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Wie man mit Hunden flüstert.

Macht Platz!

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Verkehrte Welt: Manche Hunde herrschen über Menschen. Doch wie erzieht man sie richtig? Eine Lektion mit TV-Rudelführer Cesar Millan.

Jetzt bin ich der Boss: Kopf hocherhoben, Körper aufrecht, aber nicht spazierstocksteif. Ruhig und unverkrampft soll ich gehen. Dann folgen sie mir, sieben Hunde in einer Reihe. Meine Macht über ihre Leinen ist von kurzer Dauer. Die drei temperamentvollsten, ein weißer Schäferhund, ein Border Collie und ein Hirtenhund-Mischling, preschen vor. Ich muss sie nach ein paar Metern aus der Hand geben. Vier ausgeglichene Gemüter bleiben bei mir, trotten folgsam hinterher, ich schreite voran. Doch der eigentliche Chef der Übung ist Cesar Millan. Mit festem Schritt begleitet er meinen Tross, gibt Anweisungen, tippt Schultern und Handgelenke an: Locker lassen, ich soll die wunderschöne Umgebung genießen, eine Alm wie gemalt oberhalb von Garmisch-Partenkirchen. Wiesen wellen sich sanft, im Hintergrund winkt der weiße Bergrücken der Zugspitze.

„Calmness“, Ruhe, „Confidence“, Vertrauen – wie ein Mantra wiederholt der Leitwolf sein Credo, und für einen Moment fühle ich mich tatsächlich als Herrin der Lage und ganz dem Rudel verbunden. Zumindest glaube ich das, schließlich bemühe ich mich, gelehrig zu sein. Dann übergebe ich die Leinen – die Nächste bitte. Wohlerzogen gehen die Hunde wohl mehr als ein Dutzend Mal den Weg hin und her, ein Staffellauf zu Demonstrationszwecken, bei dem jede Teilnehmerin des Presse-Workshops mit Cesar Millan seine Botschaft erproben darf.

Der Mann hat unzweifelhaft Sendungsbewusstsein. Er wird „Hundeflüsterer“ genannt, nicht der einzige, aber weltweit einer der bekanntesten. Eine männliche Supernanny für Hunde, die zu viel bellen, beißen oder betteln. Wie sein deutscher Kollege Martin Rütter wurde er in den USA durch verschiedene TV-Formate bekannt, in denen er den Umgang mit Hunden lehrt und ihre Probleme kuriert. Die Episoden, die in Deutschland unter anderem auf „Sixx“ zu sehen sind, ähneln sich. Menschen sind verzweifelt, Hunde außer Rand und Band, bis Millan als letzte Hoffnung den Raum betritt, und ein paar Kameraschnitte weiter hat der Retter die Macken mit Zauberhand im Griff. Aggressive Pitbulls werden lammfromm, eigenwillige Streuner hören aufs Wort, Angstbeller schweigen. Das finden viele faszinierend. Cesar Millan verkündet sein Wissen inzwischen auf etlichen Kanälen, schreibt Bücher und tourt seit drei Jahren mit Liveshows durch die Welt. Zwischen Salzburg und Singapur füllt er große Hallen. Zu 80 Prozent seien es Frauen, die an seinen Lippen hängen, sagt er. Mehr als eine halbe Million Zuschauer sollen ihn auf der Bühne gesehen haben. Millan hat knapp neun Millionen Facebook-Fans und mehr als eine Million Follower auf Twitter. Warum?

Der Mann hat Ausstrahlung. 48 Jahre alt, höchstens 1,65 Meter groß, muskulös durchtrainiert, stoppelkurzes graues Haar, strahlend weißes, ebenmäßiges Gebiss. Man spürt seine Präsenz, als er das Zelt betritt, in dem wir zwei Stunden lang seiner Theorie andächtig lauschen. Er redet pausenlos, wiederholt Schlüsselwörter laut und deutlich, als ob wir sein Rudel wären. Dabei federt er geschmeidig auf und ab, unterstreicht kurze Sätze mit ausladenden Armbewegungen, schnellt blitzschnell nach vorne, um vorzumachen, wie der zivilisierte Mensch vollkommen artfremd zur Begrüßung ansetzt: die Hand von oben, säuselnde Ansprache: „Du bist ja sooo süß.“ Keine Chance für den Hund, erst mal mit der Nase Kontakt aufzunehmen, wie es seiner Natur entspricht. Millans Botschaft ist simpel: Der Hund spürt, wie der Mensch sich fühlt.

Wer unsicher, zögerlich, ängstlich ist, kann nicht führen, zu viel negative Energie. Mit solch unstabilem Geist könne man vielleicht viel Geld an der Börse verdienen oder sogar ein großes Land regieren, aber keine Hunde. Die leiden unter solcher Charakterschwäche. Denn sie wollen folgen, behauptet ihr Versteher, das liege in ihrer Natur. Nur dürfen sie das in der modernen Welt nicht mehr. Ihr Daseinszweck als Gesellschafter ist Lieben und Geliebtwerden, Spiel und Unterhaltung, manchmal die einzige für Menschen, die sonst niemanden mehr haben. Sie werden vermenschlicht, nicht selten müssen sie das Baby geben, haben schlimmstenfalls Chauffeur, Himmelbett, Psychologen und Masseure, doch ihnen fehlen Aufgabe und Disziplin. Wie soll man da nicht neurotisch werden.

Das leuchtet alles ein und nicht nur aus Hollywood-Schlagzeilen kennt jeder im Raum Menschen, für die ihr Hund das Ein und Alles ist, die ihm das bestmögliche Leben mit Geburtstagsparty und Festessen bereiten wollen und irgendwann sein Diener werden. Sie lassen sich anspringen, die Wurst vom Brot holen und machtlos in der Gegend herumzerren. Je nach Größe geht das so lange gut, bis Fahrradfahrer umgerannt, die Wohnung verwüstet oder regelmäßig Jogger und Hasen gejagt werden. Oder das schöne Fell krankhaftem Putzzwang zum Opfer fällt, der Hund ständig nervt, keine Minute mehr allein bleiben kann. Die Liste der Verhaltensauffälligkeiten ist lang.

Der Besitzer ist für sein Tier verantwortlich, sagt Millan. Da wird ihm keiner widersprechen. Die meisten nehmen diese Aufgabe auch sehr ernst. Noch nie gab es so viele Hundeschulen wie heute, zwischen denen ein Machtkampf um die Deutungshoheit von Bellos Psyche tobt. Ist die Leitwolf-Idee noch zeitgemäß? Sollte das Rudel nicht eher demokratisiert, der Umgang antiautoritär werden? Disziplin oder Leckerlis? Reine Liebe oder Unterordnung? Oder ist ein bisschen von allem erlaubt?

Claudia Erhardt-Berger, kurze blonde Haare, resolutes Auftreten, sieht die Diskussion gelassen. Sie ist die Besitzerin des hundefreundlichen Hotels Zum Schweizerbartl, Schauplatz des Workshops. Hier leben auch vier Kühe und ein Pferd. Im Nebenjob Hundetrainerin, führt sie selbst ein siebenköpfiges eigenes Rudel. Die 38-Jährige ließ sich bei Cesar Millan in den USA ausbilden und ist eine seiner überzeugten Anhängerinnen. Trotzdem: Jeder entwickele seinen eigenen Stil, sagt sie. Wenn Besitzer Hilfe suchen, müssen sie den Methoden des Trainers vertrauen. Das klingt nach Menschenpsychologie: Die Therapie funktioniert nur, wenn die Chemie stimmt.

Für Cesar Millan hängt alles zusammen: „Ich erziehe Menschen, nicht Hunde.“ Verkopfte Großstädter sollen sich wieder auf Natur, Instinkt und elementare Bedürfnisse besinnen, vom Hund das einfache Leben und positive Energie lernen. Mit seiner Philosophie will er nicht nur die Beziehung zwischen Mensch und Hund, sondern gleich die ganze Welt ein bisschen besser machen. Deswegen braucht er viel Publikum. In solchen Momenten denkt der Meister groß, sein Aufstieg hat ihm starkes Selbstvertrauen gegeben. Ein amerikanischer Traum, nur dass er nicht mit Tellerwäsche, sondern Hundepflege begann. 1990 wandert der 21-Jährige illegal nach Kalifornien ein. Aufgewachsen auf einer Farm in Mexiko kennt er sich mit Tieren aus. Er will nach oben, ist ehrgeizig und jobbt in Los Angeles zunächst als Hundefriseur und –ausführer. Es fügt sich, dass er an Jada Pinkett Smith gerät, Hundenärrin und Ehefrau des Schauspielers Will Smith. Sie ist begeistert von seinem Talent, die Freundschaft hält bis heute. Sie spendiert ihrem Hundetrainer Englischkurse und führt ihn in prominente Kreise ein. Mit Smith’s Unterstützung baut Millan eine Hunde-Akademie und ein hundepsychologisches Zentrum in Kalifornien auf, ein 8100 Quadratmeter großes Gelände mit Weiden, Swimmingpool, Trainingsparcours und Wanderwegen.

In Hollywood leben viele Problemhunde, die Millans Ruhm mehren. Auf der Liste der Stars, die seinen Rat gesucht haben sollen, stehen Oprah Winfrey, Nicolas Cage, Vin Diesel, Scarlett Johansson und Mark Zuckerberg. Mit seiner eigenen Fernsehserie „The Dog Whisperer“ wird er 2004 selbst zum Star. Sie erhält Nominierungen für den US-amerikanischen Fernsehpreis „Emmy“. Weitere Serien und TV-Filme folgen, heute geben auch seine beiden Söhne Erziehungstipps für Hunde in eigenen TV-Serien. Ja, er sei stolz, sagt Millan, vor allem, dass er seinen Eltern jetzt die Welt zeigen könne und dass sie nie mehr arbeiten müssten. „Das gibt es in Mexiko selten.“ Und auch wenn Familienwerte und seine einfache Herkunft zur Vermarktungsstrategie gehören – in diesem Moment klingt das echt.

Heute arbeitet Millan nur noch sehr selten mit einzelnen Hunden – höchstens „gegen eine sehr große Spende“ für seine gemeinnützige Stiftung. Die Organisation widmet sich der Rettung und Resozialisierung von gequälten und ausgesetzten Hunden, von denen es viele im Land der überfüllten Tierheime gibt. Außerdem hat sie sich der Prävention von Tiermisshandlung verschrieben. Wie teuer ist eine Privatlektion beim Experten? Zahlen nennt er nicht, aber ein Tauschgeschäft als Beispiel: Der König von Malaysia, sagt er, wollte ein Training für einen Hund, Cesar Millan einen Tempel für sein Anwesen. Er hat ihn bekommen.

Es gibt Aufsteiger, die ihre Kritiker als Neider abtun. Cesar Millan nicht, er spricht von Missverständnissen, will sie überzeugen, wird nicht müde, seine Auffassung von der Hundeseele und seine Methoden bis ins Detail immer wieder zu erklären. Seine Gegner verdammen ihn dennoch mit der gleichen Vehemenz, mit der ihn Fans in den Himmel heben. Sie sprechen von Tierquälerei, streiten vor Gericht um Auftrittsverbote. Seine Methoden seien brutal, er unterwerfe und verängstige die Hunde, das könne für die Besitzer sogar gefährlich werden, sagen manche. Der deutsche Hundepapst Martin Rütter, den wieder andere auch nicht gerade zimperlich finden, wirft ihm „Symptombekämpfung“ vor.

Aber manchmal hilft schon das. Fanny, ein sechs Jahre alter, lebhafter Berner Sennenhund, hat ein Problem, genauer gesagt, Besitzerin Susanne. Die Fresslust ihres Lieblings überfordert sie. Wenn Fanny durch den Park läuft, springt sie in einem unbeobachteten Moment davon und raubt andere Erholungssuchende aus. Sie plündert Picknickkörbe, räumte schon mal das Mittagessen einer Familie vom Grillrost ab und präsentierte danach stolz die Beute. Eigentlich ein natürlicher Trieb, doch manchmal frisst Fanny die Plastikverpackung gleich mit. Das kann gefährlich werden. Der Meister diagnostiziert: Der Hund ist nicht ausgelastet und muss Regeln lernen. Als ob das so einfach wäre.

Am nächsten Tag zeigt er allen, wie es geht, und wenn wir es nicht besser wüssten, könnte man glauben, die Vorführung sei von Millans Team inszeniert. Nach dem Rudelgang, bei dem auch Susanne mit fremden Hunden Haltung und Führung übte, kommen die Betreuer zurück, die auf die mitgebrachten Hunde aufgepasst haben. Fanny ist außer sich vor Wiedersehensfreude, winselt, zerrt an der Leine, führt sich auf wie toll. Bloß nicht streicheln oder zureden, positive Verstärkung wäre jetzt Gift, sagt Millan. Susanne soll erst reagieren, wenn sich Fanny beruhigt. Stumm und still leidend steht sie da, wir fühlen mit. Ihr Hund dreht dadurch richtig auf, springt wie ein Flummi bis zu den Schultern hoch, kratzt sie mit den Pfoten am Rücken, japst, schleckt, ein paar Minuten geht das so. Bis – genau wie im Fernsehen – der Retter kommt.

Millan legt Fanny eine dünne Leine um, zischt „sst“ und führt sie weg. Fanny wird sofort ruhig und legt sich neben ihn. Wir staunen. Ein paar Mal wiederholt er das, hinführen, zurücknehmen, hinlegen, bis Susanne einen gesitteten Hund an der Leine hält. Zu dritt wird noch manierliches Bei-Fuß-Laufen trainiert. „Kauf ihr einen Rucksack und führe sie damit, sie muss arbeiten“, lautet Cesar Millans Hausaufgabe. Wie schafft er das? Mit Ruhe, Rangordnung und Festigkeit, sagen seine Freunde. Mit dem Schmerz der Leine, die auf die Kehle drückt, sagen die Feinde. Diesen Schmerz will der Hund vermeiden.

Auch Fanny hat gekeucht, als sie wie eine Wahnsinnige tobte und sich bei ihren Sprüngen beinahe überschlug. Die Besitzerin ist trotzdem überzeugt. Auf dem Rückweg läuft der Hund brav neben ihr her, auch am eigenen Halsband. Verängstigt wirkt er nicht, nur abgekämpft. Besitzerin Susanne scheint ein bisschen größer und hat neuen Mut. Sie wird sich die Wunderleine kaufen, für kommende Lektionen im Park. Sie ist jetzt der Boss. Vorerst.

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