+
"Du machst was falsch, da müssen BHs auf die Bühne fliegen."

Helden für einen Tag

  • schließen

Fast wie die echten Stars: Tribute Bands werden als gute Kopien geliebt. Was fasziniert ihre Fans? Frederik Jötten hat einen Abend mit Remode verbracht, die Depeche Mode covern.

Dass der große Auftritt an diesem Freitagabend kurz bevorsteht, merkt man daran, dass es backstage scharf nach Lösungsmittel riecht. Es ist 20:21 Uhr, Marcus Mundus sitzt auf dem zerschlissenen Sofa hinter der Bühne der Hamburger Markthalle, Veranstaltungsort für Rock-Konzerte. Der muskulöse Oberkörper des 29-Jährigen steckt in einem schwarzen, ärmellosen Shirt. Er beugt sich vornüber, legt die linke Hand zwischen eine Chipstüte und einen leeren Kaffeebecher auf den Couchtisch. Dann beginnt er, seine Nägel mit schwarzem Lack anzupinseln. So wie die anderen vier Mitglieder der Depeche Mode-Tribute-Band Remode.

Tribute-Bands covern die Songs einer einzigen Band. Sie versuchen, ihre Helden zu imitieren, musikalisch und meist auch optisch. Inzwischen gibt es von fast allen bekannten Acts Kopien. Bei Mandonna, AC/DShe und The Iron Maidens muss man nicht lange nachdenken, um die Vorbilder zu erkennen (auch wenn mal ein Mann statt einer Frau am Mikro steht und umgekehrt). Remode dagegen wollen eine möglichst originalgetreue Kopie sein. Sie wissen, dass sie Nostalgie-Dienstleister sind. Die meisten Leute kommen auf ihre Konzerte, weil sie Depeche Mode lieben. Nicht, weil sie Remode kennen.

Noch 39 Minuten bis zum Auftritt. Dann wird sich zeigen, ob die Bandmitglieder es mit ihren Idolen aufnehmen können. Die Markthalle ist ein besonderer Ort – am 25. September 1981 gaben Depeche Mode hier ihr erstes Deutschland-Konzert, heute sind sie mit mehr als 100 Millionen verkauften Tonträgern die erfolgreichste elektronische Band aller Zeiten.

Freunde hatten Remode vor dem historischen Vergleich in der Markthalle gewarnt,  vor der Konkurrenzsituation in der Großstadt, vor unterkühlten Norddeutschen, die nicht tanzen – die Band entschied sich trotzdem für das Konzert, auf eigenes finanzielles Risiko. Es soll ein Highlight für das eigene zehnte Bandjubiläum werden. 1000 Zuschauer passen in die Markthalle. Im Vorverkauf gingen aber nur 400 Karten weg.

Die GEMA erfasst keine Zahlen zu Tribute-Bands, aber man muss sich nur das Geschäftsmodell von KS Concerts anschauen, um zu erkennen, dass die Auftritte der von ihnen in Deutschland vertretenen Cover- und Tributebands in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden sind. 40 Bands hat die Agentur unter Vertrag, Remode ist eine von ihnen. Außerdem Gruppen mit Namen, die sofort verraten, welche Musik man zu hören bekommt: My’tallica, Still Collins und Just Pink. Bei anderen muss man einen Moment überlegen: Völkerball covern Rammstein, Alex im Westerland die Toten Hosen und Die Ärzte. Für jede Band gibt es mehrere „Konkurrenz-Produkte“, sagt Dirk Schönfeld, einer der beiden Inhaber der Agentur. „Ich habe selbst den üblichen Leidensweg als Musiker hinter mir.“ Mit seiner Band „Firma Angst und Bange“ trat er bei Rock am Ring auf, aber der Durchbruch blieb aus. „Was macht man also, wenn man weiter auf der Bühne stehen will? Man covert.“

Schönfeld spielte danach Chart-Musik in einer Top-40-Band, ein undankbares Geschäft: „Man ist lebendiger DJ, absolut austauschbar und wird kaum beachtet. Das kränkt, denn wenn man auf die Bühne geht, will man im Rampenlicht stehen.“ Deshalb gründete er mit anderen Musikern die Pink-Tribute-Band Just Pink. „Zu Tribute-Bands kommen die Zuschauer gezielt, die freuen sich auf das Konzert, das ist ein viel besseres Gefühl für die Musiker“, sagt er. Auch das Geschäft laufe besser, viele Festveranstalter buchten heute Musiker, die nur eine Band covern, dann kämen mehr Zuschauer. Denn die ganz Großen der Branche gehen jahrelang nicht auf Tournee – und wenn doch, kosten die Eintrittskarten sehr viel. Auch Depeche Mode touren in diesem Jahr durch Deutschland. Für 100 Euro pro Karte kann man sie etwa am 20. Juni in der Commerzbank Arena in Frankfurt sehen, falls man überhaupt ein Ticket bekommt. Remode sind hingegen schon für 20 Euro zu haben.

Noch 30 Minuten bis zum Auftritt. Marcus Mundus nimmt seine Nickelbrille ab, setzt Kontaktlinsen in die Augen, schminkt sich mit Kajal-Stift. Mundus ist zurückhaltend, spricht leise und überlegt, ein intellektueller Kopf auf dem Oberkörper eines Bodybuilders. Er sieht sich als melancholischer Außenseiter und Depeche Mode als seine Musik. Nach seinem Studium als Jazz- und Pop-Sänger an der Hochschule für Musik in Dresden sang er ein Jahr lang auf einem Kreuzfahrtschiff Musicalsongs und Operetten. Danach schrieb er Depeche Mode-Tribute-Bands an – und bei Remode war gerade der Keyboarder ausgestiegen. So kam Marcus, der in einer WG in Berlin-Neukölln lebt, dazu, mit Musikern aus Nordrhein-Westfalen in einer Band zu spielen, die schon Depeche Mode hörten, als er noch nicht geboren war. Sänger Detlev ist 44, Gitarrist Johannes 45, Bassistin Heike 50 und Dirk, der Schlagzeuger, 42. Heute ist Remode die wichtigste Einnahmequelle für Mundus. In guten Monaten spielt die Band jedes Wochenende, und er verdient damit so viel wie ein Bürokaufmann.

Auf dem Sofa gegenüber sitzt Schlagzeuger Dirk Kempka, Künstlername Vic Chains, und trommelt auf ein Kunststoffpad, Warmmachen für den Auftritt. Er ist Schlagzeuglehrer in Essen. Heike Nolden, die Bassistin, hauptberuflich ebenfalls Musiklehrerin, kommt in den Backstage-Raum, begleitet von zwei ihrer Freunde aus Hamburg, die auf der Gästeliste stehen.

Noch 20 Minuten bis zum Auftritt. Gitarrist Johannes Makowski öffnet den Kühlschrank und holt eine Flasche Jack Daniels heraus. „Wer will?“ Marcus schüttelt den Kopf. „Schmeckt mir nicht so.“ Er trinkt Wasser, die anderen Whiskey pur, ohne Eis, aus Plastikbechern.

Remode suchen die Nähe des Originals – 2015 spielte die Band sogar in Basildon, der Heimatstadt von Depeche Mode, 120 000 Einwohner, 50 Kilometer nordöstlich von London. Dort spazierten die Musiker zu den Schauplätzen der Depeche-Mode-Geschichte. „Wir standen unter dem Zimmerfenster, in dem Martin Gore seine ersten Hits geschrieben hat“, sagt Mundus und schüttelt den Kopf, als könne er das immer noch nicht glauben. Bei Remode hat Marcus den Platz von Gore eingenommen, dem Komponisten der meisten Depeche-Mode-Songs – er spielt Keyboard, singt Backing-Vocals und ein paar Lieder als Hauptsänger.

Ist es befriedigend, eine Kopie zu sein? Wäre es nicht schöner, etwas Eigenes zu schaffen? „Ich komponiere selbst und habe ein eigenes Projekt“, sagt Marcus. „Synthie-Pop, nicht so düster wie Depeche Mode.“ Die meisten Zuhörer seien allerdings der Meinung, die Musik von The Mundus, so nennt sich seine Band, klinge wie Depeche Mode.

Johannes hält sein Handy in die Höhe, darauf ein Foto. Die Musiker von Remode grinsend, mit einem Mann in ihrer Mitte, der deutlich älter ist: Andrew Fletcher, Gründungsmitglied von Depeche Mode und bis heute einer ihrer Keyboarder. Die beiden Gäste erkennen ihn auf dem Bild sofort. „Wow“, sagt der eine. Im vergangenen Jahr war Fletcher DJ bei einer Party in Bielefeld, dort passten die Remode-

Musiker ihn ab und sprachen ihn an. „Geil ist, dass er uns kannte“, sagt Johannes. „Er hat uns gefragt, wie es in Basildon war, er wusste, dass wir da waren!“

„Wie fand er den Auftritt?“, fragt einer der Backstage-Gäste. „Da hat er sich ganz clever aus der Affäre gezogen und gesagt: Er habe nur Gutes gehört“, sagt Johannes. „Er kann sich uns ja bei Youtube anschauen“, sagt Vic, der Schlagzeuger.

Für einen Moment wähnt er sich auf Augenhöhe mit den Stars. Bands wie Yes und Judas Priest haben schon Musiker aus Tributebands engagiert. Und vielleicht trommelt Christian Eigner, der österreichische Drummer, der Depeche Mode heutzutage auf der Bühne verstärkt, gar nicht besser als Vic, der Schlagzeuglehrer aus der Coverband. Trotzdem spielt der eine vor 50 000, der andere vor 500 Zuschauern.

Sänger Detlev lacht laut auf. „Bestimmt zieht der sich den ganzen Tag Remode-Videos rein!“– „Genau, die fangen jetzt an, uns zu covern!“, ruft Johannes. „Die wollen schon lange so rockig klingen wie wir!“ Marcus grinst in sich hinein, schüttelt den Kopf. So nah, wie Remode Depeche Mode räumlich und im Sound schon gekommen sein mögen, so unvorstellbar erscheint es, dass das Original sich die Kopie auch nur anhört.

„Unsere größten Fans sind da“

Noch zehn Minuten bis zum Auftritt. Marcus geht in den Flur, setzt die Hände auf den Boden und macht Liegestützen, 35, ein Ritual vor jedem Auftritt. Johannes hastet vorbei in Richtung Ausgang, eine Packung Tabak in der Hand. „Nicht mal hier darf man mehr rauchen“, flucht er leise. „Das hat wirklich mit Rock’n’Roll nichts mehr zu tun.“

„Unsere größten Fans sind da“, sagt Detlev. „Beate und ihre Freundin sind extra eingeflogen.“ „Ach ja, die fliegen, und ich fahre Fernbus“, sagt Marcus. „Aber es ist schon süß, beim letzten Mal haben sie sogar ein Stofftier geworfen.“ – „Du machst was falsch“, sagt Vic. „Das müssen BHs sein.“

Noch vier Minuten bis zum Auftritt. Die Band bildet einen Kreis, Arme umfassen Schultern. Sie atmen alle gemeinsam ein, dann der langgezogene Ruf: „Remoooode!“ Johannes öffnet die Tür, die vom Backstageraum auf die Bühne führt. Sie ist in rotes Licht getaucht. Als die Musiker zu ihren Instrumenten gehen, brandet Applaus auf, aber er ist verhalten. Marcus Mundus stellt sich hinter sein Keyboard. Von hier oben sieht die Halle gut gefüllt aus, auch wenn sich später zeigt, dass kaum mehr Karten an der Abendkasse verkauft worden sind als die vorverkauften 400.

Dann die ersten Takte, die E-Gitarre ist fett verzerrt, der Bass groovt, das Schlagzeug ist auf dem Punkt, Gesang und Keyboard sind kaum vom Original zu unterscheiden – Remode klingen wie Depeche Mode in einer Rock-Version. Der erste Song ist „Fly on a Windscreen“ von 1986, keiner der Hits, aber die Fans direkt vor der Bühne beginnen zu tanzen und mitzusingen. Auf einer Leinwand im Hintergrund flimmert das zugehörige Musikvideo. Depeche Mode überlebensgroß. Vorne live und zwei Drittel kleiner: Remode.

Mundus blickt vorsichtig hinter sich, wo Martin Gore, sein Held, von der Statur viel schmächtiger als Marcus, und doch übermächtig, über ihm flimmert. Dann spielt er die Akkorde auf dem Keyboard, wippt mit dem Kopf im Takt. Als der Schlussakkord erklingt, ist der Applaus viel lauter als am Anfang. Marcus schaut ins Publikum, ein stolzes Lächeln huscht über sein Gesicht.

