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"Es muss nicht immer Peru sein."

Der Humboldt in uns allen

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Hat Reisen überhaupt noch etwas mit Entdecken zu tun?

Alexander von Humboldt und andere Abenteurer des 19. Jahrhunderts gingen auf Reisen, um neues Land, neue Kulturen zu entdecken. Gibt es im 21. Jahrhundert, wo scheinbar jeder Zipfel der Erde vermessen ist, noch etwas zu entdecken?
Humboldt täte sich sicher schwer. Aber für heutige Urlaubsreisende, die der Entdeckergeist treibt, gibt es natürlich noch sehr viele Ecken, denn kaum ein Mensch war schon auf der ganzen Welt.

Aber die Reisenden wollen doch sicher nicht mehr auf dem brüchigen Ochsenkarren durch Yogyakartas Tempelanlagen rumpeln?
Müssen sie auch nicht. Das ist ein großer Unterschied zu früher: Man kann jetzt Taxi fahren. Das touristische Angebot ist einfach viel größer geworden. Es gibt jede Menge Einrichtungen, die sich um Reisende kümmern, ob sie nun pauschal oder individuell unterwegs sind. Der große Trend ist eine Professionalisierung.

Das verhindert nicht das eigene Entdecken?
Nicht unbedingt. Sie macht es vielleicht ein bisschen leichter und komfortabler. Wir waren zum Beispiel gerade in Peru im Urwald mit einer Führerin. Ohne sie hätte ich die Schlangen nicht gesehen, den Affen nicht erkannt, würde ich nicht wissen, wo die Vögel nisten.

Ist das Entdecken überhaupt heute noch ein wichtiges Motiv beim Verreisen?
Meistens ist es eines von vielen. Da kann es wunderschön sein, an der Nordseeküste an den Strand zu fahren und dann das Wattenmeer zu entdecken bei einer Wattwanderung. Und das war’s dann mit dem Entdecken. Das wesentliche Thema für Urlaubsreisen aber ist Erholung, mit Familie oder Partner. Dazu in einer Landschaft und in Klimabedingungen, die angenehmer sind als zu Hause.

Dabei überbieten sich die Reiseveranstalter mit einer Fülle von Entdecker-Angeboten.
Ich glaube, da gibt es einen Unterschied zwischen der Nachfrageseite und der Angebotsseite. Bei den Urlaubern kann das Entdecken ja auch in der Nähe liegen, in persönlichen Erfahrungen, die nicht weltbewegend sind. Bei den Veranstaltern werden dabei vor allem Reisen gekennzeichnet, die bisher nicht klassischerweise zu ihrem Geschäftsbereich gehörten, etwa zum Süd- oder Nordpol oder Reisen in Gebiete, die bisher touristisch noch kaum erschlossen sind. Für sie ist das interessant, weil es die einzige Möglichkeit ist, noch neue Destinationen anzubieten.

Dazu kommen auch inszenierte Erlebnisse. Da wird man etwa mit dem Heli in der Wüste ausgesetzt, unter der einzigen Akazie weit und breit steht ein Tisch mit Champagner im Eiskübel und man weiß, irgendwo sind wilde Tiere.
Champagner in der Wüste ist natürlich horrender Blödsinn. Da werden nur Teile der westlichen Welt exportiert in eine dafür ungeeignete Umgebung. Ich kann mir aber Inszenierungen vorstellen, die Kulturelles überhaupt erst erfahrbar machen. Ich entsinne mich an Tänze, die auf den Philippinen in einem Hotel vorgeführt wurden. Ich dachte, das ist nur für die Touristen. Aber der Choreograph aus Zürich, der neben mir saß, war begeistert: Wenn du diese Tänze erleben möchtest, ist das vielleicht die einzige Gelegenheit.

Menschen, die wirklich etwas entdecken wollen, würden wohl eher sagen: Ich muss tief eintauchen in eine andere Welt, um solche Tänze zu erleben.
Auch das ist zwiespältig. Bei einem musikalischen Dinner können sich das immerhin beide Seiten vorher überlegen, ob sie das so haben wollen. Natürlich ist der gefühlte Entdeckungsfaktor größer, wenn man in ein Privatleben eindringt, wo sonst kein Tourist hinkommt. Aber auch die Gefahr, Unheil anzurichten, ist größer.

Es werden aber durchaus Entdeckerreisen angeboten, bei denen die Touristen mit den Einheimischen in Kontakt kommen, mit ihnen essen, tanzen, arbeiten, bei ihnen übernachten.
Selbst das ist ein Balanceakt. Ich denke nicht, dass man das hochjubeln sollte. Aber ich nenne ein Beispiel, wie es funktionieren kann: Der Titicacasee hat zwei Inseln, auf denen man bei der lokalen Bevölkerung wohnen kann. Es gibt ein gut geregeltes System, so dass jeder, der sich beteiligen will, mal einen Touristen abbekommt, ein paar Brocken Spanisch reichen schon. Das Geld wird in Strom, medizinische Versorgung oder Bildung gesteckt, beide Seiten lernen voneinander. Ganz was anderes, als wenn ein Reisebus mit 50 Leuten bei den Höhlen der „Zigeuner“ vorfährt, um zu gucken, wie die vorgeblich leben. Das ist wirklich Theater.

Was raten Sie denen, die auf Reisen den Entdecker in sich befriedigen wollen?
Es muss nicht immer Peru, Papua Neuguinea oder Patagonien sein im Sinne von Alexander von Humboldt. Das könnte für einen Norddeutschen auch Unterfranken sein oder die sorbische Kultur. Wir wissen aus der Reiseanalyse, dass jährlich 37 Prozent der Urlaubsreisen zu Zielen führen, an denen der Reisende noch nicht gewesen ist. Manchmal genügen auch nette kleine Entdeckungen, ein neues Gericht, ein neuer Berg, eine neue Fähigkeit, die man bei sich selbst entdeckt, Muscheln im Watt, Vögel im Wald. Das geht überall.

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