Kolumne

Ich wär so gerne ... Zeitreisender

Unser Autor träumt von der Vergangenheit – besonders von der musikalischen.

Von Nils Wülker

Ich lebe gerne im Hier und Jetzt, sehe vielerorts Chancen und Möglichkeiten. Nostalgie und wehmütige „Früher war alles besser“-Verklärung sind mir suspekt. Und trotzdem wäre ich gerne als Zeitreisender auf Stippvisite in der Vergangenheit unterwegs. Ohne mein heutiges Wissen, denn ich möchte erleben, wie sich Musik in ihrer jeweiligen Zeit angehört und angefühlt hat, will mir heute Bekanntes unvoreingenommen als neu erleben können. Würden meine Ohren im Jahr 1913 Igor Strawinskys „Sacre du Printemps“ auch schon genießen oder als den Skandal empfinden, der damals zu Tumulten bei der Premiere in Paris führte? Im New York der 1940er Jahre würde ich mir in den Jazz Clubs der 52nd Street die Nächte um die Ohren hauen, Charlie Parker und Dizzy Gillespie brächten den Club zum Kochen und würden mich und alle anderen schwindelig spielen: Meine Big Band Jazz gewohnten Ohren kämen kaum hinterher bei all den schnellen Tonsalven, aber ich würde mich von der unerhörten Energie des Moments anstecken lassen. Bebop wäre für mich keine wichtige Jazzepoche, sondern das Lebensgefühl des Augenblicks. Ungefiltert von der Geschichte.

Mein erster Berührungspunkt mit Jazz und ein wirkliches Erweckungserlebnis war Miles Davis: Ich war 16 Jahre alt, bekam sein Album „Kind of Blue“ vorgespielt und hatte das Gefühl, jemand öffnete mir in dem Moment die Tür zu einer anderen Welt. Als Zeitreisender aber würde ich „Kind of Blue“ 1959 ohne die Gewissheit hören, ein Meisterwerk von einem für Jahrzehnte stilprägenden Musiker vor mir zu haben. Der Sound des Albums wäre modern, die Harmonien ganz ungewohnt — in dem Fall kann ich mir trotzdem nicht vorstellen, dass die Musik mich weniger direkt berühren würde, als sie es später tatsächlich getan hat. Fünf Jahre später säße ich in Miles Davis’ legendärem Konzert, was später als „My Funny Valentine“ veröffentlicht wurde. Die Band köchelt auf kleiner Flamme, hält sich zurück. Als sich die musikalische Spannung endlich in einen Swing entlädt, wäre ich vielleicht der Konzertgänger, der sich mit einem laut gebrüllten „Yeah!“ auf der Aufnahme verewigt hat — ich kann ihn beim Hören des Albums gut verstehen.

Ende der 60er würde ich mich von Jimi Hendrix Experience überrollen lassen. Einige Jahre später zum ersten Mal elektronische Sounds hören und wild an den Knöpfen von Synthesizern drehen. An Instrumenten, die im besten Sinne noch geschichtslos sind, für die es keinerlei Referenzen gibt, sondern nur musikalisches Neuland. Ich würde erleben, wie ein Synth Bass zum ersten Mal meinen Körper durchdringt. Ich wäre bei den Block Parties in der Bronx dabei, als kreativen Köpfen zwei Schallplattenspieler, ein Haufen Funk- und Jazz-Platten und ein Mikrofon genügten, um mit Hip-Hop einen neuen, rauen Sound zu kreieren und eine kulturelle Revolution loszutreten.

Als Zeitreisender würde mich aber nicht nur um Musik kümmern, ich würde auch in die Alpen reisen, zu Zeitpunkten, als dort noch viele Wände und Grate unbestiegen und die Gletscher noch unbeeinflusst von der aktuellen Klimaerwärmung waren. Unter Routen, die ich bereits geklettert bin, stünde ich dann nicht mit gedruckter Tourenbeschreibung, geprüfter Ausrüstung, Funktionskleidung und präzisem Wetterbericht, sondern mit den Augen und der Ungewissheit der Erstbegeher. Zum Beispiel 1920 unter der gewaltigen Südwand des Mont Blanc oder 1956 unter dem steilen Granitobelisken Grand Capucin: Wie könnte die Route verlaufen? Ist sie überhaupt machbar? Gibt es Rückzugsmöglichkeiten im Fall des Falles? Würde ich mich angesichts all der Unsicherheiten überhaupt entscheiden einzusteigen? Mit einem um die Brust gebundenen Hanfseil? Wahrscheinlich nicht, die eine oder andere Tour ist mir schon heute Abenteuer genug. Ich müsste wohl noch einige Jahre weiter zurückreisen, um mir leichtere unbestiegene Routen zu suchen.

Zeitreisen in die Zukunft? Die interessieren mich dagegen nicht, denn die Zukunft lass ich gerne auf mich zukommen. Ich möchte immer wieder Dinge zum ersten Mal machen und Unvorhergesehenes erleben. Und das lässt sich ja auch im Hier und Jetzt gut realisieren.

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