+
"Wenn Deine Standkraft Dich verlässt ..."

Wie im Hummelflug

  • schließen

Obacht bei der Warteschleifenmusikauswahl!

Während des Studiums arbeitete ich bei einem Kreditinstitut in der Telefon-Hotline, intern „Telephone Unit“ genannt. Online-Banking gab es damals noch nicht. In einem Großraumbüro, in dem es so aussah und auch zuging wie in der Comedy-Serie „Stromberg“, saß ich mit den anderen überwiegend weiblichen Mitarbeitern und sprach während meiner siebenstündigen Schicht etwa zweihundertfünfzig Mal den Satz: „American Express Bank, mein Name ist Tanja Kokoska, was kann ich für Sie tun?“ Über unseren Köpfen schwebte in roter Digitalanzeige eine Zahl – die Menge derer, die sich in der Warteschleife befanden. Erreichte diese Zahl einen hohen, zweistelligen Bereich wurde unser Chef nervös. Dann kam er aus seinem Kabuff, in dem er rätselhafte Dinge tat, und fuchtelte mit den Armen, als wären wir eine Herde Schafe, die er auf einer Weide zusammentreiben wollte. Das half natürlich überhaupt nicht.

Es war wichtig, die Kundschaft nicht lange warten zu lassen. Aber es sollte auch kein Mensch den Eindruck gewinnen, man wolle ihn möglichst schnell wieder aus der Leitung befördern – eine kommunikative Gratwanderung. Besonders, wenn die Bank zuvor Broschüren mit neuen, aus heutiger Sicht grotesk hoch verzinsten Sparangeboten verschickt hatte. Das Wort „Premierliquiditätszuwachskonto“ werde ich nie vergessen. Auch nicht, dass einer der wenigen männlichen Mitarbeiter (der die Telephone Unit als Karrieresprungbrett begriff und stets in Anzug und Krawatte erschien, obwohl kein Kunde ihn je so sah) die Faust hinter seiner Stellwand emporreckte und „Yeah“ oder „Tschacka“ rief, wenn die Warteschleifenanzeige auf null sprang. Er wurde ins Backoffice befördert, wo er nur noch selten telefonierte.

Welche Musik während der Warteschleifenwartezeit gespielt wurde, weiß ich nicht, ich habe selbst nie bei mir angerufen; so hoch, dass ich mir ein Premierliquiditätszuwachskonto hätte leisten können, war der Stundenlohn dann doch nicht. Bestimmt ist aber die Bank den Unternehmensberatern gefolgt, die Beethovens „Für Elise“ oder den „Hummelflug“ von Rimski-Korsakow empfahlen und dafür viel Geld nahmen. Dabei sei es „die beste Lösung, sich seine Warteschleifenmusik individuell komponieren zu lassen“, rät aktuell die Kommunikationsagentur ProEmotion.

Dieser Anregung ist eine urologische Praxis in Freiburg gefolgt. Wer dort in der Warteschleife landet, den beglücken die Fachärzte Münch, Hackländer, Fritzsche und Hübschle mit einem selbst getexteten und selbst gesungenen Liedchen: „Wird die Gliedversteifung schwach, komm vorbei, ich bin vom Fach. Wenn die Blase ständig zwickt, deine Männlichkeit abknickt, wenn das Wasser laufend rinnt, deine Temperatur nicht stimmt, wenn das Beinkleid sich durchnässt, deine Standkraft dich verlässt, dann, mein Lieber, zögere nicht, und komm zu mir, ich kümmer mich.“ Dann singen alle heiter im Chor: „Jeder Mensch, ganz ungelogen, braucht ’nen guten Urologen.“ Auf Soundcloud.com wurde das Lied bereits mehr als 1,7 Millionen Mal geklickt.

Beschwerdefrei ging es bei der Bank auch nicht immer zu. Da hätte sicher auch ein Liedchen geholfen: „Wenn der Saldo ständig zwickt, deine Bonität abknickt, wenn das Geld dir durch die Finger rinnt, wenn dein Kontostand nicht stimmt, wenn der Zinsverlust dich plagt und der Kredit an dir nagt, dann, mein Lieber, zögere nicht, und komm zu uns, wir beißen nicht.“ Tschacka!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare