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Ohne täglichen Nervenkitzel wird FR7-Redakteurin Regine Seipel nicht wach. Egal wie früh sie aufsteht - zum Zug muss sie trotzdem hetzen.

Psychologie

Her mit dem Kick

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Sensation Seeker brauchen viel Nervenkitzel. Der kann auch in einer Briefmarke stecken.

Robert kann selten zwei Abende hintereinander zu Hause sitzen. Ruhe macht ihn unruhig. Der Mann braucht viel Zerstreuung. In jungen Jahren neigte er zur Promiskuität, bis heute geht er gern auf Partys und ist geselligem Trinken nicht abgeneigt. Auch im Urlaub liebt er Abenteuer und exotische Ziele. Klar, dass er kein Langweiler ist. Für die ist sein Lebenswandel ein Graus. Sie lieben Routine, geraten schon in Aufregung, wenn sich das Abendessen verschiebt oder das gewohnte Hotel, das sie seit 20 Jahren buchen, wegen Renovierung geschlossen ist. Beide Typen können nichts dafür. Menschen brauchen sehr unterschiedliche Portionen Nervenkitzel, um sich wohl zu fühlen.

Warum ist das so? Die Wissenschaft hat sich seit den 1960er Jahren mit dem Phänomen beschäftigt und ihm auch einen Namen gegeben. Wer stets nach einem neuen Kick giert, ist wahrscheinlich ein stark ausgeprägter Sensation Seeker, der ständig neue Reize benötigt. Man könnte meinen, dass der Begriff, der auf den US-amerikanischen Psychologen Marvin Zuckerman zurückgeht, nur Base Jumper, Skibergsteiger, Eistaucher oder sonstige Extremsportler beschreibt, doch so ist es nicht. Ein kleiner Sensation Seeker kann auch im vermeintlich größten Langweiler stecken, denn Nervenkitzel ist eine ziemlich persönliche Sache. So mag zum Beispiel ein leidenschaftlicher Briefmarkensammler in enorme Erregung geraten, wenn er sich der Blauen Mauritius nähert. Wahrscheinlich steigert sich die kribbelnde Vorfreude im Bauch auf den letzten Metern vor der Vitrine zu einem höchst angenehmen Gefühl der Hochspannung, das ihn – ebenso wie den Schachspieler vor seinem entscheidenden Duell – zum Sensation Seeker macht. Wenn auch zu einem der eher unauffälligen Sorte.

Entscheidend sind also nicht spektakuläres Risiko und die Menge des nervenzerfetzenden Grusels, dem sich jemand aussetzt, sondern das Wohlgefühl, das er im Moment höchster Aufregung empfindet, sagt Marcus Roth, Professor für Differentielle Psychologie an der Universität Duisburg-Essen. Er hat 20 Jahre lang an dem Thema geforscht. Sensation Seeking, sagt er, ist ein Persönlichkeitsmerkmal, ähnlich wie Kreativität und Intelligenz. Der eine hat mehr davon, der andere weniger. Zu 70 Prozent soll das Ausmaß angeboren sein, zu 30 Prozent spiele die Sozialisation eine Rolle.

Die Abgrenzung ist – wie meist in dieser Frage – schwierig. Denn wie jemand aufwächst, sagt Roth, entscheide zwar nicht über seine Sensation-Seeking-Werte, wohl aber über die Möglichkeiten, sich die individuell nötige Portion Nervenkitzel zu verschaffen. Wer in einer reizarmen Umgebung mit einem großen Bedürfnis nach Aufregung auf die Welt kommt, mag dieses vielleicht irgendwann auf selbstzerstörerische Weise befriedigen. Verschwinden wird es nicht.

Es wird gesamtgesellschaftlich gesehen aber auch nicht mehr, selbst wenn die Zunahme von Extremsportarten, die Jagd nach gefährlichen Rekorden und der Bau immer gigantischerer Freizeitparks diesen Eindruck erwecken können. In der Forschung, sagt Roth, gibt es keine Anhaltspunkte, dass Sensation Seeker ein Phänomen unserer Zeit sind. Es gab sie schon immer. Auch Christoph Kolumbus dürfte einer gewesen sein. Nur hält das Leben heutzutage eben weniger Hochspannung bereit. Neues Aufregungspotenzial muss erfunden werden.

Das können nicht nur waghalsige Sportarten sein. Sensation Seeker, sagt Roth, neigen auch zu stärkerem Konsum von illegalen Drogen. Die Kunst bestehe darin, dass es Menschen mit dieser Eigenschaft gelingt, sich möglichst vielfältig und verträglich stimulieren zu können, um ihr optimales Erregungsniveau zu erreichen. Solche Forschungsergebnisse spielen etwa in der Drogenprävention eine Rolle. Statt Drogenkonsum bei Jugendlichen zu pathologisieren, so Roth, wäre es besser, ihnen einen spannenden Ersatz zu bieten. Es muss ja nicht gerade S-Bahn-Surfen sein. Gleiches gilt für das Glücksspiel, zu dem Sensation Seeker ebenfalls einen überdurchschnittlichen Hang haben. Wird er pathologisch, haben sie verlernt, wie sie ihren Pegel auf andere Weise erreichen können.

Gegen ein aufregendes Leben ist also nichts einzuwenden. Was die meisten aus eigener Erfahrung kennen, hat die Wissenschaft ebenfalls nachgewiesen: Mit dem Alter nehmen die Sensation-Seeking-Werte ab, das Bedürfnis nach Routine wächst, man fährt dann halt lieber in den Bayerischen Wald statt nach Südamerika und steigt vom Rennski auf die Langlaufbretter um. Alles kein Grund, an sich zu zweifeln: Entscheidend ist bei diesem Wandel nur das Wohlgefühl. Hauptsache, man langweilt sich nicht dabei.

Auch Robert ist inzwischen in festen Händen und hat sich das exzessive Flirten abgewöhnt. Einen Urlaub im Bayerischen Wald hat er allerdings bisher noch nicht geplant.

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