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Kolumne

Ich wär so gerne ... unendlich

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Unsere Autorin träumt vom Anfangen und Schlussmachen.

Ich habe das Gefühl, ich bin unendlich und endlich gleichzeitig. Außen endlich, innen unendlich. Warum? Ich wäre allerdings lieber komplett unendlich. Warum? Kurz zu den Begriffen: Angenommen, ich bestehe aus den drei vielzitierten Komponenten Körper, Geist und Seele, dann meine ich mit „außen“ meinen Körper, also meine materielle Gestalt. Und unter „innen“ verstehe ich meine Vernunft, meinen Denkapparat sowie meine Seele, also im weitesten Sinne mein Gefühlszentrum. „Endlich“ ist etwas, das in Raum und Zeit begrenzt ist, „unendlich“ hingegen ist etwas ohne Ende und ohne Schluss.

Mein Körper ist endlich. Er fängt bei meinen Füßen an und hört bei meinen Ohren auf. Das ist ganz klar feststellbar. Er kann in Berlin oder in Middlebury leben, Dichterin oder Psychologin sein, mit jemandem sprechen oder mit jemandem schweigen. Alle Möglichkeiten sind endlich.

Meine Gedanken und Gefühle hingegen fühlen sich wie das Universum an. Ich befinde mich vielleicht auf einer Art Erde in einem Sonnensystem, also einem Ort, an dem ich mich auskenne, weiß aber, dass um mich herum sich alles ausdehnt, dass es keine auszumachende Grenze, kein klares Ende gibt.

Wenn ich also zum Beispiel in Berlin lebe, kann ich in Gedanken gleichzeitig in Middlebury sein. Mindestens. Ich kann nämlich in Gedanken auch heimlich noch meine zusätzlichen, imaginären Koffer packen und nach New York trampen, in Lissabon ein Haus kaufen, in Lyon in einem Hostel wohnen und in Waslala durch die Berge ziehen. Ich kann dort nicht nur Dichterin sein, sondern auch Psychologin, professionelle Turnerin, Politikprofessorin und Julia Kardashian. Ich kann in jedem Gespräch unendlich viel sagen. Und unendlich viel nicht sagen. Ich kann mir alles vorstellen. Und wenn ich möchte, noch alles mit einem Hut auf.

Davon ist die Hälfte (also unendlich viel) unterhaltsame Fantasie ohne erkennbare Relevanz für mein irdisches Leben. Denn es hat mit dem, was wir Wirklichkeit nennen, nicht viel zu tun, wenn ich mir vorstelle, ich bin ein Faultier mit einem Einhorn-Horn (mit Hut), das mit Hermann Hesse zusammen Quidditch spielt (... oder?!). Die andere Hälfte allerdings (also auch unendlich viel) ist jede erdenkliche Nuance meines irdischen Lebens, wenn ich mir vorstelle, dass ich in der Wohnung über mir wohne, Prosa schreibe und auf der Party letzten Donnerstag eine Stunde geblieben bin. Und die hat sehr viel mit meinem Leben zu tun. Dann stelle ich mir nämlich die Frage: Will ich vielleicht lieber in der Wohnung über mir wohnen?

Dann wird meine Fantasie nämlich das Potenzial für mein Leben, und mein Körper manifestiert das, was ich aus meinem Potenzial mache. Heißt das also, egal, wie viel Potenzial ich habe, ich kann es nur innerhalb von 24 Stunden pro Tag, an einem Ort und in einem Outfit entfalten? Bei einem Ouftit ist das leicht zu verkraften. Schwerer wird es bei Gesprächen, Beziehungen und meinem Glück.

Warum wäre ich also gerne unendlich? Wenn ich unendlich wäre, müsste ich nie mehr Entscheidungen treffen. Ich könnte mich rund um die Uhr mit Philosophie beschäftigen. Ich könnte in diesem Text noch über Sterblichkeit, grenzenlose Freiheit, wahres Glück und Millenials sprechen. Ich könnte einen Handstand lernen und sogar den Ironman machen. Ich könnte jedes Plastikteil aus dem Meer fischen und jedem Menschen persönlich sagen, dass er gut genug ist. Ich würde mich nie wieder fragen „Was wäre wenn?“. Wenn mir jemand sagt: „Du kannst doch alles sein, du hast doch so viele Möglichkeiten“, dann würde ich nicht infrage stellen, ob ich nicht aufgrund meiner Herkunft, meines Alters, meiner Physis und meiner begrenzten Zeit nur allerhöchstens „fast alles“ sein kann, sondern ich würde antworten: „Aber ich bin doch schon alles.“

Wenn ich unendlich wäre, wären alle anderen natürlich auch unendlich. Ich glaube, wir sind vor allem unsere Gedanken, von denen sich nur einige in Taten ausdrücken. Wenn wir unendlich wären, könnten wir unendlich viel tun. Dann würde vielleicht jeder sehen, wer wir wirklich sind.

Weil ich sehr happyendaffin bin, möchte ich zum Abschluss fragen: Warum ist es schön, endlich zu sein? Es ist schön, weil es mein Leben kostbar macht. Und jede Entscheidung. Weil es mich zu der Überzeugung bringt, wie Charlie Chaplin, zu glauben, „dass ich immer und bei jeder Gelegenheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht, richtig ist“. Weil es mich Gedanken noch mehr lieben lässt und Taten wertvoll macht. Weil es mir Halt gibt, zu wissen: Ich wohne nicht über mir, sondern genau hier, in Berlin, als Dichterin, die manchmal spricht und manchmal schweigt.

Und weil ich insgeheim denke: Wie endlich ich auch von außen wirken mag – in mir drin hat sich mein Universum während dieser und wegen dieser Zeilen schon wieder ein kleines bisschen ausgedehnt.

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