"Wir brauchen keine goldenen Badewannen."
+
"Wir brauchen keine goldenen Badewannen."

Essay

Good Beuys

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
    schließen

Unser Autor erzählt, wie ein besetztes Haus in Frankfurt zum Kunstwerk wurde.

Das Schlimmste waren der notgeile Kater und die Leute von der Stadt. Aber sonst war es eine schöne Zeit. Ich war Mitte zwanzig, und ich habe Erfahrungen gesammelt, die ich bis heute nicht missen möchte. Es war eine Wohngemeinschaft der besonderen Art, und es war, ich habe es „amtlich“: Kunst.

Das Ganze dauerte nur zwei Jahre, 1980 bis 1982. Wir waren vielleicht dreißig Leute, verteilt über die vier Stockwerke des Hauses Niedenau 51, Frankfurt am Main, Stadtteil Westend, plus Dachgeschoss. Sicher, da war der Kater, und ja, er hatte die Angewohnheit, seinen Bedürfnissen durch Markierungen Ausdruck zu verleihen, die auch für menschliche Nasen deutlich wahrzunehmen waren. Da war der Typ, der morgens immer eine Scheibe Brot mit kleingeschnittenen Knoblauchzehen aß, deren Reste sich in den Ritzen des großen Küchentischs verewigten.

Da waren die Bäder mit den Gebrauchsspuren und niemand, der unter einem übertriebenen Putzfimmel litt. Da waren die Heizungsprobleme, die uns zwangen, die Küche mit dem Backofen zu wärmen. Da war auch der unbekannte Typ, der eines Morgens um fünf durch eine kaputte Tür hereinspazierte, um zwei Waschbecken in Stücke zu schlagen. So wie das öfter geschah in den Häusern, die für neue Banken- und Bürogebäude abgerissen werden sollten.

Da war die Stadtverwaltung, die uns auf Dauer nicht dulden wollte. Da war jede Menge Streit beim Hausplenum, zu dem wir uns jede Woche einmal trafen. Da war dieser Möchtegern-Terrorist, der mich unbedingt überreden wollte, den Bau der U-Bahn Richtung Uni durch einen Anschlag zu sabotieren, und der auf meine Weigerung nur mit diesem furchtbaren, totalitären Satz antwortete: „Entweder Du bist Teil des Problems, oder Du bist Teil der Lösung.“

Aber da war auch das Café, das wir im Souterrain des Hauses, von der Straße zugänglich, eingerichtet hatten. Da war der „grinsende Chinese“, den wir uns einmal pro Woche genehmigten: Pfefferkuchen nach schwedischem Rezept, angereichert durch einen Hauch von Haschisch. Da war das Schaf, das zwei von uns irgendwo im Taunus von der Weide klauten und das wir neben dem Haus im Garten grillten, direkt hinter dem Transparent „Hier könnte ein 23-stöckiges Bürohochhaus stehen“.

Bei aller Bescheidenheit: Schon bis hierher dürfte klar sein, dass es sich bei dem Haus und seinen Bewohnern damals um ein Kunstwerk handelte. Da hatte Joseph Beuys schon recht, und schön, dass er es uns schriftlich gegeben hat.

Ich glaube allerdings nicht, dass der große Beuys das auch getan hätte, wenn wir einfach Mieter gewesen wären. Aber das waren wir nicht. Wir waren zwar auch keine richtigen Hausbesetzer, aber als Teil des Kampfes gegen Wohnraumvernichtung und Bodenspekulation verstanden wir uns sehr wohl. Das verband uns alle, die Studenten und die Suchenden, ob mit oder ohne Job, die Künstler und die Lebenskünstler und vielleicht sogar die Junkies unter dem Dach. Und wenn nicht: Das Dach hatten sie immerhin über dem Kopf.

Da waren die Feste und die Demos, zu denen wir zusammen gingen, die Plakate, die wir malten. Da waren unvergessliche Erlebnisse wie unsere Begegnung mit Joseph Beuys. Da waren auch die Briefwechsel und Verhandlungen mit der Stadt, die wir dazu bewegen wollten, unser Wohnprojekt zu legalisieren und uns eine Renovierung in Eigenregie zu ermöglichen. Damit sind wir am Ende gescheitert, aber wir hatten viel gelernt über die Möglichkeiten und Grenzen gewaltfreier politischer Aktion.

Als wir einzogen, 1980, war das Haus längst zum Symbol des Frankfurter Häuserkampfes geworden. Schon 1971 hatten es unsere Vorgänger besetzt: „echte“ 68er, um die zehn Jahre älter als wir, Spontis aus der Szene rund um Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer. Sie hatten schon sehr viel erreicht. Vor allem: Das Haus sollte erhalten bleiben, das war bereits klar, als die Älteren auszogen und es uns überließen. Aber noch ging es um die Frage, ob am Ende eine Luxussanierung stehen würde oder bezahlbarer Wohnraum, ob Vermietung oder Verkauf und zu welchem Preis an wen. Und noch war das 23-geschossige Bürogebäude nebenan nicht verhindert.

Das Frankfurter Westend, ein Stadtteil mit teils wunderschönen Wohnhäusern aus der Zeit um 1900, war seit Anfang der Siebziger zum zentralen Ort des Kampfes um den städtischen Raum geworden. Die Innenstadt, nach dem Krieg im weitgehend gesichtslosen Stil der 50er- und 60er-Jahre neu aufgebaut, war für den Bürobedarf der wachsenden Finanzindustrie zu klein geworden. Die von der SPD gestellte Stadtregierung, auch damals eher geschmeidig gegenüber den Interessen der Investoren, hatte das Westend zum „City-Erweiterungsgebiet“ erklärt. Die Menschen sollten weiter draußen wohnen, in Satellitenvierteln wie der gerade eröffneten Nordweststadt.

Das Westend, nach dem Zweiten Weltkrieg eher kleinbürgerlich bis proletarisch strukturiert, wurde zum Schauplatz massiver Immobilienspekulation. Auch die historisch wertvollsten Bauten, zu denen die 1876 im Stil der Neurenaissance erbaute Niedenau 51 gehört, waren zum Abriss freigegeben, und eine relativ kleine Gruppe von Spekulanten begann, die Bewohner mit allen Mitteln zu vertreiben, bis hin zur mutwilligen Zerstörung von Gas- oder Wasserleitungen.

Das rief, in der Folge der 68er-Bewegung, nicht nur linke Häuserkämpfer auf den Plan. Deren Widerstand verband sich mit dem Protest der Alteingesessenen, die die Bürgerinitiative „Aktionsgemeinschaft Westend“ gründeten, aber auch mit den Organisationen der Gastarbeiter, die in den oft heruntergekommenen Wohnungen lebten.

Das Haus in der Niedenau gehörte zu einem ganzen Block, der zugunsten von Bürobauten abgerissen werden sollte – und zu großen Teilen tatsächlich abgerissen wurde. Auch der ehemalige „Livingston’sche Pferdestall“ an der parallel verlaufenden Ulmenstraße, ebenfalls ein Schmuckstück der Neurenaissance aus der Zeit um 1880, war Teil dieses Areals. Das Gebäude, einst tatsächlich als Stall und Unterstand für Kutschen genutzt, konnte am Ende ebenso wie die Niedenau 51 gerettet werden.

Unter dem Druck des breiten Protests einigte sich die Politik mit den Eigentümern des Areals zwischen Niedenau und Ulmenstraße auf einen Vergleich: Der „Pferdestall“ ging an die Stadt und wurde zum Bürgertreff. „Unser“ Haus, inzwischen unter Denkmalschutz, sollte in Eigentumswohnungen für 5000 Mark pro Quadratmeter umgewandelt werden – für damalige Verhältnisse ein astronomischer Preis. Und noch drohte das 23-stöckige Bürohaus in „unserem“ Garten, bis die Stadt im Dezember 1980 das ganze Areal kaufte und den Hochhausplan aufgab. Sie bezahlte 19 Millionen Mark an die Spekulanten, die das Grundstück ein Jahrzehnt vorher für acht Millionen gekauft haben sollen – ein „politischer Preis“, um die eigene verfehlte Politik wenigstens teilweise zu korrigieren. Ein großer Teil der Häuser, darunter Niedenau 47 und 49, waren längst der Abrisswut zum Opfer gefallen.

Es gab aber noch genug zu kämpfen, als Joseph Beuys im März 1981 nach Frankfurt kam. Wir hatten im Sommer 1980 eine Art Nutzungsverträge mit den Eigentümern geschlossen, um einer sofortigen Räumung zu entgehen. Die aber sollten am 31. März 1981 enden. Ich habe noch den Brief, den wir im Februar 1981 an die nun Verantwortlichen in der Stadt und an die hessische Landesregierung geschrieben haben: „Wir wollen am Beispiel dieses Hauses beweisen, dass man Wohnraum, für den ein wirklicher Bedarf besteht, auch billig erhalten kann. (…) Wir brauchen keine goldenen Badewannen, keine Aufzüge, keine futuristischen Weltraumküchen, keine versenkbaren Schlafzimmer. Wir brauchen dichte Fenster und wetterfeste Fassaden, ein dichtes Dach und funktionsfähige Installationen.“ Wir boten an, die Arbeiten zum großen Teil in Eigenleistung zu erbringen, die wir auf die künftige Miete anrechnen wollten. Den Zuschuss, den wir von der Stadt brauchen würden, schätzten wir auf eine Million Mark (die Luxussanierung, die am Ende stattfand, kostete laut Zeitungsberichten 1,8 Millionen).

