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Kolumne

Ich wär so gerne ... Kunstsammler

  • vonArne Rautenberg
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Gute Kunstwerke katapultieren unsere Autoren in Sphären höchster Inspiration.

Im Umgang mit Kunst habe ich inzwischen ein paar Sachen gelernt. Erstens: Für das Schaffen von Kunst braucht es eine innere Notwendigkeit, die der Künstler verspürt, eine Art aufreibendes Sendungsbewusstsein. Zweitens: Als Lehrender an einer Kunsthochschule wurde mir klar: Entweder man hat dieses Sendungsbewusstsein oder man hat es nicht. Man kann es nicht lernen.

Kunsthochschulen dienen lediglich zur Vernetzung und als ein geschützter Raum zum Experimentieren. Punkt. Künstler sein heißt, den „heiligen Ernst“ der Sache spüren. Und bereit sein, alles dafür zu geben. Vor allem ein komfortables, finanziell abgesichertes Leben. Drittens: Als Sammler von Kunst bin ich ebenfalls zu Einsichten gekommen, etwa: Die Arbeiten, die ich unbedingt haben wollte, weil sie schreiend, bunt, abgründig und abgefuckt waren (und mir somit eine Facette eröffneten, die mir in meiner Persönlichkeit zu kurz zu kommen scheint), sind schnell an meiner Wohnzimmerwand verblasst. Stillere Arbeiten, die sich zurückgenommen haben und auf den ersten Blick vielleicht etwas kühl und unzugänglich schienen, gewannen hingegen im Lauf der Jahre immer mehr an Kraft. 

Himmel, es lohnt sich unbedingt, mit Kunstwerken zu leben! Einfach, weil man jederzeit auf sie Zugriff hat und – je nach Lebensphase, Stimmung oder Lichtsituation – die Kunstwerke immer wieder neu zu betrachten lernt. Das geht nicht im Museum. Dort kann man einem Meisterwerk zwar ansichtig werden, doch nach ein paar Minuten verlässt man es wieder. Nicht so an der Wohnzimmerwand! Im Dämmerlicht einer Fernsehserie fällt der Blick unerwartet auf die fett mit Farbe vollgeballerte Leinwand eines Top-Künstlers – und es durchfährt einen jäh der Schauer des Glücks. 

Ich nenne das Guckarbeit. Wenn ich eine gewisse Zeit mit Kunstwerken gelebt habe, weiß ich genau, welches Kunstwerk zunehmend an Stärke gewinnt und welches nur Stärke vorgaukelt und schließlich zu schwächeln beginnt. Daraus hätte ich nur zu gern einen Beruf gemacht: Ach, wäre ich ein professioneller Kunstsammler und hätte die finanzielle Power, mir die Kunstwerke zu leisten, die vielleicht bisweilen auch mal in den Sphären der Unerschwinglichkeit ihre Aura entfesseln – ich würde meine Guckarbeit zum Sortieren nutzen: Die wirkmächtigsten Arbeiten würde ich in den Sammlungsbestand nehmen (um später ein exquisites Museum daraus zu machen), die nachlassenden Arbeiten würde ich im Verkaufsbestand lagern, abwarten und (mit Gewinn!) weiterverkaufen. Ein Traum!

Es tut mir in der Seele weh, dass ich mir in dem einen Leben, das ich nun mal nur habe, nicht die Kunstwerke leisten kann, die ich zu brauchen glaube. Wie gern würde ich an den eigenen Wänden Kunstduelle arrangieren: Ein altes Samuraischwert versus Multiple „Samuraischwert“ von Joseph Beuys, Josef Albers versus Günter Fruhtrunk. Jonathan Meese versus August Walla. Neo Rauch versus Corinne Wasmuht. Tomma Abts versus Sophie Täuber-Arp. Doch leider macht dichten arm. Und ich bin Dichter geworden. Das heißt, ich kann mir lediglich Kunstwerke ergaunern, in dem ich über Künstler schreibe, deren Arbeiten ich schätze, und mich mit Originalarbeiten bezahlen lassen. 

Doch ich nutze jetzt diesen Artikel einfach mal zu einem Aufruf: Denn wenn ich etwas kann, dann ist es dies: Eine mit nichts zu vergleichende Euphorie für Kunstwerke aufbringen. Denn gute Kunstwerke katapultieren mich in Sphären höchster Inspiration. Ich bin ein Kunstjunkie, las ab dem Alter von 14 Jahren eine Dekade lang ausschließlich Kunstbücher, habe Kunstgeschichte studiert, mich auf Gegenwartskunst spezialisiert. Warum? Weil ich in der Kunst Kraft suche. Angenommen, ich fühle mich auf einer Skala von 0 (ganz mies) bis 100 (völlig euphorisch) an einem normalen Montag, sagen wir, 64, dann kann es sein, dass ich durch unser Wohnzimmer schlendere, auf ein wunderbares Kunstwerk blicke und mich plötzlich 94 fühle. Kunst gibt Kraft.

Kunst macht stark. Und wenn für Kunstwerke Millionen bezahlt werden, weil darin eine absurde Wertschätzung für ein exklusives, auratisches Kunstwerk zum Ausdruck kommt, so liebe ich das natürlich! Mir fällt wenig ein, was mehr wert sein könnte als ein herausragendes Kunstwerk!
Was ich sagen möchte, ist: Wer sich auf diesem Weg vom dem einen oder anderen Kunstwerk trennen will – und sich zu einer Schenkung an meine Person durchringen kann, der oder die möge sich bitte bei der Redaktion melden und mit mir Kontakt aufnehmen. Ein freies Abo meiner Gedichtbände ist Ihnen auf Lebzeiten sicher!

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