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Stil ist eine Frage der Haltung.

Es lebe der Hausmantel!

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Alt und fidel. Warum nicht? Neue Jubelgreise braucht das Land. Unsere Autorin rehabilitiert eine aussterbende Spezies.

Kennen Sie Alte? Alte sind die, die sich an der Käsetheke immer vordrängeln. Und das sind die, die behaupten, früher sei alles besser gewesen. Was, als sie jung waren, auch schon ihre Großeltern behauptet hatten, und das die damals jungen und heute alten Alten beiseitegewischt hatten. Alte sind nicht alle gleich. Es gibt graue Alte und gefärbte Alte, störrische und muntere. Vor allem gibt es viele Alte. Es werden täglich mehr. Jeden Tag werden in diesem Land rund 270 Menschen 70 Jahre alt. Und weil die Deutschen nach 1966 in großer Zahl den Geschlechtsverkehr unter Verwendung der Pille vollzogen, wächst der Anteil der Alten an der Gesamtbevölkerung beständig. In zehn Jahren werden rund 20 Prozent über 70 Jahre alt sein, und dann muss man sich fragen, ob es nicht sinnvoll wäre, ein paar extra Käsetheken in den Supermärkten einzurichten, wo die Senioren schön den ganzen Tag vordrängeln können, ohne dass die Jungen immer abgedrängt werden und zu spät zu ihrer Verabredung kommen.

Überhaupt wird es noch lustig werden, wenn die Alterspyramide auf dem Kopf steht und Senioren, die sich bislang noch so wunderbar in Heime und Reisebusse auslagern ließen, einfach überall sind. Überall da, wo die junge, zielstrebige Bevölkerung ihrem Tagwerk nachgehen will und nicht von der Stelle kommt, weil die Oldies immer mit dem Rollator im Weg rumstehen, die Kapazitäten der Ärzte beanspruchen und das Auto im Schritttempo in den Kreisverkehr lenken.

Damit wir als Gesellschaft diese Herausforderung nicht nur meistern, sondern sie als veränderte Bedingungen akzeptieren, derer man sich am besten mit guter Laune annimmt, ist es schon jetzt wichtig, den Blick auf Senioren zu verändern. Eine Methode dafür ist, sich jene Personen oder Personengruppen herauszupicken, die eine Brücke zwischen den Generationen schlagen und so einen Übergang fürs Verständnis schaffen. Altersrosinen quasi.

Eine solche Spezies ist der sogenannte Jubelgreis. Hiermit wird zumeist ein Mann beschrieben, der es krachen lässt. Oder etwas zu feiern hat. Etwas Halbseidenes haftet ihm oft an, ein in die Jahre gekommener Lebemann. Eine dem Alter angemessene Hochachtung schwingt da selten mit. Etwas irritierend ist auch das Wort „Greis“, bezeichnet es doch einen Menschen, der wirklich steinalt ist. Und den wir mit Stein-Assoziationen bedenken: sehr grau, von den Spuren der Zeit tief gezeichnet, bewegt sich nicht von der Stelle. Und denkt man dann an bekannte Herren, die auch im höheren Alter ordentlich Krawumms hatten, dann klingt das Wort in jeder Hinsicht unpassend. Harry Rowohlt, Dieter Hildebrandt, Hellmuth Karasek – Jubelgreise? Wohl kaum. Eher Jubelalte.

