauer“ und „Allein“. Leider darf man sich im Orsay nicht hinlegen, um mal kurz Pause zu machen. Man darf sich nur wie ein digitaler Wilder benehmen und durch Telefone auf Bilder glotzen oder gar nicht glotzen und hoffen, dass es andere tun.

Die Menschen in diesem Museum waren fürchterlich, meiner Freundin wurde es zu viel und sie ging. Ich blieb und lief noch bisschen durch die große Halle zwischen Skulpturen von Thomas Cartier vorbei und dieser Statue von Paul Cabet, „Mil huit cent soixante et onze“, deren Falten am Umhang so lebendig sind, dass man denkt, sie wären weich. Wenn das Licht am Nachmittag durch die Glaskuppel fällt, glaubt man, die Atome in der Luft zu erkennen, und das Weiß des Marmors beginnt zu leuchten.

Édouard Manet „Berthe Morisot“, 1872.

Es ist dann ein mächtiges, schöpferisches Gefühl, in dieser Halle mit all diesen Statuen in der Luft zu stehen. Urknallatmosphäre. Alle Manets hängen da, also nicht alle, aber die besten, die mit Berthe Morisot, auf denen sich seine Obsession zeigt und ihn zu Höherem treibt. Und Frédéric Bazilles „L‚atelier de Bazille“, das meiner Freundin so gefällt. „Égalité devant la Mort“ von William Bouguereau hätte sie sehen müssen und „Die Geburt der Venus“, ihre Haut. Ich wünschte, sie hätte das alles mit mir gesehen. Zurück im Hotelzimmer erzählt ich ihr davon, und sie sagte, ich hätte es für uns gesehen, aber es war nicht dasselbe.

* * *

Wir hatten ein Eckzimmer mit vier großen Fenstern, die bis zum Place Vendôme gucken konnten. Ich mochte den Place Vendôme nicht, den Place de la Sorbonne oder den Place de la Contrescarpe hatte ich lieber, aber es gab Schlimmeres, auf das man gucken konnte. Nachts verwandelte sich das Restaurant des Hotels in eine Party, und wir fragten uns immer, wie sie es schafften, bis zum Frühstück alle Spuren zu beseitigen, die Menschen aus verschiedenen Kulturen hinterlassen, wenn sie auf Tischen tanzen und essen und dann wieder tanzen und dann wieder essen, bis ein neuer Tag kommt. Es war eines dieser Restaurants, in denen die Gläser niemals leer werden, weil ständig jemand kommt, der nachschenkt. Der Chefkoch konnte aus roten Marlboros ein Dessert machen. Er kochte auf Spitzenniveau, und solange sein Team auf Spitzenniveau kochte, erlaubte er ihnen, sich wie in einem Nachtclub zu verhalten.

„Menschen sollten sich vor Gemälden kennenlernen.“

Das Lokal ging uns fürchterlich auf die Nerven, so wie eine Sprache, die man nicht versteht und die geschrieen wird und man erst mit der Zeit hört, wie viele schöne Dinge damit gesagt werden. Nach dem Essen liefen wir über den Place Vendôme an der Oper vorbei nach Montmartre oder über die Pont Neuf durch ein dunkles, leeres Paris und sahen die unteren Kais der Flussseiten schweigend unter Laternen. Niemand saß auf den Bänken, nur wir, und wir hofften auf das, was kommt, und erfreuten uns an allem, was schon gewesen war.

Uns fiel auf, dass die Pariser in dieser Zeit ihre Kirchen gar nicht beleuchten, nicht mal den Eiffelturm, aber der Eiffelturm war uns egal. Wir fuhren nur einmal die Champs-Élysées runter und sahen ihn von Weitem oder sahen ihn nicht, aber wussten, wo er war. Alles in Paris war größer und gewaltiger als in Lissabon, die Oper war mehr Oper und die Hotels noch mehr Grand Hotels, aber das Leben war hier nicht mehr Leben. Es war unbezahlbar. In der Brasserie „Lipp“ zahlst du 14 Euro für ein Bier, erzählte ich ihr, als wir uns auf den Place Louis-Aragon setzten, 14! Euro!

„Leider darf man sich nicht hinlegen.“

An einem Tag war ich allein ins „Lipp“ gegangen. Ich saß vor den Spiegeln in der Ecke unter den Treppen und hatte den Eingang im Blick. Meine Jacke hing am Haken, ein schöner Kleiderhaken, dachte ich, sonst hätte ich ihn nicht erwähnt. Außer mir saß niemand im Lokal. Die Kellner liefen trotzdem herum und bereiteten irgendwas vor. Ich las Zeitung und bestellte ein Bier und guckte die Fliesen an der Decke an. Es waren die gleichen Fliesen, die schon alle meine toten Freunde angeguckt haben. Die Fliesen an der Decke hatten sie überlebt, und sie werden auch mich überleben und den nächsten, der das denkt. Nur, dass unser Leben besser ist als das einer Fliese, die im „Lipp“ an der Decke hängt. Was man eben so denkt, bis das Bier kommt.

* * *

Und es kam gleich mit der Rechnung. „14 Euro für ein Bier?“ – „Monsieur“, sagte der Kellner, „Sie sind im Quartier Saint-Germain-des-Prés.“ – „Na und? Pisst Gott bei Euch in die Gläser?“, fragte ich. Der Kellner lachte, wollte das aber unterdrücken. Er fragte: „Wieso Monsieur, finden Sie das nicht angemessen?“ – „Was denken Sie denn?“, fragte ich zurück. „Ich denke, dass es sehr teuer ist“, antwortete der Kellner. „Das denke ich auch“, fuhr ich fort und sagte, dass ich das nicht zahle, weil ich es nicht zahlen kann. „Gut“, sagte der Kellner, „dann zahlen Sie mir wenigstens die Hälfte.“ – „Einverstanden“, sagte ich, zahlte und ging. Ich wollte nicht mehr in Saint-Germain-des-Prés sein. In Lissabon gibt es auch so ein Viertel, aber eines mit Seitengassen, in denen die Welt wieder normal ist.

„FR7-Autor Konstantin Arnold verbringt viel Zeit des Jahres in einer anderen geliebten Großstadt. Sein Buch „Libertin – Briefe aus Lissabon“ ist im Proof Verlag erschienen.

Als wir das erste Mal in Paris waren, fiel uns das alles nicht so auf. Da hatten die Träume gehalten, weil wir kein Geld hatten und nirgendwo reinkonnten, um sie kaputt zu machen. Nur ins „Café Closerie des Lilas“ gingen wir und spendierten uns ein paar Austern, weil die französischen so viel besser sind als die portugiesischen. Bei den französischen muss man den Geschmack nicht so herunterspülen wie bei den portugiesischen, sodass nur der Austerngeschmack übrigbleibt und nicht der des Hafens.

Außerdem wollte ich wissen, welche Realität den Beschreibungen von Hemingway zugrunde liegt, und sie mit meinen vergleichen, meinen Beschreibungen, meinen Weinen, meinen Nächten, meinen Häusern, unserer Liebe und Reise. Meine Freundin tat dasselbe mit André Bretons Roman „Nadja“. Wir ließen uns vom Concierge Tickets für den Mittagszug nach Frankfurt reservieren, gaben unser Gepäck am Gare de l’Est auf und kauften Sandwiches mit Roastbeef. Es fühlte sich nur nicht so an, wie Hemingway es geschrieben hatte. Es war viel schöner.

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