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"Dir kommt das alles bekannt vor."

Psychologie

Knallhart die Butter vergessen

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Woher kommt bloß diese Gefühlskälte?

Du warst zur Kontrolluntersuchung ganze zwei Stunden beim Augenarzt. Bei deiner Rückkehr sagt er nur müde: „Hallo“. Hallo?! Kein: „Was hat der Arzt gesagt?“ Kein: „Ich habe dich so vermisst!“ Plötzlich fällt dir ein, wie er letzte Woche mit einem simplen „Sorry“ reagiert hat, als du ihn darauf hingewiesen hast, dass er zwar Butter für sich selbst, nicht jedoch die laktosefreie Version für dich vom Supermarkt mitgebracht hat. Und neulich Abend bei Jutta und Frank? Als du immer wieder darauf hingewiesen hast, dass es schon so spät sei und ihr doch morgen früh raus müsstet, hat er da nicht eiskalt vorgeschlagen, du könntest ja schon mal nach Hause gehen, während er noch ein Stündchen bliebe? Zu Hause hast du dann vor Wut geschäumt, und er war sich keiner Schuld bewusst.

Auf einmal erkennst du ein Muster, alles scheint plötzlich zusammenzupassen. Dass er kein Mitleid gezeigt hat, als du ihm von Tante Rosies Meniskusproblemen erzählt hast und wie gnadenlos er die Spinne im Bad zerquetscht hat, nachdem du ihn zu Hilfe gerufen hattest. Das wäre doch auch rücksichtsvoller gegangen. Und warum ist dir nicht viel früher aufgegangen, dass seine Gleichgültigkeit gegenüber der Musik von Whitney Houston und seine unverständliche Vorliebe für Charles-Bronson-Filme pathologische Züge trägt?

Aufgeregt schaust du im Internet nach und wirst auch gleich fündig: Alexithymie nennt man das, wenn Menschen gefühlskalt sind. Der Begriff bezeichnet „eine inadäquate Reaktion auf belastende Ereignisse bei Personen mit geringer emotionaler Intelligenz“. Du schauderst vor der Erkenntnis, die dir mit einem Mal so unzweifelhaft vor Augen steht: Zehn Prozent der Bundesbürger sind Studien zufolge gefühlskalt, Männer häufiger als Frauen. Passt doch. Betroffen scrollst du dich durch ein Alexithymieforum. Eine Frau berichtet, wie sie direkt nach einem Kaiserschnitt für ihren gemeinen Mann und die Kinder habe kochen müssen. Eine andere wurde von ihrem Freund an Silvester weinend alleine im Bett zurückgelassen. Dir ist das bisher erspart geblieben, aber vermutlich ist das nur eine Frage der Zeit.

„Alexithymiker gehen häufiger zum Arzt“, liest du in einer Apothekerzeitung. „Dort fühlen sie sich oft nicht ernst genommen.“ Grund dafür sei die Tatsache, dass Alexithymiker ihre körperlichen Reaktionen auf Gefühle zwar spürten, aber nicht deuten könnten. Wenn sie Bauchweh hätten oder ihr Puls rase, hielten sie das immer gleich für Symptome einer Krankheit. Dabei seien sie vielleicht bloß aufgeregt oder ängstlich. Viele von ihnen litten auch an Kopfschmerzen und psychosomatischen Krankheiten. Dir kommt das alles bekannt vor. Zuletzt war er mit 39 Grad Fieber beim Doktor. Ist das nicht übertrieben? Auch die Tatsache, dass er sich mit diffusen Magenschmerzen vor der Konfirmation deines Neffen gedrückt hat, sagt eigentlich alles. Zum Glück gibt es Abhilfe. Ein Arzt im Internet rät zur Mal- oder Musiktherapie. Auch Gruppentherapien könnten Betroffene darin schulen, ihr Innerstes nach außen zu kehren.

Als du ihm das vorliest, zeigt er dir einen Vogel. Ein weiteres Zeichen dafür, dass du den richtigen Riecher hattest.

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