Die aktuelle Generation der Jubelalten ist eng verwandt mit dem Backfisch und der Base. Ihre Jugend erlebte sie, als das Böse noch in Form von „Ganoven“ und mit Schiebermütze um die Ecken huschte, Männer im Zuge unerhörten Verhaltens als „Strolch“ oder „Unhold“ bezeichnet wurden und Kindern „der Hosenboden stramm gezogen“ wurde. Dem heutigen Jubelalten wurde also noch Anstand und Sitte vermittelt, und so ist es kein Wunder, dass er sich zu kleiden versteht. Anzug und Einstecktuch verkörpern weltmännische Nonchalance, begeht er den Tag in Freizeitkleidung, so ist sie von hoher Qualität, denn dieser Mann hat noch etwas vor und das Leben hat ihn gelehrt, dass es einen guten Eindruck macht, wenn zwischen Wein, Weib und Gesang wenigstens der Zwirn die Fassung behält. Denkt man an die Herren, die noch bis vor ein paar Jahren den Jubelchor anstimmten – Jopi Heesters, Helmut Schmidt, Max Greger oder jene, die den Ton noch immer vorgeben: Rolf Eden, Mario Adorf, Karl Lagerfeld –, dann wird auch deutlich, warum die vom Aussterben bedrohte Art des Hausmantels unbedingt geschützt gehört. Für den Mann von Welt sind auch die Minuten zwischen den Terminen potenzielle Jubelmomente. Der Grandseigneur ist stets bereit für Besuch und Konversation. Den Moment im Rippenhemd und Schlüpper gibt es allenfalls im Badezimmer. Stil ist eine Frage der Haltung. Und zwar einer, die ihn auch aufs Greisenalter zugehend zu jeder Zeit gesellschaftsfähig macht. Verfügt er über den Sex-Appeal, den Udo Jürgens noch mit 80 ausstrahlte, reicht ein weißer Baumwollbademantel. Alle anderen greifen im eigenen Interesse zu Seide.

Zum Wesen des Jubelgreises gehört, dass er sich gern in Gruppen aufhält. Das liegt zum einen am Charakter des Jubels, der im stillen Kämmerlein schnell zum Wolfsgeheul wird und der die Gesellschaft als Echokammer braucht, um in ganzer Pracht zu erklingen. Zum anderen aber auch an der Liebe dieser Männerspezies zum Schwadronieren. Das wortreiche Welterklären ebenso wie das einer unter Wasser gedrückten Flasche gleiche Geblubber, um die Kunst des Forellenfangs darzulegen, die Vorzüge ungarischer Ärzte oder um zu erklären, was in der Politik falsch läuft, nämlich alles – dies alles hilft, sich des eigenen Daseins zu versichern. Es sind diese Momente, die der Mann am Ende der Zeitschiene braucht, um sein Leben zwischen Wertpapieren und Blutdrucksenkern in Hemingway’sche Sphären zu heben. Wohl dem, der eine Yacht sein Eigen nennt und ausführlich über die Hafenmeister der Côte d’Azur zu plaudern weiß.

Der gewonnene Kampf mit der Takelage, die Freude am neuen Skipper lassen die Probleme mit der Prostata gleich viel schwungvoller vergessen. Überhaupt ist der Jubelgreis in seinem Element, wenn sich sein Dasein in den Zusammenhang von Hemingway’scher Weltliteratur bringen lässt, dem Lebensgefühl, das ein Alkoholiker mit Literaturnobelpreis verkörpert.

„Wann ist ein Mann ein Mann?“ fragte einst Herbert Grönemeyer. Und eine Antwort ist: wenn er von anderen Männern Bestätigung erfährt. So erklärt sich auch das erstaunliche Phänomen des geduldigen Zuhörens durch den Kreis seiner männlichen Freunde während des Schwadronierens. Begleitet von zustimmendem Nicken und großzügigem Schwenken des Rotweinglases ist es Teil eines unausgesprochenen Abkommens, das dem Prinzip der Rotation folgend, mal den einen, mal den anderen über Stunden zu Wort kommen lässt.

Sind Frauen anwesend, sind es gern Assistentinnen. Denn anders als der gemeine, in seiner Kleingartenlaube auf die Kacke hauende Alte, kann der Jubelgreis von Welt nicht von dem lassen, was ihm die Anerkennung der Gesellschaft eingebracht hat. Und weil die Anfragen so viele sind – Erfahrung als Währung der Gegenwart –, ist ein ordnender Mensch vonnöten, der den Überblick behält und die Manuskripte trägt. Diese Frauen sind schlank und haben Kunstgeschichte und Zurückhaltung studiert.

Haben sich vor vielen Jahren die Fesseln der Ehe um die Fessel des Jubelgreises gelegt, gibt es zwei Varianten: a) Man hat sich arrangiert. Was bedeutet, die Ehefrau sitzt zu Hause am Bodensee, während der Krachkerl in Begleitung seiner Assistentin Termine wahrnimmt. b) Die Ehefrau jubelt mit und hat bei genauerer Betrachtung ein ausgewachsenes Alkoholproblem.

Selten nur, und eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wird die weibliche Jubelvariante sichtbar. Sie verkörpert das Bild der Salondame, also derjenigen, die Künstler, Intellektuelle und das an ihnen nach geistiger Nahrung saugende Bildungsbürgertum zusammenbringt. War diese Frau in jungen Jahren Assistentin, verfügt sie über ausreichend künstlerische Bildung und Kontakte, um dies im Rahmen von Ausstellungen der Werke zu fördernder Künstler zu tun. Stapelt sie etwas kleiner, lässt sie lesen. In jedem Fall aber gibt es stets genügend Wein und Bier, so dass jene Ausschweifung den Raum ergreift, die einen – egal in welchem Alter – das Gefühl von Lebendigkeit gibt und das in der beschwipsten Euphorie mündet: Das ist es, worum es geht!

Es ist kein Zufall, dass, wenn man an ältere Damen mit Wumms denkt, einem zwar Frauen wie Christiane Hörbiger, Alice Schwarzer und Gesine Schwan einfallen, dass sie aber alle mehr mit der Glorie rechtschaffener Arbeit verbunden werden, denn mit den Freuden des süßen Lebens. Frauen und Jubel, noch dazu faltige Frauen, ist ein Modell, das noch im Entstehen ist. Die Feministinnen der ersten Generation mussten erst heranaltern, um das Bild der Frau um die Facette der Jubelgreisin zu erweitern. Jetzt blicken wir auf Frauen wie die Berlinerin Heidi Hetzer, die mit 79 Jahren im Oldtimer die Welt umfuhr. Aber wir sehen auch Jane Fonda, eine stets ernst zu nehmende, sich politisch positionierende und dem Jubel zugeneigte Schauspielerin, die sich mit 79 Jahren anlässlich der Emmy-Verleihung mit einem neuen Gesicht präsentierte, das sie aussehen lässt wie eine 40-Jährige, die zu lange zu nah am Lagerfeuer saß. Jeder Jubel, jede Anerkennung, den man dieser Frau ob ihrer Leistung und ihres Engagements zurufen möchte, bleibt im Halse stecken in Anbetracht des Verlustes jeglichen Wiedererkennungsmerkmals.

Man kann Fondas extrem radikale Abkehr vom körperlichen Ich als – feministischen – Akt der Selbstermächtigung verstehen, als die Freiheit, dem Zahn der Zeit mit der Fräse vermeintlicher Jugend beizukommen. Sogar als Akt, sich über die Zeit zu stellen. Man kann aber auch zu der Befürchtung kommen, dass die Verleugnung des Alters dazu führen wird, dass das Alter trotz seiner zahlreichen Vertreter bald keinen Platz mehr in der Gesellschaft finden wird.

Der Jubelgreis – egal, ob Mann oder Frau –, wie die Gesellschaft ihn braucht, ist nicht die Person, die das Alter negiert und sich bei den 40-Jährigen einreiht. Es ist vielmehr der Mensch, der sein Alter annimmt und all das ist, was aktive Personen auszeichnet: teilhabend, neugierig, sich einmischend. Alter sollte kein Entweder–Oder sein. Sondern ein „Auch“. Oder vielleicht ein trotziges „Dennoch“. Um das zu vermitteln, um begreiflich zu machen, dass die Annahme, „alt sein“ ginge mit „weniger“ einher, gestriges Denken ist, ist der Blick auf die Jubelalten so wichtig: Weil sie zeigen, wie es geht. Wie man ungeachtet der Jahre, die man zählt, Dinge tut. Dinge, die man vor 20 Jahren auch getan hat. Oder vor 60. In Gesellschaft sein, das Wort führen, sich dem Rausch hingeben, Sex haben.

Von allem wollen Menschen immer mehr. Mehr Geld, mehr Liebe, mehr Zeit. Nur ihre Jahre wollen sie nicht. Sind die Jahre da, geht es auf einmal ums Weniger. Eine neue Bescheidenheit ist angesagt: weniger Farben, weniger Freiraum, weniger Feier. Nur, so geht das nicht. Alter ist das Ergebnis von Fülle. Es verdient den Jubel.

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