Mitten in die Verhandlungen, zu denen eine von unserem Hausplenum entsandte Delegation mehrmals ins Rathaus pilgerte, mitten in unsere Briefe und Presseerklärungen und Spontan-Aktionen gegen Mietwucher und „Wohnknäste“ platzte die Veranstaltung mit Joseph Beuys. Ich weiß nicht mehr, was der Anlass war. Ich bin auch nicht mehr sicher, ob das Ganze im „Pferdestall“ stattfand oder in unserem Café. Aber das Wichtigste sehe ich noch ganz genau vor mir: Wir, ein Grüppchen von Niedenau-Bewohnern, stehen um Deutschlands berühmtesten lebenden Künstler herum und bitten ihn, uns und unser Haus zum Kunstwerk zu machen. Beuys hatte schließlich das Konzept der „Sozialen Plastik“ entwickelt, das alle, die an der (Um-)Formung der Gesellschaft arbeiten, zu potenziellen Künstlern erklärte. Lag es da nicht nahe, auch unser „Werk“, das Wohnprojekt Niedenau 51, zur Kunst zu erklären?

Ja, das tat es. Joseph Beuys ließ sich nicht groß bitten. Er hatte zunächst ein bisschen abwesend gewirkt, nicht abweisend, aber vielleicht erschöpft. Einer von uns musste einen Zettel holen. Ein zweiter hielt seinen Rücken hin, als Schreibunterlage. Ein dritter gab Hinweise, wie der Text lauten sollte. Das Abwesende verschwand, der Mann mit dem Hut, nun hellwach, ließ sich unsere Lage genau erklären. Dann krakelte er: „Dieses Haus Niedenau 51 mit allen seinen Bewohnern habe ich heute 12.3.1981 zum Kunstwerk gemacht. Joseph Beuys.“ Wer es nicht glaubt: Der Zettel liegt bei mir im Schrank, lichtgeschützt.

Was sollte uns jetzt noch passieren? Nun ja: Das Haus steht bis heute, immerhin. An die Stelle der schon zerstörten Nachbargebäude sind neue Wohnblocks getreten, kein Bürohochhaus. Aber aus dem, was wir wollten, ist nichts geworden. Im Mai 1981 beantragten die Grünen und die SPD – die sich, inzwischen Opposition, eines Besseren besonnen hatte –, unserem Begehren nach Dauerwohnrecht und Zuschüssen für die Renovierung stattzugeben. Die nun regierende CDU lehnte mit ihrer Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung ab.

Immerhin: Die meisten von uns bekamen von der Stadt Ersatzwohnungen zur Miete gestellt. Aber die lagen weit auseinander, und mit dem Auszug der letzten Bewohner im April 1982 war das Wohnprojekt Niedenau 51 beendet.

Ich war dieser Tage mal wieder mit Freunden im Westend. Wir haben unten im „Pferdestall“ gegessen. Das Restaurant „Herr Franz“ bietet hier leckeres Essen zu angemessenen Preisen, wie wir heute sagen würden. „Herr Franz“ ist Franz Zlunka, ein Österreicher, der seit Jahrzehnten in Frankfurt lebt und an wechselnden Orten die Sponti-, Kultur- und Kreativszene bekocht. In einem der oberen Geschosse gibt es immer noch einen Raum, den die Stadt den Bürgern zur Verfügung stellt. Hier tagt bis heute die „Aktionsgemeinschaft Westend“. Ganz oben residiert der Frankfurter Presseclub.

Und die Niedenau? Rund um „unser“ Haus finden sich unter anderem der Firmensitz der Degussa-Goldhandelsgesellschaft und eine „AG für Industriebeteiligungen“, beide in aufwendig restaurierten, typischen Westend-Villen. Unten im Haus 51, wo wir donnerstags den „grinsenden Chinesen“ genossen, residiert die Filiale eines internationalen Nachhilfe-Konzerns. Motto: „Jedes Kind kann über sich hinauswachsen.“

Die Familien, die hier wohnen, werden sich die Hilfe beim Päppeln der Kleinen wohl leisten können. In diesem Sommer stand eine der Wohnungen zur Neuvermietung an. Die 235 Quadratmeter waren für 3764 Euro im Monat zu haben. Ganz normal für die Gegend, heißt es. Gut, dass Joseph Beuys das nicht weiß.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare