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Mode

Ich habe Ihnen einen Fummel mitgebracht

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Einen, den Sie gleich wieder entsorgen können: den BH.

Denn worauf es ankommt, liegt darunter. Die Brustwarze ist so was wie das Körperteilchen der Stunde. Das wurde zuletzt in Cannes sichtbar: Eigentlich haben prominente Damen ihre Brustwarzen auf dem roten Teppich ja ohnehin immer dabei.

Neu aber ist der Nachdruck, mit dem selbige eben nicht hinter dichten Taft-Roben und langen Seidenkleidern versteckt über die signalfarbene Auslegeware getragen werden. Sie haben sich von ihrem Schattendasein in das gleißende Scheinwerferlicht der Palmen gesäumten Filmfestspiele freigekämpft, die Nippel der Stars und Sternchen: Bei Kendall Jenner lugten sie zwischen glitzerndem Netzmaterial hervor, bei Darja Strokous wölbten sie sich anmutig unter transparentem Stoff, bei Constance Jablonski und Lady Victoria Hervey schimmerten sie durch nudefarbene Kleider hindurch. Diese Beispiele verbindet aber nicht bloß die Zeigelust – sie alle verdienen sich ihre glutenfreien Brötchen als Models. Angekommen ist der Trend also vor allem in der Modewelt.

Vielleicht ergatterte Amelia Diamond deswegen auf der Pariser Modewoche mit Fake-Nippeln kaum ein müdes Lächeln: „Niemand kommentierte, niemand ließ seine Augen herunter wandern, niemand scherte sich darum“, schreibt die Autorin, die eine Woche lang für den genialischen Blog „manrepeller.com“ Plastikprothesen Probe trug. Auf der Straße hingegen sei die deutliche Abzeichnung der künstlichen Warzen auf gesteigertes Interesse gestoßen.

Und genau das ist der Grund für den Trend: Die Unvereinbarkeit einer breiten Öffentlichkeit und der weiblichen Brustwarze hatte nicht zuletzt jener denkwürdige Vorfall verdeutlicht, der als „Nipplegate“ ins kulturelle Gedächtnis einging. Damals, 2004, als Justin Timberlake ganz aus Versehen und doch verdächtig medienwirksam Janet Jacksons gepiercte Brustwarze auf dem gemeinsamen Super-Bowl-Auftritt freilegte. In den USA reichte das für einen handfesten Skandal. Und 14 Jahre später scheint man nicht viel weiter: Seit Monaten wird debattiert über die Gepflogenheit sozialer Medien, Bilder mit deutlich sichtbaren Brustwarzen zu löschen. Das Ärgernis: Es sind bloß weibliche Nippel, die der Zensur zum Opfer fallen. Während es den Herren freisteht, ihre wahlweise rasierten oder von gekräuselten Härchen umrahmten Brustwarzen zur Schau zu stellen, gilt das für eine Frau als provokativ und schamlos.

Deswegen rufen immer mehr Frauen unter dem Hashtag „#FreeTheNipples“ zum Boykott auf. Und deswegen auch, hat sich die Firma „Just Nips for All“ formiert: Mit der Herstellung von Fake-Nippeln, jenen eben, die auch Amelia Diamond für ihren Testlauf verwendete, will man „einen Dialogbeitrag leisten mit dem Ziel einer Gemeinschaft an Frauen, die ihren Körper feiern.“ Feiern ist ja bekanntlich immer gut. Nur übertreiben sollte Frau es nicht: Mit dem Nippel-Aufspritzen trägt der Warzentrend längst auch chirurgische Früchte. Aua.

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