"Endlich mal was ganz anderes machen."
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"Endlich mal was ganz anderes machen."

Glücklich in der Komfortzone

  • Anne Lemhöfer
    vonAnne Lemhöfer
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Alle schimpfen auf die Macht der Gewohnheit – warum eigentlich?

Es gibt diese Wörter, die plötzlich da sind. „Narrativ“ ist so ein Wort. Die „Komfortzone“ ein anderes. 982.000 Treffer bei Google für einen Begriff, der noch keine zehn Jahre die Runde macht, das ist beachtlich. Schlecht und böse ist sie, die Komfortzone, so wie eine Yogastunde mit den richtig schweren Übungen gut ist. Die Komfortzone ist da, wo es gemütlich ist. An dieser Stelle könnte der Text eigentlich enden. Wer dort angekommen ist, wo es gemütlich ist, könnte dort bleiben, und alles wäre prima. Fängt doch traditionell jedes Elend der Welt damit an, dass jemand aus dem Haus geht und „mal was ganz anderes machen“ oder seine „Grenzen verschieben“ möchte (vegane Blutwurst, Finanzkrise, Weltkrieg).

Aber wer das Wort „Komfortzone“ schreibt, der schreibt auch das Wort „raus“, zum Beispiel: „Raus aus der Komfortzone! Ändern Sie Ihr Leben! Jetzt!“ (www.mehr-fuehren.de), „Raus aus der Komfortzone, rein in den Erfolg“ (Programm für Ihre persönliche Unabhängigkeit, Sabine Asgodom und Heinz Pfister) oder „Raus aus der Komfortzone, aber flott!“ (www.selbst-management.biz). Befinden wir uns also innerhalb der Komfortzone, haben wir keine Chance darauf, etwas Großartiges oder gar Magisches zu erleben. Niemals. Solange man da drin ist, ist alles öde, nichtmagisch und sterbenslangweilig. Wer nie aus einem Flugzeug sprang, ist kein vollwertiger Mensch.

Dabei ist die Komfortzone der Giftzwerg unter den Modewörtern, ihre Verächtlichmachung ein zutiefst neoliberales Konzept, das der Funktionsweise des menschlichen Gehirns zuwiderläuft, genauer gesagt, der Tätigkeit des limbischen Systems. Die oberste Aufgabe des limbischen Systems ist von Natur aus, für unser Überleben zu sorgen.

Das limbische System versucht uns also vor potenziellen Gefahren zu beschützen – alles mit einem Ziel: Wir sollen nicht umkommen. Uns neuen Situationen auszusetzen, bedeutet eine Veränderung. Und mit jeder Veränderung verbindet das limbische System in erster Linie Gefahr – klar, denn es weiß ja nicht, was auf uns zukommt.

Wollen wir uns in eine neue Situation begeben, so läutet unser limbisches Hirnareal die Alarmglocken: Achtung, Achtung! Aus gutem Grund. Ist es doch die Macht der Gewohnheit, die wie die Komfortzone gar keine Lobby hat, die ein gutes Leben erst ermöglicht. Was ist schon eine kleine Macke, was ist ein bisschen Sportmuffeligkeit, was sind fünf Kilo zu viel gegen die Energie, die es kostet, zur reinen Selbstoptimierung ein funktionierendes System zu verändern? Energie, die wir in Empathie, Freundschaften und politischen Protest für ein gemütliches Leben für alle stecken könnten.

Vielleicht müssen wir wieder lernen, den Alltagstrott zu schätzen. Die meisten Menschen auf der Welt würden viel darum geben, jeden Morgen in einer warmen Wohnung vom selben Teller Blaubeermüsli zu essen, lebenslang einen Beruf zu haben, den sie gelernt haben und gut können, und samstags mit drei guten Freunden aus Studientagen Bier trinken zu gehen. Ohne eine Yogaschule in Goa zu eröffnen und einen Marathon zu laufen.

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