Nach 14 Liedern verlassen alle die Bühne – außer Marcus, er bleibt hinter dem Keyboard stehen, spielt Piano-Akkorde. Dann beginnt er zu singen, klar und hell. „I haven’t felt so alive in years ...“ Es wirkt, als ob der Text auf ihn zutrifft. Seine Mimik wird weich, zeigt Schmerz und dann tiefe Freude, er lebt den Song auf der Bühne. Als er die letzten Akkorde spielt und das Publikum tobt, kann er ein verzücktes Grinsen nicht unterdrücken – er ist jetzt kein Fan mehr, er ist der Star, und das gefällt ihm sichtlich. Er tritt nach vorne, verbeugt sich, ruft „Danke Hamburg!“ ins Mikrofon. Ein Kuscheltier fliegt ihm vor die Füße.

Kleiden wie die Idole

Dann kommen die anderen zurück auf die Bühne. Remode spielen jetzt die Hits von Depeche Mode – und davon gibt es viele.  „I’m taking a ride with my best friend ...“ Zwischen den Liedern ertönen Jubel, Gekreische, Anfeuerungsrufe. Remode haben es geschafft, die Illusion von Depeche Mode, von früheren Zeiten, bei den Zuschauern hervorzurufen. Sie gehen nur kurz von der Bühne, das Publikum brüllt und klatscht die Band schnell zur Zugabe.

Man kann es lächerlich finden, wenn Erwachsene sich wie ihre Idole kleiden und sie auf der Bühne nachahmen. Aber stellt sich nicht jeder einmal vor, er sei der Sänger seiner Lieblingsband, beim Mitsingen im Auto oder beim heimlichen Tanzen, allein vor der Stereoanlage? Malt sich nicht jeder mal aus, er stünde auf der Bühne und die Zuschauer jubelten ihm zu? Tribute-Bands setzen diesen Tagtraum in die Tat um. Das ist vielleicht nicht besonders originell, aber Remode – und den Zuschauern auch – sieht man an, dass sie dabei großen Spaß haben. Und wer käme bei klassischer Musik auf die Idee, nachgespielte Werke als minderwertiger anzusehen, nur weil diese nicht vom Komponisten selbst gespielt werden?

„Enjoy the Silence“, das Publikum singt. „All I ever wanted, all I ever needed, is here in my arms!“ Immer wieder, auch nachdem die Band aufgehört hat zu spielen, Stadionrock in einer kleinen Halle. Der Schlagzeuger dreht dem Publikum den Rücken zu und macht mit seinem Smartphone ein Video von sich selbst vor den Zuschauern. Nach drei Zugaben und 28 Songs verbeugen sich die Musiker. „Danke Hamburg!“ Tosender Applaus. Marcus geht backstage, schöpft Nudeln in eine Plastikschale, setzt sich aufs Sofa zu den anderen, isst zwei Gabeln, stellt den Teller ab. „Total gutes Gefühl, so gefeiert zu werden – ein bisschen unwirklich immer noch.“ Er schüttelt wieder den Kopf, als könne er nicht glauben, was passiert ist, auf und vor der Bühne. „Mit meiner eigenen Musik spiele ich eher vor 20 Zuschauern. Und da bin ich froh, wenn ein paar Leute klatschen und tanzen.“

Dann geht er raus in Richtung Merchandise-Stand. Dort, in einer Ecke des Hallen-Vorraums, hängen schwarze T-Shirts mit weißem Remode-Schriftzug, Tassen gibt es auch. Vor dem Stand wartet nur Beate, kurze blonde Haare, etwa Mitte 40, größter Fan. „Es war so toll – ich bin nächste Woche wieder dabei“, sagt sie. „Wo spielen wir?“– „Du kannst mich immer anrufen, und ich sage dir, wo ihr spielt!“ Sie lacht. „Koblenz.“ In Frankfurt sind Remode erst nächstes Jahr zu Gast, am 22. April.

Eine Viertelstunde später ist das Starleben vorbei. Marcus will jetzt schnell ins Hotel – am nächsten Morgen fährt sein Fernbus zurück nach Berlin. Ins normale Leben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare