Eine Diskussion und die Schaffung eines Übereinkommens zu Cyberpeace muss unser gesellschaftliches Ziel sein.
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Eine Diskussion und die Schaffung eines Übereinkommens zu Cyberpeace muss unser gesellschaftliches Ziel sein.

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Make peace, not war

  • vonAnke Domscheit-Berg
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  • Daniel Domscheit-Berg
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34 Großunternehmen haben eine Vereinbarung zur Cybersecurity unterzeichnet - das ist genau der Schritt in die richtige Richtung.

Wer zynisch wäre, könnte meinen, man bräuchte zwischen all den Skandalen zur – gelinde gesagt – kontroversen Abwanderung von Userdaten wohl dringend mal etwas gute Presse. Wer der Welt etwas weniger misstrauisch gegenübersteht, der könnte fast ein wenig Hoffnung bekommen. Und wer es ganz realistisch betrachtet, der wird schnell feststellen, dass es mehr Symbolakt ist als irgendetwas anderes. Egal, wie man aber dazu steht, ist es ein Anfang, und dieser Anfang ist längst überfällig.

Gemeint ist der sogenannte Cybersecurity Tech Accord, eine Vereinbarung zum Thema Cybersicherheit, die vor einigen Tagen von 34 Großunternehmen aus der Technologiewelt unterschrieben wurde. Die Vereinbarung, getragen von einer bunten Mischung aus Riesen wie HP und Dell, Microsoft und SAP, Facebook und LinkedIn, Cisco und Juniper, bildet die Grundlage für eine Art Haltung und Verhaltenskodex, die sich die Unterzeichner freiwillig auferlegt haben. Es geht dabei um vieldiskutierte Themen unserer Zeit, allem voran die Zusammenarbeit mit Regierungsbehörden, wenn es um Cyberangriffe geht – beziehungsweise die Erklärung, dass es eine solche Zusammenarbeit nicht geben wird. Unter den Überschriften „Bessere Verteidigung“, „Keine Offensive“, „Kapazitätsausbau“ und „Kollektive Aktion“ positionieren sich die Unternehmen nicht nur für ein sichereres Internet und gegen die aktive Sabotage dieser kritischen Infrastruktur, sondern erklären vor allem eine bessere Zusammenarbeit bei der Behebung von Problemen.

Es ist ein bisschen wie die Genfer Konvention für das digitale Zeitalter, ein Schritt, der dringend nötig ist und vielleicht der Anfang sein kann für einen Richtungsumschwung. Das Papier soll wohl auch auf der anstehenden RSA Konferenz – der wohl bedeutendsten Konferenz zu Kryptografie und Cybersicherheit – diskutiert werden, man will weitere Mitstreiter finden und den Weg nach vorne definieren.

Die Reaktionen auf die Erklärung sind, unverständlicherweise, gemischt. Es gibt viel Zuspruch, aber auch viel Zynismus. Teile der Kritik gehen allerdings komplett am Ziel vorbei. Kein russisches Unternehmen habe mitgezeichnet, ist eine der häufigsten Reaktionen, und dass der Westen sich somit selbst schwäche gegenüber den Russen. Kalte-Krieg-Rhetorik scheint wieder arg in Mode zu kommen, und es spielt wohl auch keine Rolle, dass es kaum einen relevanten Hersteller von Hard- oder Software oder Dienstleistungen aus Russland gibt, den man um eine Zeichnung hätte bitten können. Ganz abgesehen davon, dass auch Übereinkünfte wie die Genfer Konvention über einen langen Zeitraum entstanden sind. Wichtig ist, dass irgendeiner den Anfang macht. Und der wahre Wert liegt wohl darin, dass es sich hier um große Unternehmen handelt, die in dieser Zusammenstellung eine extreme Marktmacht darstellen.

Wichtig wird nun sein, sie beim Wort zu nehmen und in den nächsten Wochen und Monaten auch auf die inhärenten Widersprüche aufmerksam zu machen. Denn natürlich arbeiten einige dieser Unternehmen auch als Dienstleister für Militär und Geheimdienste, und die Frage, wo genau eine Trennlinie läuft und ab wann man eigentlich teilnimmt am Cyberkrieg, muss wohl erst noch beantwortet werden. Aber auch dafür braucht es einen solchen ersten Schritt.

So könnte dies sogar ein erster und nicht ganz kleiner Schritt sein in Richtung einer Debatte zu Cyberpeace, wie sie das „Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung“ seit vielen Jahren fordert. Eine Diskussion und die Schaffung eines Übereinkommens zu Cyberpeace muss unser gesellschaftliches Ziel sein. Ebenso wie ordentliche Friedensverträge mehr Wert sind als eine Konvention zum Verhalten im Krieg, ist die Vision von Cyberpeace eben auch viel mehr als die Abwesenheit von Cyberkrieg. Der Weg dorthin ist sicher noch weit, aber wir hoffen, dass er langsam etwas klarer wird. Mit jedem Schritt in die falsche oder die richtige Richtung wird klarer, wohin wir eigentlich wollen und müssen.

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