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Unser Autor würde sich gerne nie wieder aufregen über Klimawandel, Terror oder die Tatsache, dass man für die Freitagsspiele der Fußball-Bundesliga jetzt auch noch Eurosport abonnieren muss.

Kolumne

Ich wär so gerne erleuchtet

Immer entspannt und Teil eines großen Plans. Sehr verlockend.

Von Moritz Netenjakob

Erleuchtung wurde einmal als „Orgasmus mit der gesamten Schöpfung“ beschrieben – was immerhin Stechmücken und die Kandidaten von Promi-Big-Brother einschließt. Wer erleuchtet ist, hat angeblich alle Ursachen des Leids aus seinem Geist entfernt und erlebt nur noch Frieden.

Wäre das nicht wunderbar? Ich würde mich nie wieder aufregen über Klimawandel, Terror oder die Tatsache, dass man für die Freitagsspiele der Fußball-Bundesliga jetzt auch noch Eurosport abonnieren muss. Ich würde bei den „Tagesthemen“ selig vor mich hin kichern. Gespräche mit der Hotline der Deutschen Telekom wären faszinierende Einblicke in die Funktionsweise des menschlichen Geistes. Und wenn bei Maischberger Sätze fallen wie: „Lassen Sie mich bitte ausreden, wenn ich Sie unterbreche“ oder: „Ihre Argumentation verkennt auf infame Weise die Größe meines Genitals“, dann wüsste ich tief in meiner Seele: Auch dies gehört zum großen Plan.

Nichts, aber auch gar nichts könnte mich je wieder aus der Ruhe bringen. Staus, Staupe, großer Diktator, kleiner Feigling, Kollektivschuld, Schambeinentzündung, Super-GAU, Supergaudi, Beethovens Fünfte, die neue CD von Helene Fischer, Vogelzwitschern, Tweets von Donald Trump, Flatulenzen – alles heitere Kapriolen des kunterbunten Kosmos. Wie leicht wäre mein Leben! Ich würde mir keine Gedanken mehr machen, ob die FR7-Leser das Wort „Flatulenzen“ goutieren. Stattdessen würde ich Sätze schreiben wie „Keine Schneeflocke fällt auf die falsche Stelle“ oder „Der Tod ist ein Kamel, das sich vor jede Tür legt“. Vielleicht würde ich auch gar nichts mehr schreiben, weil ich viel zu viel Freude daran hätte, meinen Fingernägeln beim Wachsen zuzusehen oder an mittelschweren Sudokus zu scheitern. (Moment mal – sind Sudoku-Lösungen im Erleuchtungsfall nicht inklusive?)

Jetzt stellen Sie mir natürlich die berechtigte Frage: Wenn die Erleuchtung sooo toll ist, warum tun Sie denn gar nichts dafür, Herr Netenjakob? Tja. Hm. Tja. Hmmm. Gute Frage eigentlich ... Den meisten Quellen zufolge wird die Erleuchtung erst nach vielen Jahren intensiver Meditationspraxis erlangt. Und da fangen die Probleme schon an. Erstens: Ich könnte frühestens in 13 Monaten starten, denn bis dahin läuft mein Vodafone-Vertrag; und der Gedanke, dass mein gesamtes Datenvolumen ungenutzt verpufft, würde mich so massiv beim Meditieren stören, dass ich am Ende eher wahnsinnig wäre als erleuchtet. Zweitens habe ich eine Dauerkarte für den 1. FC Köln. Das schließt den Eintritt in ein tibetanisches Kloster leider aus. Drittens: Angeblich braucht man in Erleuchtungsfragen einen spirituellen Führer, und als Deutscher darf man sich einem solchen bekanntlich nicht mehr anschließen – selbst wenn man auf die Frage „Wollt ihr den totalen Frieden?“ noch so enthusiastisch „Jaaaaaaaaaa“ brüllen möchte. Viertens: Wenn das Ziel von Meditation darin besteht, das Denken zu verhindern – wo genau ist der Unterschied zu RTL2?

Zu guter Letzt: Selbst wenn es möglich wäre, die Erleuchtung zu erreichen, schleichen sich bei mir Zweifel an deren Alltagstauglichkeit ein. Wie würde meine Frau reagieren? Ein Orgasmus mit der gesamten Schöpfung könnte bei kleinlicher Auslegung als Ehebruch bezeichnet werden, zumal die Schöpfung Scarlett Johansson beinhaltet. Und wenn ich entsprechende Vorwürfe dann mit seligem Kichern quittierte ... Ich fürchte, man muss sich entscheiden: Ehe oder Erleuchtung.

Dann wird’s in diesem Leben wohl nichts mit dem Nirwana. Aber da kommen ja noch ein paar Extraleben, wenn wir den fernöstlichen Experten trauen. (Und das tue ich; immerhin wurde der Laptop, mit dem ich dieses schreibe, in China produziert.) So bleibt mir nur die verblassende Erinnerung an den einen Moment meines Lebens, als ich mich tatsächlich eins mit der Schöpfung fühlte: Am 5. Februar 2011, als der 1. FC Köln nach einem 0:2-Pausenrückstand noch 3:2 gegen Bayern München gewann: Podolski und zweimal Novakovic. Da ergab alles plötzlich Sinn. Immerhin bis zur nächsten Maischberger-Sendung.

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