Christoph Poschenrieder bekam schon für sein Debüt "Die Welt ist im Kopf" mit dem jungen Schopenhauer als Hauptfigur hymnische Rezensionen. Sein neuer Roman "Kind ohne Namen" erscheint am 27. September im Diogenes Verlag. Im Oktober ist er auf Lesetour, unter anderem in Wiesbaden und Eschborn. Termine unter www.diogenes.ch
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Christoph Poschenrieder bekam schon für sein Debüt "Die Welt ist im Kopf" mit dem jungen Schopenhauer als Hauptfigur hymnische Rezensionen. Sein neuer Roman "Kind ohne Namen" erscheint am 27. September im Diogenes Verlag. Im Oktober ist er auf Lesetour, unter anderem in Wiesbaden und Eschborn. Termine unter www.diogenes.ch

Kolumne

Ich wär so gerne ... ich selbst

  • vonChristoph Poschenrieder
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Unser Autor träumt von eigenen und anderen Identitäten.

Das hat ein wenig mit „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ zu tun - mal abgesehen davon, dass die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ wohl kaum „Ja“ sein kann. Dabei ist es für einen Autor eigentlich einfach, dieses „was wäre wenn“ durchzuspielen. Blick durch die Augen einer Figur und lass sie sprechen: „Nennt mich Ishmael“ ist der erste Satz in Herman Melvilles „Moby Dick“. Mit „Ich bin nicht Stiller“ beginnt Max Frischs „Stiller“, und in der „Kapuzinergruft“ behauptet Joseph Roth gleich zu Anfang: „Wir heißen Trotta.“

Das ist der erste Schritt zur Verwandlung in ein – oder besser – Anverwandlung eines fremden Ich. Es geht natürlich noch toller: „Wie konnte ich, Georg Letham, mich hinreißen lassen, einen Rechtsbruch der schwersten Art, einen Gattenmord zu begehen?“ (Ernst Weiß „Georg Letham. Arzt und Mörder“). Dazu gehört eine kleine Komplikation: Letham = Hamlet, der von „To be or not to be“.

Trotzdem will man sich, als Ich-Erzähler vor allem, nicht mit seinen Figuren verwechseln, heißt: gleichsetzen lassen. Das passiert; bei Lesungen werde ich erstaunlich oft in dieser Art angesprochen.

Ich bin gespannt, ob das auch mit meinem neuen Roman „Kind ohne Namen“ – der aus der Perspektive einer Frau geschrieben ist – der Fall sein wird. Ich sehe nicht wie eine Frau aus, schon gar nicht wie eine junge. Wird es nützen? Ich sehe auch nicht wie ein wilhelminischer Kriminalkommissar aus und bin kein schwuler Kunsthistoriker (Figuren in meinem Roman „Das Sandkorn“), kein jüdischer Leutnant an der Westfront („Der Spiegelkasten“) und (noch) kein weißer alter Mann („Mauersegler“). Und bin auch nicht Arthur Schopenhauer, der Philosoph aus „Die Welt ist im Kopf“. Aber irgendetwas von all diesen echten oder erfundenen Personen muss wohl in mir drin stecken, oder?

Zugegeben, ich hatte gewisse Bedenken, mit „Kind ohne Namen“, das in der Ich-Form erzählt ist, die Geschlechtergrenze zu überschreiten. Man könnte das vielleicht als Anmaßung verstehen, heute, wo viele gesellschaftliche Gruppen ihre spezifischen Eigenheiten so heftig verteidigen (und manche das sogar stellvertretend für andere tun). Wo ein, sagen wir, Münchner Vorstadt-Teenager mit Rasta-Locken sich den Vorwurf der „kulturellen Aneignung“ einhandeln kann, weil diese Haartracht den Bewohnern der Karibik vorbehalten ist. (Allerdings: Wenn ich sehe, wer hier in meiner Heimatstadt München alles in Dirndl und Lederhose aufs Oktoberfest geht ... wer wären denn die gerne?)

Wo möglich und sinnvoll, lasse ich meine Texte von Fachleuten prüfen; man will sich ja nicht bei irgendwelchen Dummheiten erwischen lassen. Das „Sandkorn“ zum Beispiel lasen ein Kunsthistoriker und ein schwuler Mann, das „Kind“ meine Frau und meine Lektorin – diese beiden ließen es aus fraulicher Sicht passieren. Aber der große Test steht erst bevor, schließlich sind Romanleser Leserinnen, ganz überwiegend. Und lauter Expertinnen. Nun ja: Berufsrisiko für Schriftsteller, die nicht über sich selbst schreiben, sondern über imaginierte Figuren. Ohne etwas Anmaßung geht es nicht. Und es wäre auch langweilig, finde ich.

Arthur Schopenhauer spricht in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ von zwei Charakteren, die jeder Mensch besitzt. Der eine macht das aus, was ich wirklich bin, ist aber für mich als Ganzes unsichtbar, und wird Schicht für Schicht freigelegt, indem ich lebe und mich ausprobiere, in allen möglichen erdachten und erlebten Situationen. Was ich so über mich erfahre, bildet den anderen Charakter. Schrittweise Selbsterkenntnis, mit anderen Worten.

Bin ich der Held, der einen Verunglückten aus dem brennenden Auto zieht, obwohl gleich der Benzintank hochgeht (oder passiert das nur in Filmen?). Weiß nicht: Bin noch nicht an einem brennenden Auto vorbeigekommen. Ich hoffe es mal ganz stark. Dass ich mich vor ein Publikum stelle und vorlese: Hätte ich nicht für möglich gehalten, bis ich es dann tun musste. Bundestrainer kann ja jeder, aber ich, ich wär so gern ich selbst. Das letzte große Abenteuer. Mal sehen, was noch kommt.

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