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Der Cellist Jan Vogler widmet sich derzeit mit dem Schauspieler Bill Murray ihrem musikalisch-literarischen Projekt ?New Worlds?. Seit 2008 leitet Vogler die Dresdner Musikfestspiele und ist zudem Künstlerischer Leiter des Moritzburg-Festivals, das vom 11. bis 26. August dauert.

Kolumne

Ich wär so gerne in den Goldenen Zwanzigern

Die Blütezeit des Expressionismus und ein rauschhaftes Partyleben. Das ist verlockend.

Von Jan Vogler

Ich reise gern und viel. Meist beruflich, aber immer bleibt Zeit für einige Momente der Begegnung, mit Menschen anderer Kontinente, mit anderen Kulturen, exotischen Landschaften. Aber wie wäre es, wenn ich in ein anderes Zeitalter reisen könnte? Das ist ein alter Traum von mir, befeuert durch Bücher und Filme wie Jean-Paul Sartres „Das Spiel ist aus“, Mark Twains „Ein Yankee am Hofe des König Artus“ oder Filme wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ oder „Zurück in die Zukunft“.

Für Neueinsteiger in der Zeitreisenfantasiewelt: Das Reisen in eine andere Zeit bringt einige grundsätzliche Schwierigkeiten und Versuchungen mit sich. Die einzige ungefährliche Rolle des Zeitreisenden ist die des Beobachters. Sobald wir beginnen, mit der Umwelt zu kommunizieren und Entscheidungen zu treffen, begeben wir uns in die Gefahr, die Zukunft oder Vergangenheit – sprich: heutige Gegenwart – zu verändern. Eine abschreckende und gleichzeitig verlockende Vorstellung, angefüllt mit philosophischen Herausforderungen.

Könnte ich wählen, würde ich in die Vergangenheit reisen. Möglich ist eine Zeitreise sowieso nur, wenn alle Zeitperioden ordentlich nebeneinander auf dem Skalensystem der Zeitabfolge aufgereiht sind. Meine Vorstellung und völlig abstrakte Fantasie präsentiert mir eine Situation, in der alle Zeitebenen gleichzeitig ablaufen, aber durch unser Handeln miteinander verbunden sind.

Reisen wir heute nach Berlin und Dresden um 1920. Die Eisenbahnverbindung zwischen beiden Städten war damals etwa 20 Minuten schneller als heute, Fortschritt ist also eine relative Sache. Künstlerisch waren die 20er Jahre der vergangenen 300 Jahre jeweils ein voller Erfolg. Johann Sebastian Bach auf dem Höhepunkt seines Schaffens um 1720, auch Norditalien und London im künstlerischen Schaffensfieber. Um 1820 die Geburt der Romantik in Mitteleuropa, für uns Musiker das Faszinosum „Später Beethoven trifft auf Schubert’sche Poesie“. Und dann die Golden Twenties! Die Blütezeit des Expressionismus, die Geburt des Bauhaus, die Entdeckung des rauschhaften Partylebens in Europa, als Droge gegen die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und die heraufziehenden dunklen Wolken des Faschismus.

Die Goldenen Zwanziger haben mich immer fasziniert, und meine heutige Zeitreise hat – wie die meisten Reisen – einen triftigen Grund: Ich möchte die deutschen expressionistischen Maler treffen. Einige von ihnen, wie Ernst Ludwig Kirchner, haben schon zehn Jahre zuvor an den idyllischen Moritzburger Teichen gemalt, in der revolutionären Künstlergemeinschaft „Die Brücke“. Dort, wo ich immer spazieren gehe, wenn wir unser jährliches Festival in Moritzburg bestreiten. Doch das ist eine andere Zeitreise. Nun, um 1920, sind sie und ihre neuen Mitstreiter oft in Berlin und Dresden und veranstalten ein malerisches Feuerwerk. Otto Dix in Dresden, Max Beckmann und George Grosz malen in und über Berlin – und im verschlafenen Hoyerswerda schafft das einsame Genie Carl Lohse. Er überlebt als Einziger seiner Kompanie den Ersten Weltkrieg und malt nun schon seit einem Jahr fast 150 Meisterwerke ohne Atempause, meist Porträts mit Feuer und Vision. Dix geht noch offensiver mit seinen Kriegserlebnissen und Traumata um, er malt Kriegsversehrte und Unterweltgestalten, sachlich und realistisch und doch mit Mitgefühl und Neugier. Kirchner und Beckmann malen die mondäne Großstadt als Reflexion einer kriegsgezeichneten Art Vergnügungshölle, während Grosz mit bissigem Humor seine Zeit skeptisch karikiert.

Ich möchte sie ausfragen, die bildnerischen Chronisten, die so nah und expressiv an ihrer Zeit sind, und herausfinden, welche Brücke sie bauen zwischen Fantasie und Realität.

Ich möchte ihren Unterhaltungen zuhören und herausfinden, wie klar sie die Zeichen der sich andeutenden Katastrophe in Deutschland deuten. Werde ich der Versuchung widerstehen können, ihnen etwas von der Zukunft zu erzählen? Sie zu warnen vor den sehr rasch heraufziehenden Wolken, die den anscheinend freizügigen Geist der 20er Jahre sehr schnell wegwehen werden?

Zurück in der Zukunft (und immer noch) auf meinem Sofa im Jetzt und Heute, habe ich viel gelernt und bin doch etwas ratlos. Soll ich darauf hoffen, dass Zeitreisende mit Weitblick unsere Gegenwart in der Zukunft oder Vergangenheit positiv beeinflussen? Nein, ich setze auf den Moment und habe bei meiner fiktiven Zeitreise gelernt: Mit offenen Sinnen, Energie, Empathie, Neugier und Gestaltungswillen ist unsere eigene Zeit die spannendste Reise und unser eigenes Leben das größte Abenteuer.

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