Kolumne

Ich wär so gerne ein Traum aus Indigo

Eine echte Jeans muss handgeschneidert und selbst gefärbt sein. Die Nachteile nimmt unser Autor gern in Kauf.

Von Shantel

Mein Karma-Koma-Jahr war 1968. Ich wurde im März, in die spätrevolutionären Studentenunruhen hinein geboren und habe die ersten Jahre erstmal ziemlich viel geschlafen. Mein Vater – der später einmal Werbegrafiker werden sollte – meinte immer, die eigentliche Revolution sei ja schon 1967 losgegangen, aber dieses Ereignis war einfach „zu schlecht promotet“.

1968 war für mich leider eine Katastrophe, denn ich konnte mich an nichts mehr erinnern. Umso spannender wurde es dann, als ich in den ersten anti-autoritären Kinderladen kam. Die Kinderläden waren für die bürgerliche Mehrheit im konservativen Deutschland der frühen 70er so etwas wie kommunistische Umerziehungslager.

Ich fand es einfach nur geil, denn wir konnten tun und lassen, was wir wollten. Unsere Bezugspersonen und Eltern im Kinderladen wurden von den Nachbarn und Passanten immer nur als Gammler bezeichnet, denn sie hatten neben den langen Haaren und den Rauschebärten eine weitere Gemeinsamkeit, sie trugen alle Jeans. Jeans mit Schlag, Jeans super eng, Jeans total zerrissen, Jeans abgeschnitten. Meine Mutter trug Jeans mit Schlag und als Hotpants. Die Jeans waren also der größte gemeinsame Nenner für alle, die damals irgendwie anders waren. Nur meine Großmutter, mit jüdisch-rumänischen Wurzeln, fand die Bluejeans, als rüstige alte Frau, extrem praktisch. Für sie war es einfach nur ihre Arbeitskleidung im Kibbuz. Oder wie die alten Raw Denims, die die europäischen Pioniere Ende des 19. Jahrhunderts in den USA trugen. Damit haben sie nach Gold geschürft, oder sich im Saloon mit Feuerwasser betrunken und geprügelt.

Heute sind die Jeanshosen der einschlägigen Modeketten nur noch chemischer Sondermüll. Es ist ganz furchtbar! Ich möchte meine eigene echte Jeans weben, färben und tragen. Die besten Raw Denims kommen heute aus Japan. Ein paar Freaks aus der Gegend um Okayama, bauen ihre eigene Baumwolle an oder importieren handgepflückte aus Simbabwe, daraus schneidern sie dann die besten Hosen. Die Japaner sind auch weltweit die Einzigen, die noch die alten Webstühle besitzen. Nach 112 Jahren wurde im vergangenen Jahr in den USA die legendäre Cone Mills Corporation – White Oak Plant geschlossen, hier haben schon Levi Strauss seine legendäre Levis 501, Wrangler und Lee die kultige Lee Rider 101 weben lassen. Im Amerika von Donald Trump wurde diese nationale Institution von einem Hedgefonds aufgekauft und dichtgemacht. Soviel zum Thema America first.

Fangen wir also nochmal ganz von vorne an. Vor vielen tausend Jahren waren die Inder die Ersten, die aus der alten Kulturpflanze den magischen blauen Farbstoff Indigofera Tinctoria extrahierten. Die alten Griechen benutzen schon das Wort Indikon, was soviel bedeutet wie „eine Substanz aus Indien“. Nachdem sogar die Ägypter ihre Mumien mit Indigogetränkten Bandagen einwickelten, war klar, diese mystische Substanz wird ganze Königreiche auf- und untergehen lassen. Eine echte Indigo Raw Demin färbt ab, sie ist rau und unbehandelt. Die Hände werden blau, die Nasenlöcher, die weißen Unterhosen auch, und auf ein helles Ledersofa sollte man sich nicht unbedingt setzten.

Nur die alten historischen Webstühle sind heute in der Lage, schönen slubby (fusselig), unregelmäßigen und vor allen Dingen schweren Denimstoff zu weben. 19 Unzen Gewicht müssen es schon sein.

Das Gütesiegel ist die rot-weiße Selvedged-Webkante an den Rändern, nur daran erkennt man das Qualitätsprodukt. Mit meiner ersten handgewebten Raw Demin habe ich mich für 20 Minuten ins heiße Badewasser gelegt, sie läuft um dramatische zehn bis 15 Prozent ein. Diese Jeans sind unsanforized – also chemisch unbehandelt.

Chemische Weichmacher sorgen heute in der Stoffindustrie dafür, dass eine Jeans nicht mehr einläuft und weich wird wie ein Gummibärchen. Eine echte Raw Denim ist dagegen bretthart und steif wie eine Dachlatte. Wenn sie nach dem ersten Soaking (Wasserbad) am Körper trocknet, kommt man fast nicht mehr aus der Hose heraus. Der naturbelassene, unsanforierte Denimstoff erstarrt und friert förmlich am Körper ein. Ich konnte meine erste Raw Denim nach der ersten Spülung in die Ecke stellen.

Mein Vater fand das sehr seltsam, er meinte, nur die Rocker in den 60er Jahren hätten diese dicken knüppelharten Denims mit Lederjacken getragen. Mein Vater war Mod und Beatnik, er fuhr auf einem Lambretta-Motorroller mit meiner Mutter hintendrauf gerne in die Milchbar und fand die Rocker natürlich scheiße. Ich fand aber die Rocker mit ihren Motorrädern und den dicken, schweren, dreckigen Blue Jeans viel cooler. So was möchte ich auch mal haben, habe ich dann immer gesagt.

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