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Kolumne

Ich wär so gerne ... seefest

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Unsere Autorin liebt das Meer - leider nur vom Ufer aus.

Im Gespräch mit meinem äußerst liebenswerten Kollegen Waldemar geht es, wie so oft bei uns Schauspielern, um Dreharbeiten. Waldemar erzählt von seinem letzten Film, der auf einem Schiff gedreht wurde, und hält mir sein Handy quer vor die Nase. „Wir sind ums Kap Horn rum“, brummt er, „da ist die See besonders rau.“ Und das, was ich nun in einer Größe von 9,7 x 5,7 Zentimetern zu sehen bekomme, raubt mir mehr den Atem als die Zwillingsmädchen in „Shining“. Meterhohe Wellen, der Bug des Schiffs hebt sich um etliche Meter aus eisiger Gischt, um sofort wie ein Fahrstuhl zum Schafott nach unten zu jagen. Dann schlägt der Schiffsbauch mit einem dumpfen Stoß auf, und wieder geht’s nach oben. „Uiiiii“, sage ich und denke: Das hättest du nie überlebt.

Sofort hab’ ich die Fantasie vor Augen, wie ich auf allen Vieren unter Deck durch die Gänge des Seelenverkäufers krieche und mir wimmernd nichts anderes wünsche als festen Boden unter den Füßen. Weit und breit kein Ausweg und kein Festland in Sicht, schon gar nicht im Seegebiet um diese blöden Felsen mit ihrer hohen Sturmwahrscheinlichkeit. Ich bin nur froh, dass ich nicht an Bord war.

So geht es mir seit frühester Kindheit; auf den Planken, die übers Wasser tragen, wird mir schlicht nur schlecht. Ja, ich werde seekrank – und wie. All meine Reisen übers Wasser, sei es nun auf der Fähre von Hoek van Holland nach Harwich oder beim unbedacht zugesagten Ausflug mit örtlichen Fischern an der Adria, waren begleitet von gefüllten Kotztüten. Das ist nicht angenehm, weder für mich noch für meine Mitreisenden. Aber die Umkehr der Peristaltik ist nun mal kein willkürliches Unterfangen, es gibt Momente, da bahnt sich die Natur ihren Weg eben auch rückwärts. Kreidebleich sitze ich an Bord und jeder, der sich in meiner Nähe befindet, rückt vorsichtshalber von mir ab.

Nichtsdestotrotz, vielleicht aber auch gerade deshalb begleitet mich seit jeher eine nachgerade masochistische Faszination für Fernsehfilme, die auf dem Wasser spielen. Schon in den 70ern war ich eingefleischter Fan des französischen Meeresforschers Jacques Cousteau. Wenn der Mann mit der roten Mütze auf seiner „Calypso“ die Unterwasserwelt erforschte, war ich dabei. Natürlich waren die Rochen und Robben, wenn sie wie schwerelos unter Wasser dahinglitten, super. Aber das Beste war für mich der sanfte Gruseleffekt, den mir die Aufnahmen der „Calypso“ und ihrer Mannschaft auf offener See bescherten. Denn eines wusste ich genau: Diese sonnengegerbten, drahtigen Kerle verbrachten die ganze Zeit im Auf und Ab der Gezeiten.

Zugegeben, solch ein Spannungsmoment kann mit Norman Bates in „Psycho“ nicht mithalten, aber die ganze Sache war ja schließlich jugendfrei. Ich wusste, das geht bestimmt gut aus, und ich kann nachher ruhig schlafen, ohne dass mein Bett schwankt. Allmählich habe ich mich weiter vorgewagt und mir in homöopathischen Dosen Piratenfilme zugeführt wie „Der Seewolf“, „Moby Dick“ und „Die Schatzinsel“. Allesamt aus heutiger Sicht harmlose Fernsehunterhaltung, für mich aber ein schaurig schöner Blick in die Abgründe vestibulärer Wahrnehmung.

Die wahre Herausforderung kam auf mich und meinen Morbus Nauticus allerdings erst mit den Kinofilmen der Dogma-Bewegung um den dänischen Regisseur Lars von Trier zu. Alle mit Handkamera gedreht und zwar ausschließlich. Man stelle sich folgende Szene auf großer Leinwand vor: Ein Akteur spricht – wusch, Reißschwenk auf den Dialogpartner, dann Reißschwenk zurück zum Sprecher. Dieser greift zu einer Kaffeetasse – wusch, Reißschwenk nach unten. Er hebt die Tasse und trinkt – Reißschwenk nach oben, stellt die Tasse zurück – Reißschwenk wieder zum Tisch und so weiter. Auf der ganzen Leinwand kein einziger fixer Orientierungspunkt, die Bildränder sind in Bewegung, die Kamera atmet und lässt den Zuschauer in die Spielsituation hineintrudeln. Wehe dem, der jetzt seine Balance verliert. Das ist ja wie Waldemars Kap-Horn-Umrundung, nur auf einer Leinwand von mindestens 20 Quadratmetern Größe.

Hier werde ich physisch hautnah mit meinen Urängsten konfrontiert und kann darauf warten, was mein Magen dazu meint. Was ist dagegen schon die Angst vorm Parapockenvirus? Im tapferen Selbstversuch wage ich mich immer mal wieder in einen solchen Streifen, frage an der Kasse den erstaunten Kartenabreißer, ob es sich um einen Wackelfilm handelt, um vorher schnell noch eine Reisetablette zu nehmen. Ja, ich wäre wirklich gerne seefest – selbst im fest verankerten Kinosessel.

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