+
Melanie Raabe wurde 1981 in Jena geboren. Nach dem Studium arbeitete sie tagsüber als Journalistin und schrieb nachts heimlich Romane. Ihre Thriller wurden zu Bestsellern und in mehr als 20 Länder verkauft. 2015 veröffentlichte sie "Die Falle", 2016 folgte "Die Wahrheit", zuletzt erschien "Der Schatten" (btb). www.melanieraabe.de

Kolumne

Ich wär so gerne ... New Yorkerin

Die Stadt, die die kühnsten Träume übertrifft. Hier her zu gehören, wäre die Krönung.

Wer vom Dorf kommt, will in die große Stadt, und wer aus der Großstadt kommt, glorifiziert das Land. Zumindest ist das häufig so. Bei mir auch. Ich habe die ersten Jahre meines Lebens in einem 400-Seelen-Dorf in Thüringen verbracht und von New York geträumt, seit ich denken kann. Dennoch habe ich gut 30 Jahre gebraucht, um endlich mal hinzufliegen. Vielleicht hatte ich Angst, dass die Realität nicht mit meinen Erwartungen würde mithalten können.

Nun, New York City und seine Menschen übertrafen all meine kühnsten Träume bei weitem. Zwar war ich bisher immer noch zu sehr Europäerin, um mehr als ein paar Monate in Manhattan zu verbringen. Trotzdem würde ich auf die Frage, die mir ohnehin alle Nase lang gestellt wird – „Wo kommst du eigentlich her?“ – furchtbar gerne „Aus New York!“ antworten. Ich wär so gerne eine echte New Yorkerin.

Gebürtige New Yorker trifft man im Big Apple in etwa so oft wie waschechte Berliner am Prenzlauer Berg. Sie sind selten und besonders. Einhörner. Lady Gaga stammt aus New York, und wenn man das weiß, versteht man auch, warum sie sich traut, ganz entspannt in völlig außerweltlichen Kostümen durch die Gegend zu laufen. In Manhattan muss man schon einiges tun, um aufzufallen. Auch Jay-Z wurde in der Stadt, die niemals schläft, geboren. Er war erst Drogendealer und dann Musiker. Inzwischen ist er eine Art Rap-Mogul und längst auf dem Weg zum Self-Made-Milliardär. Solche Geschichten gehören nach NYC.

Der Prototyp des gebürtigen New Yorkers ist für mich jedoch Robert de Niro. Cool, ein wenig raubeinig, charmant, auf eine zerknitterte Art sexy, tief liberal und ausgesprochen outspoken. (Unvergessen sein emphatisches „Fuck Trump“ während einer Rede bei den Tony Awards 2018 in – natürlich – New York City.) Wäre ich eine waschechte New Yorkerin, dann wäre ich offen und eigen und gesprächig und lässig. Ich wüsste, wie mein UPS-Bote mit Vornamen heißt, ich wäre Fan der Yankees oder der Knicks, und ich wäre es gewohnt, dass in den Restaurants, in denen ich Pizza essen gehe, gerahmte Bilder prominenter Gäste hängen. Ich wäre ausgesprochen tough. Catcalls und andere Dummheiten würde ich so hart ignorieren, dass aufdringliche Männer damit beginnen würden, ihre eigene Existenz anzuzweifeln.

Ich würde nie wieder an einer roten Fußgängerampel warten und selbst vor herannahenden Fahrzeugen des NYPD noch bei Rot über die Kreuzung sprinten, gerne auch mit meinem Kleinkind an der Hand. Und wenn es jemand wagen würde, mich dafür anzuhupen, würde ich mit einem wütenden „Fuck you!“ reagieren, das mir noch nicht einmal schräge Blicke einbringen würde.

Ich selbst würde niemals Auto fahren. Auch nicht Taxi, höchstens Uber – aber eher Subway. Wenn mir in der U-Bahn eine der berüchtigt fetten New Yorker Ratten auf den Schoß spränge, würde mich das kaum beeindrucken, und auch an die allgegenwärtigen Promis und Topmodels würde ich kaum einen zweiten Blick verschwenden, wenn sie mir auf der Straße begegneten.

Ich stünde ständig unter Strom und würde viel von quality time reden, aber tief innen drin doch immer noch glauben, dass Zeit Geld ist – und daher auch erwarten, dass ich nach dem Essen im Restaurant sofort und ungefragt die Rechnung bekomme. Ich würde arbeiten wie eine Wahnsinnige, um das Geld für meine horrende Miete ranzuschaffen, doch das wäre es wert. Das würde mir jedes Mal wieder deutlich vor Augen geführt, wenn ich an einem Sonntagvormittag durch die Stadt spazieren würde, die hunderte Städte vereint.

Das Überangebot an Gastronomie und Nachtleben, an Kunst und Kultur würde dafür sorgen, dass ich niemals zur Ruhe käme. Aber auch das wäre okay, denn die Energie der Stadt würde mich auf den Beinen halten; auch ein Murmeltier wie ich, das am liebsten acht oder neun Stunden pro Nacht schläft, käme in New York mit fünf oder sechs aus, davon bin ich jedenfalls überzeugt.

Ich würde mir immer mal wieder die Zeit nehmen, um Touristen den Weg zu erklären, und wenn sie mir dann sagen würden, dass sie leider morgen oder nächste Woche schon wieder heim fliegen müssten, zum Beispiel nach Europa, dann würde ich sagen: Be glad. Back to civilization. Vielleicht würde ich das sogar ein Stück weit so meinen, angesichts der Tatsache, dass ich in der Stadt lebte, von der aus der Wahnsinnige, der das Land regiert, seine Präsidentschaftskampagne startete. Aber ich wüsste, dass es keine Alternative für mich gäbe. Denn aus New York zieht man nicht weg. Einmal New Yorkerin, immer New Yorkerin.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare