+
Aber bitte ohne Duschgel!

Mode

Ich habe Ihnen einen Fummel mitgebracht

  • schließen

Man kann’s ja kaum noch sehen – aber da müssen Sie jetzt durch: Heute hat unser Autor ein Blumenkränzchen dabei.

Kein Spaß-Accessoire wurde in den vergangenen drei bis fünf Jahren inflationärer eingesetzt. Auf Jungesellinnenabschieden, auf Gartenpartys, auf der Straße. Und vor allem: auf Festivals. Das Rund aus Plastikblumen aber ist nicht der einzige Fummel, der seine Prominenz dem mehrtägigen Musikevent zu verdanken hat. Flatterrock und Fransenweste, Gürteltasche und Gummistiefel, Rucksack und Regencape: Global hat sich die feiernde Meute auf einen festivaltauglichen Look geeinigt.

Das wissen auch die Konzerne. Von einem „Segen für den Einzelhandel“ schreibt „Vogue“-Redakteurin Elizabeth Holmes. „Wie die Weihnachtssaison für andere Händler“ sei die Festivalzeit für den Onlineshop Revolve, zitiert Holmes Einkäuferin Lauren Yerkes. „Es ist der Super Bowl unserer Branche“, so Designerin Rebecca Minkoff. Deswegen hat sie ihrem Label eine kleine Festivallinie beigefügt. Taschenformen, die die Hände frei halten – für Getränke oder Joints. Bei der Entwicklung solcher Festivalfummel aber müssen sich Minkoff & Co. einschränken: Es ist nämlich ein trendresistenter Look, der in Glastonbury oder Coachella vorherrscht. Ein bisschen 90er-Rave, ein wenig 80s-Rock – und jede Menge Hippiekultur der ausgehenden 60er und frühen 70er. Fransen an den Westen und Blumen im Haar sollen Jahr für Jahr an Woodstock erinnern. Kate Moss hatte damit angefangen, als sie sich 2000 in abgelotterten Kleidchen und verdreckten Hunter-Stiefeln in Glastonbury blicken ließ, Pete Doherty als perfektes Accessoire am Ärmchen baumelnd. Aber abgesehen vom runtergerockten Heroin-Boyfriend: Auch die anderen Bestandteile dieses immer gleichen Stils lassen sich für die Hersteller gar nicht einfach in die neuen Themen der Saison einbinden. Und noch etwas erschwert es den internationalen Marken, die Festivalsaison wirtschaftlich voll auszuschöpfen: In einem globalen Kontext gibt es sie ja eigentlich gar nicht, die Festivalsaison. Riesige Musikevents finden eben überall auf der Welt zu recht unterschiedlichen Terminen im Jahr statt.

Sorgen muss man sich aber nicht um die Labels, sondern um die Festivals: Es soll ja mittlerweile Leute geben, die sich die Tickets nur noch kaufen, um ihre Minkoff-Täschchen auszuführen. Mit Dosenbier und Bratwurst vom Nachbargrill hat das so gar nichts mehr zu tun, die authentische Musikveranstaltung verkommt zum Blumenkränzchen-Schaulaufen. Onlineshops bieten gar Festivalkits an, die wasserfesten Mascara und – Schockschwerenot - Duschgels enthalten. Duschen auf dem Festival – eine Schande ist’s.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare