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"Dann ergibt all die Nostalgie auch Sinn."

Mode

Ich habe Ihnen einen Fummel mitgebracht

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Neue Saison, neues Glück? Geht so.

Das Frühjahr 2019 wird vor allem an viele vergangene Frühjahre erinnern. Das haben all die Schauen in den großen Städten der Mode gezeigt, die Mitte der Woche zu Ende gegangen sind. Bei Burberry erinnerte Riccardo Tisci an die Hochzeiten der Schneiderkunst in der Londoner Savile Row. In New York führte Tom Ford zurück in das Berlin der 20er und Raf Simons bei Calvin Klein zum individuellen Erlebnis des High-School-Abschlusses. Domenico Dolce und Stefano Gabbana wiederum setzten sich in Mailand einmal mehr mit der eigenen DNA auseinander, mit Herkunft und Wurzeln, während Miuccia Prada Reminiszenzen an die ausgehenden 60er präsentierte. Und in seinem heiß ersehnten Debüt für Celine bewies Hedi Slimane in Paris, dass er vor allem eines kann: sich selbst zitieren, und zwar seine Kollektionen für Dior Homme um die Jahrtausendwende, seine Linien für Saint Laurent vor wenigen Jahren.

Der Blick zurück, immer wieder, immer weiter in die Vergangenheit: Es ist kein Trend der Mode allein, der sich über die hemmungslose Nostalgie manifestiert, sondern ein vielschichtiges Phänomen unserer Zeit. Dass Erinnerung und Melancholie auch und gerade durch das politische Klima der Gegenwart, durch Irritation und Unsicherheit immer tragender werden, war bereits oft zu lesen – auch in dieser Kolumne. Aber schon zum Ende des 20. Jahrhunderts hin war die Nostalgie vor allem eines geworden: eine Marketingstrategie – neuer Wein in alten Schläuchen, der sich außerordentlich gut verkaufen lässt. Eben weil Retrotrends nur das Beste wieder auflegen und das nicht Erinnerungswürdige, das Schlechte und Unästhetische einfach ausklammern.

Und es fühlt sich ganz so an, als habe die Nostalgie auch abseits der Laufstege ihren Höhepunkt erreicht: Mehr als 445 Millionen Fotos auf Instagram finden sich unter dem Hashtag #tbt, dem „Throwback Thursday“, der den fotografischen Rückblick am Donnerstag umschreibt. Die App Huji Cam, die Fotos mit einem unscharfen 90er-Filter versieht, wurde 16 Millionen Mal heruntergeladen. Auf Netflix laufen neu gedrehte Folgen von „Full House“ und „Gilmore Girls“. Und Kim Kardashian benutzt wieder ein Klapphandy. Alles alter Krempel? Schon. Aber auch der hat das Potenzial, die Zukunft zu verändern.

Unabdingbar ist doch das Wissen um die Vergangenheit für all jene, die eine gute, große Zukunft formen wollen. An Werten festhalten, aus Fehlern lernen, es diesmal wirklich besser machen. Das stimmt für Gesellschaft und Politik – und das stimmt genauso für die Mode. Nur reicht es nicht, alte Mantelformen und Kleiderschnitte immer wieder neu aufzulegen. Mode will weiterentwickelt und verändert werden. Nur dann ergibt all die Nostalgie auch Sinn. „Your future should be bigger than your past“, titelte unlängst der „New York Times“-Kolumnist Carl Richards – „deine Zukunft sollte größer sein als deine Vergangenheit.“ Einigen der neuen Kollektionen fehlt dieser Ansatz. Aber ist ja halb so schlimm. Die nächste Saison kommt bestimmt.

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