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"Auf Eleganz und Attitüde schielen."

Mode

Ich habe Ihnen einen Fummel mitgebracht

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Schon ironisch: Die erste Kollektion der New Yorker Fashion Week, die zugleich den Beginn des internationalen Schauen-Reigens markiert, wirft ausgerechnet einen Blick zurück.

Tom Fords Präsentation zitierte das Berlin der 20er Jahre. Nicht nur die eingespielte Melodie der Erfolgsserie „Babylon Berlin“ zeugte davon: Auch die Kleider selbst gaben dezente Hinweise auf das goldene Jahrzehnt, auf die deutsche Hauptstadt zu Zeiten der Weimarer Republik, auf Glanz und Gloria und Nacht und Nebel. Stilisierte Turbane, flatternde Röcke und Mäntel aus Marabufedern verweisen auf den glanzvollen Stil der jungen, „Flapper“ genanten Frauen. Und Glamour – das konnte Tom Ford ohnehin immer am besten. Deswegen also wirft er gleich noch einen Blick in die eigenen Archive.

Dem Ideal der 20er nimmt er mit fließenden Silhouetten das Knäbische, zitiert mit schmalen Bleistiftröcken und einem Fokus auf die Taille also auch seine eigene Glanzzeit, damals, in den 90ern, als er mit übersexualisierten Entwürfen nicht nur die Marke Gucci, sondern einen ganzen Zeitgeist revolutionierte. Ein doppelter Blick zurück also, der auf Eleganz und Attitüde schielt.

Woher die ganze Nostalgie? Je weniger eine Gesellschaft an ihre Zukunft glaubt, desto stärker wird ihr Interesse an der Vergangenheit, schrieb der Soziologe Zygmunt Bauman. Und wem könnte der Blick nach vorne schwerer fallen als einem Kreativen, einem Denker und Schöngeist wie Tom Ford, in einem Land, dem politisch alles Gedankenvolle und Schöne abhandengekommen ist? Es ist aber nicht nur der zweifelhafte Zustand des einstigen „land of the free“ – der gesamten freien Welt zumal –, die den US-Amerikaner zum Rückwärtsschritt getrieben hat. „Ich bin Designer geworden, weil ich Männern und Frauen ein Gefühl der Schönheit geben wollte“, liest sich seine Notiz zur Kollektion. „Das Gefühl, zu wissen, dass sie bestmöglich aussehen und ihr bestmögliches Selbst der Welt präsentieren.“

Er spüre, dass die Mode ihren Pfad verlassen, verloren habe, sich in Trends verliere, die mit dem eigentlichen Begehren nach Eleganz und Anmut nichts mehr gemein haben. Eine klare Botschaft an die Mode dieser Zeit: Während Designer wie Demna Gvasalia oder Gosha Rubchinskiy graue Zeiten mit grauen Designs besprechen, mit formloser Streetwear und groteskem Detail, glaubt Tom Ford an eine Konterrevolution. Alles auf Anfang, zurück zur Schönheit. Welcher Ansatz die kommenden Saisons nachhaltiger prägen, sie vielleicht überdauern wird, das ist längst noch nicht gesagt. Der glamouröse Startschuss aber ist gegeben. Tom Ford hat ihn für sich reklamiert.

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